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Kalter Schlaf: Ein Lucas-Davenport-Roman
 
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Kalter Schlaf: Ein Lucas-Davenport-Roman [Taschenbuch]

John Sandford , Manes H. Grünwald
3.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Unter der konventionellen Oberfläche entdeckt ein aufmerksamer Leser präzise Menschenportraits, realistische Beschreibungen, glaubwürdige Dialoge und die lakonische Erzählweise ist durchdrungen von einem sehr trockenen Humor." (hr-Info )

Kurzbeschreibung

Lucas Davenport, Spezialist für delikate Fälle bei der Staatsanwaltschaft von Minnesota, wird auf den Fall eines Russen angesetzt, der am Ufer des Lake Superior regelrecht hingerichtet wurde – mit 50 Jahre alter Munition. Als der Mann als Ex-KGB-Agent identifiziert wird, schicken das FBI und die Russen ihre eigenen Ermittler. Aus Moskau fliegt Major Nadezhda Kalin ein, eine attraktive, wenn auch etwas undurchsichtige Agentin. Davenport und Kalin kommen einem Spionagering auf die Spur, der seit den Zeiten des Kalten Krieges untergetaucht und vergessen war. Doch die Schläfer sind offenbar geweckt worden …



Klappentext

"John Sandfords Thriller sind Nerven zerreißend und hochintelligent!"
People

"John Sandford treibt die Spannung so hoch, dass dem Leser schwindelig wird!"
Booklist

"John Sandford macht einfach alles richtig!"
Washington Post

Über den Autor

John Sandford ist das Pseudonym des mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Journalisten John Camp. Seine Romane um den Polizisten Lucas Davenport erobern regelmäßig die Top Ten der amerikanischen Bestsellerlisten. John Sandford lebt in Minneapolis.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Letztes Aufbäumen des Sommers, tiefste Nacht …
Annabelle Ramford saß auf ihrer feuchten Decke inmitten eines von Goldrute bewachsenen Fleckens am Südufer des Oberen Sees und sah zu, wie ein großer buttergelber Mondball im Osten aufstieg. Zwischen den Oberschenkeln hielt sie eine Flasche New Yorker Pinot Noir sicher eingeklemmt. Der Geruch nach totem Fisch und Seetang und Dieselabgasen und dem ranzigen Schweiß ihres lange nicht mehr gewaschenen Baumwollhemdes umwehte sie, aber sie war von einem Gefühl der Wärme, der Behaglichkeit und des Friedens durchströmt, und sie war ein wenig betrunken.
Annabelles Freunde, soweit man von echten Freunden sprechen konnte, nannten sie Trey. Sie hatte schulterlanges rotblondes Haar, das wegen des fettigen Schmutzes dicht an den Seiten des Kopfes herunterhing, ein wettergegerbtes Gesicht mit harten grünen Augen, eine spitze Nase sowie einen viel zu mageren Körper mit eckigen Schultern und hervorstehenden Knochen. Am Kinn zeigte sich eine Narbe, von der sie stets als ihrem »besonderen Kennzeichen« sprach – wie man es in einem Polizeibericht lesen kann: »An der Leiche ist ein besonderes Kennzeichen zu finden, nämlich …«
Die Narbe bestand aus einem tief eingegrabenen umgekehrten C und war das Ergebnis eines Kampfes, den sie einmal in einem Obdachlosenheim in Albuquerque ausgefochten hatte. Ein Penner namens Buddy hatte sie ins Kinn gebissen, und als sie nach Beendigung des Kampfes wieder auf die Beine gekommen war, hatte sie stark geblutet, und ein Stück Fleisch aus ihrem Kinn hatte gefehlt. Buddy hatte es, wie sie annahm, zerkaut und runtergeschluckt. Sie hatte fast Verständnis dafür gehabt: Wenn man ein Penner ist, muss man jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um seinen Proteinbedarf zu decken.
Wie Buddy war auch Annabelle Rumford ein Tippelbruder.
Eine Tippelschwester, wie man natürlich korrekterweise sagen müsste.
Was habe ich doch einen langen, echt seltsamen Lebensweg hinter mir, dachte sie, vom Pinot Noir zunehmend zu philosophischen Gedanken angeregt. Sie war in einer wohlsituierten bürgerlichen Familie aufgewachsen und hatte eine sorgfältige Erziehung genossen – o ja, sie war auf Segelyachten über den Oberen See gekreuzt, und deshalb war sie im Sommer auch nach Duluth zurückgekehrt. Nach dem Besuch von Privatschulen in St. Paul hatte sie an der Universität von Minnesota studiert – Hauptfach Soziologie –, war dann zur juristischen Fakultät gewechselt – Hauptfach Marihuana und Gin Tonic –, hatte jedoch das Examen geschafft und über die Beziehungen ihres Vaters einen Job in der Abteilung »Pflichtverteidiger« der Justizverwaltung des Hennepin County bekommen. Dort war sie vornehmlich mit der Anhörung von Vergewaltigern und Drogendealern auf dem Höhepunkt der Crack-Welle beschäftigt gewesen.
Crack … Wenn Trey die Augen schloss, konnte sie das rauschhafte Gefühl nachempfinden, wie sich ihr Geist unter dem Einfluss der Droge vom Körper löste. Sie hatte Crack mehr geliebt als jemals einen ihrer Mitmenschen. Aber Crack hatte sie als Erstes den Job gekostet, dann alle clean gebliebenen Freunde und schließlich auch ihre Eltern, die resigniert und sie als unrettbar abgeschrieben hatten. Selbst ganz zum Schluss, als es so weit gekommen war, dass sie ihren Körper an den Crack-Dealer verkaufen musste, um an den Stoff zu
kommen, war ihr das noch als durchaus angemessener Handel erschienen.
Als sie schließlich vier Jahre nach dem Abtauchen in den permanenten Crack-Rausch wieder zu sich selbst zurückfand, hatte sie keine Chance mehr auf ein normales Leben, und nach drei Tripper-Erkrankungen konnte sie noch zufrieden sein, dass sie nicht auch noch mit AIDS angesteckt worden war. Und seitdem zog sie als Tippelschwester durchs Land.
Ein echt seltsames Leben, und es wurde immer seltsamer …

Nördlich ihres Lagerplatzes am Rand des Frachthafens waren die schwankenden Lichter eines Segelbootes zu sehen, dahinter erstreckten sich die Lichter der Straßenlaternen und Häuser entlang des Minnesota Point, der schmalen Landzunge jenseits der Hafeneinfahrt. Das Segelboot ankerte rund fünfhundert Meter von ihr entfernt, aber sie konnte das helle Klingen und Klirren hören, mit dem irgendwelche Metallteile gegen den Aluminiummast schlugen, hin und wieder auch Musikfetzen, Sinatra oder Tony Bennett, dazwischen das Lachen einer Frau.
Über ihr eine Million Sterne. Und rechts von ihr noch einmal eine Million Sterne, näher, größer, farbiger – die nächtlichen Lichter von Duluth, die nach Norden den Höhenzug hinaufstiegen.
Der Sommer lag im Sterben, und es war kühl. Die Brise vom See her biss ins Fleisch. Am Tag zuvor hatte sie im Goodwill-Store, einem Kleiderladen des Sozialdienstes für Obdachlose, eine lange Winterjacke der tschechischen Armee ergattert, und sie zog den Wollkragen fest um den Hals. Die Wassertemperatur des Oberen Sees stieg selbst mitten im Sommer kaum einmal deutlich über zehn Grad Celsius, und in dem Wind hier war stets ein Hauch von Winter zu spüren. Aber in dieser Jacke war ihr warm, innerlich und äußerlich.
Sie nahm einen Schluck aus der Pulle, wischte sich die Lippen mit der freien Hand ab, genoss den intensiven Traubengeschmack. Noch ein Monat, dachte sie.
Noch ein Monat hier, dann musste sie sich wieder auf den Weg machen. Zurück nach Santa Monica zum Überwintern. Santa Monica gefiel ihr eigentlich nicht. Zu viele Penner. Aber hier in Minnesota konnte man glatt erfrieren; man konnte sich mit billigem Whiskey voll laufen lassen und alles um sich herum vergessen, und am nächsten Morgen fanden die Cops einen irgendwo in einem Hauseingang, steif gefroren, halb sitzend zum L erstarrt in Anpassung an die Türeinfassung. Sie hatte so was schon öfter gesehen.
Im Moment hatte sie jedoch einen guten Unterschlupf – einen Schuppen, in dem sie sicher und verborgen und trocken und kostenlos untergebracht war. Weibliche Landstreicher hatten ein härteres Leben als männliche. Niemand war daran interessiert, einen heruntergekommenen fünfunddreißigjährigen Penner, zahnlos, von Krätze heimgesucht, das Gesicht hinter einem verfilzten langen Bart verborgen, zu vergewaltigen; aber Frauen, wie heruntergekommen sie auch waren, besaßen diese geheimnisvolle Körperstelle, in die Männer stets eindringen wollten, auch wenn sie damit nur zu beweisen suchten, dass sie noch Männer waren, irgendwie, irgendwann. Und um diesen Beweis noch intensiver zu führen, gaben sie sich nicht mit einer einfachen Vergewaltigung zufrieden; sie meinten oft, sie müssten die Frauen zusätzlich auch noch halb tot prügeln.
Manche Frauen hatten sich so daran gewöhnt, dass ihnen das kaum etwas ausmachte, aber Trey war noch nicht so tief gesunken. Wenn man den Schmutz von ihr abkratzte, sah sie gar nicht schlecht aus. Manchmal arbeitete sie noch, als Kellnerin, als Fastfood-Köchin, als abrufbares Gelegenheitsdienstmädchen. Und sie war noch nicht an dem Punkt angekommen, ihren Körper häufig zu verkaufen.
Hier in Duluth verlief ihr Tag in recht angenehmen Routinebahnen. Am Morgen nahm sie der Busfahrer auf der Linie entlang der Garfield Avenue – sein Name war Tony – ohne Bezahlung mit in die Stadt. Auf der Mall im Stadtzentrum gab es ein überwachtes öffentliches Badehaus des Sozialdienstes. Und nach der mehr oder weniger gründlichen Morgentoilette stieg sie zur Miller Hill Mall hinauf, um dort mit ihrem raffiniert ausgeklügelten Schnorren zu beginnen. Sie achtete dabei stets darauf, keinem Bewachungsdienst oder Cop aufzufallen, und sie suchte sich sorgfältig die Leute aus, die sie anschnorrte: Haben Sie einen Dollar übrig? Haben Sie einen Dollar für mich, bitte? Mit ihren hervorstehenden dünnen Wangenknochen und den hungrigen grünen Augen gab sie das perfekte Bild des von Gott und der Welt verlassenen Menschen ab. An guten Tagen nahm sie fünfzig Dollar ein. In Santa Monica war so was nicht möglich.
Sie nahm noch einen Schluck von ihrem Wein, lehnte sich zurück, hörte wieder das...

Auszug aus Kalter Schlaf. von John Sandford, John Camp, Manes H. Grünwald. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Letztes Aufbäumen des Sommers, tiefste Nacht ...
Annabelle Ramford saß auf ihrer feuchten Decke inmitten eines von Goldrute bewachsenen Fleckens am Südufer des Oberen Sees und sah zu, wie ein großer buttergelber Mondball im Osten aufstieg. Zwischen den Oberschenkeln hielt sie eine Flasche New Yorker Pinot Noir sicher eingeklemmt. Der Geruch nach totem Fisch und Seetang und Dieselabgasen und dem ranzigen Schweiß ihres lange nicht mehr gewaschenen Baumwollhemdes umwehte sie, aber sie war von einem Gefühl der Wärme, der Behaglichkeit und des Friedens durchströmt, und sie war ein wenig betrunken.
Annabelles Freunde, soweit man von echten Freunden sprechen konnte, nannten sie Trey. Sie hatte schulterlanges rotblondes Haar, das wegen des fettigen Schmutzes dicht an den Seiten des Kopfes herunterhing, ein wettergegerbtes Gesicht mit harten grünen Augen, eine spitze Nase sowie einen viel zu mageren Körper mit eckigen Schultern und hervorstehenden Knochen. Am Kinn zeigte sich eine Narbe, von der sie stets als ihrem »besonderen Kennzeichen« sprach - wie man es in einem Polizeibericht lesen kann: »An der Leiche ist ein besonderes Kennzeichen zu finden, nämlich ...«
Die Narbe bestand aus einem tief eingegrabenen umgekehrten C und war das Ergebnis eines Kampfes, den sie einmal in einem Obdachlosenheim in Albuquerque ausgefochten hatte. Ein Penner namens Buddy hatte sie ins Kinn gebissen, und als sie nach Beendigung des Kampfes wieder auf die Beine gekommen war, hatte sie stark geblutet, und ein Stück Fleisch aus ihrem Kinn hatte gefehlt. Buddy hatte es, wie sie annahm, zerkaut und runtergeschluckt. Sie hatte fast Verständnis dafür gehabt: Wenn man ein Penner ist, muss man jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um seinen Proteinbedarf zu decken.
Wie Buddy war auch Annabelle Rumford ein Tippelbruder.
Eine Tippelschwester, wie man natürlich korrekterweise sagen müsste.
Was habe ich doch einen langen, echt seltsamen Lebensweg hinter mir, dachte sie, vom Pinot Noir zunehmend zu philosophischen Gedanken angeregt. Sie war in einer wohlsituierten bürgerlichen Familie aufgewachsen und hatte eine sorgfältige Erziehung genossen - o ja, sie war auf Segelyachten über den Oberen See gekreuzt, und deshalb war sie im Sommer auch nach Duluth zurückgekehrt. Nach dem Besuch von Privatschulen in St. Paul hatte sie an der Universität von Minnesota studiert - Hauptfach Soziologie -, war dann zur juristischen Fakultät gewechselt - Hauptfach Marihuana und Gin Tonic -, hatte jedoch das Examen geschafft und über die Beziehungen ihres Vaters einen Job in der Abteilung »Pflichtverteidiger« der Justizverwaltung des Hennepin County bekommen. Dort war sie vornehmlich mit der Anhörung von Vergewaltigern und Drogendealern auf dem Höhepunkt der Crack-Welle beschäftigt gewesen.
Crack ... Wenn Trey die Augen schloss, konnte sie das rauschhafte Gefühl nachempfinden, wie sich ihr Geist unter dem Einfluss der Droge vom Körper löste. Sie hatte Crack mehr geliebt als jemals einen ihrer Mitmenschen. Aber Crack hatte sie als Erstes den Job gekostet, dann alle clean gebliebenen Freunde und schließlich auch ihre Eltern, die resigniert und sie als unrettbar abgeschrieben hatten. Selbst ganz zum Schluss, als es so weit gekommen war, dass sie ihren Körper an den Crack-Dealer verkaufen musste, um an den Stoff zu
kommen, war ihr das noch als durchaus angemessener Handel erschienen.
Als sie schließlich vier Jahre nach dem Abtauchen in den permanenten Crack-Rausch wieder zu sich selbst zurückfand, hatte sie keine Chance mehr auf ein normales Leben, und nach drei Tripper-Erkrankungen konnte sie noch zufrieden sein, dass sie nicht auch noch mit AIDS angesteckt worden war. Und seitdem zog sie als Tippelschwester durchs Land.
Ein echt seltsames Leben, und es wurde immer seltsamer ...

Nördlich ihres Lagerplatzes am Rand des Frachthafens waren die schwankenden Lichter eines Segelbootes zu sehen, dahinter erstreckten sich die Lichter der Straßenlaternen und Häuser entlang des Minnesota Point, der schmalen Landzunge jenseits der Hafeneinfahrt. Das Segelboot ankerte rund fünfhundert Meter von ihr entfernt, aber sie konnte das helle Klingen und Klirren hören, mit dem irgendwelche Metallteile gegen den Aluminiummast schlugen, hin und wieder auch Musikfetzen, Sinatra oder Tony Bennett, dazwischen das Lachen einer Frau.
Über ihr eine Million Sterne. Und rechts von ihr noch einmal eine Million Sterne, näher, größer, farbiger - die nächtlichen Lichter von Duluth, die nach Norden den Höhenzug hinaufstiegen.
Der Sommer lag im Sterben, und es war kühl. Die Brise vom See her biss ins Fleisch. Am Tag zuvor hatte sie im Goodwill-Store, einem Kleiderladen des Sozialdienstes für Obdachlose, eine lange Winterjacke der tschechischen Armee ergattert, und sie zog den Wollkragen fest um den Hals. Die Wassertemperatur des Oberen Sees stieg selbst mitten im Sommer kaum einmal deutlich über zehn Grad Celsius, und in dem Wind hier war stets ein Hauch von Winter zu spüren. Aber in dieser Jacke war ihr warm, innerlich und äußerlich.
Sie nahm einen Schluck aus der Pulle, wischte sich die Lippen mit der freien Hand ab, genoss den intensiven Traubengeschmack. Noch ein Monat, dachte sie.
Noch ein Monat hier, dann musste sie sich wieder auf den Weg machen. Zurück nach Santa Monica zum Überwintern. Santa Monica gefiel ihr eigentlich nicht. Zu viele Penner. Aber hier in Minnesota konnte man glatt erfrieren; man konnte sich mit billigem Whiskey voll laufen lassen und alles um sich herum vergessen, und am nächsten Morgen fanden die Cops einen irgendwo in einem Hauseingang, steif gefroren, halb sitzend zum L erstarrt in Anpassung an die Türeinfassung. Sie hatte so was schon öfter gesehen.
Im Moment hatte sie jedoch einen guten Unterschlupf - einen Schuppen, in dem sie sicher und verborgen und trocken und kostenlos untergebracht war. Weibliche Landstreicher hatten ein härteres Leben als männliche. Niemand war daran interessiert, einen heruntergekommenen fünfunddreißigjährigen Penner, zahnlos, von Krätze heimgesucht, das Gesicht hinter einem verfilzten langen Bart verborgen, zu vergewaltigen; aber Frauen, wie heruntergekommen sie auch waren, besaßen diese geheimnisvolle Körperstelle, in die Männer stets eindringen wollten, auch wenn sie damit nur zu beweisen suchten, dass sie noch Männer waren, irgendwie, irgendwann. Und um diesen Beweis noch intensiver zu führen, gaben sie sich nicht mit einer einfachen Vergewaltigung zufrieden; sie meinten oft, sie müssten die Frauen zusätzlich auch noch halb tot prügeln.
Manche Frauen hatten sich so daran gewöhnt, dass ihnen das kaum etwas ausmachte, aber Trey war noch nicht so tief gesunken. Wenn man den Schmutz von ihr abkratzte, sah sie gar nicht schlecht aus. Manchmal arbeitete sie noch, als Kellnerin, als Fastfood-Köchin, als abrufbares Gelegenheitsdienstmädchen. Und sie war noch nicht an dem Punkt angekommen, ihren Körper häufig zu verkaufen.
Hier in Duluth verlief ihr Tag in recht angenehmen Routinebahnen. Am Morgen nahm sie der Busfahrer auf der Linie entlang der Garfield Avenue - sein Name war Tony - ohne Bezahlung mit in die Stadt. Auf der Mall im Stadtzentrum gab es ein überwachtes öffentliches Badehaus des Sozialdienstes. Und nach der mehr oder weniger gründlichen Morgentoilette stieg sie zur Miller Hill Mall hinauf, um dort mit ihrem raffiniert ausgeklügelten Schnorren zu beginnen. Sie achtete dabei stets darauf, keinem Bewachungsdienst oder Cop aufzufallen, und sie suchte sich sorgfältig die Leute aus, die sie anschnorrte: Haben Sie einen Dollar übrig? Haben Sie einen Dollar für mich, bitte? Mit ihren hervorstehenden dünnen Wangenknochen und den hungrigen grünen Augen gab sie das perfekte Bild des von Gott und der Welt verlassenen Menschen ab. An guten Tagen nahm sie fünfzig Dollar ein. In Santa Monica war so was nicht möglich.
Sie nahm noch einen Schluck von ihrem Wein, lehnte sich zurück, hörte wieder das Lachen der Frau auf dem Segelboot. Und dann, kurz darauf, etwas anderes.
Da kam jemand.

Carl Walther saß reglos da, den Rücken gegen die Wand des Getreidesilos gelehnt, die Sinne in die Nacht hinaus gerichtet, die kalte Pistole in der Hand. Er konnte den Aufzug im Inneren des Silos hören, der unabblässig Getreide nach oben zum Sinkrohr schaffte, auch das Rauschen, mit dem die Körner durch das Rohr in den Schiffsbauch glitten.
So wie jetzt hatte er schon öfter wartend dagesessen, auf einem Hochsitz bei der Hirschjagd, und er hatte dabei in das morgendliche Dunkel hineingehorcht, ob Geräusche herannahendes Wild verrieten. Mit wachsamen Blicken hatte er versucht, Bewegungen im Zwielicht zu entdecken. Wie auf dem Hochsitz bei der Jagd spannte er auch jetzt, im Hinterhalt auf sein Opfer lauernd, alle Sinne an ... Während die Minuten verstrichen, gingen ihm auch andere Gedanken durch den Kopf: Zunächst einmal meinte er, er spüre Käfer auf seinem Körper herumkrabbeln, dann summte eine Schnake an seinem Ohr vorbei. Und dann: Er brauchte dringend einen neuen Job, irgendwas, das nichts mit Essen zu tun hatte - sechs Monate bei einem Pizzabäcker waren mehr als genug.
Und er dachte an Mädchen. Randy McAndrews, der Sportstar der Schule, hatte neulich nach der Sportstunde im Umkleideraum große Reden geschwungen, wobei Carl nur als Zuhörer im dritten Glied geduldet worden war, und Randy hatte gesagt, Sally Umana habe ihm im Hinterzimmer von Cheeney's Drive-In schon öfter einen geblasen und ihm damit die dringend benötigte Abkühlung verschafft. Diese Behauptung hatte ein halbes Dutzend ungläubig gemurmelter Grunzer Quatsch! und Angeber! hervorgerufen, aber Randy hatte geschworen, es sei die reine Wahrheit. Carl hatte wie die anderen ungläubig gegrunzt, aber als ihm kurz darauf die blonde Sally im Flur des Schulgebäudes begegnet war, hatte er augenblicklich einen prallen Steifen entwickelt, den er beim Weitergehen unbeholfen hinter einem vorgehaltenen Notizheft verstecken musste.
Und als er jetzt, in seinem Hinterhalt in der Dunkelheit, daran zurückdachte, merkte er, dass das Gleiche wieder geschah - beim Gedanken an einen auf- und abzuckenden blonden Mädchenkopf ...
Er hörte Stimmen an Deck des Frachtschiffs; entfernte Stimmen. Er veränderte seine Sitzposition und horchte hinaus in die Nacht. Wo zum Teufel blieb der Kerl? Er schob den Hemdsärmel zurück und sah auf die Uhr: Mein Gott - erst sechs Minuten waren seit dem letzten Blick auf die Uhr vergangen. Ihm kam es eher wie eine Stunde vor. Dieselbe Situation wie auf dem Hochsitz bei der Hirschjagd - warten auf den Anbruch der Morgendämmerung.
Er war nicht wirklich angespannt; jedenfalls nicht so angespannt wie damals, als er sein erstes Lebewesen, einen Hund, erschossen hatte. Er dachte oft daran zurück, an den schwarzweißen Köter aus dem Tierasyl, da draußen im Wald.
»Warum wirst du diesen Hund erschießen?«, fragte Grandpa.
»Weil es erforderlich ist, dass ich mich gegen den Schock des Tötens wappne«, rasselte er die auswendig gelernte Phrase herunter, wie bei der Pfadfinderprüfung oder einem Test im Kommunionunterricht.
»Richtig. Wenn du eine Waffe einsetzt, wenn du selbst zu einer Waffe wirst, musst du dich voll konzentrieren. Kein Mitleid, kein Bedauern, keine Fragen, da diese Dinge dich nur aufhalten und dein Handeln verlangsamen. Alle Fragen müssen hinter dem Prinzip des Vertrauens zurückstehen: Deine Chefs befehlen dir, eine bestimmte Handlung auszuführen, und du führst sie aus. Das ist das höchste Prinzip in deinem Beruf.«
»Okay.«
»Denke stets daran, was Lenin gesagt hat: »In der Politik gibt es keine Moral, es gibt nur das, was dem Zweck dient.««
»Okay.« Genug von Lenin ...
Und dann sagte der alte Mann: »So, töte jetzt den Hund.«
Er erinnerte sich, dass er mit der Zunge über die Lippen gefahren war, als er den Schieber der Pistole betätigt hatte. Der Hund schien zu erkennen, dass da etwas Gefährliches vor sich ging, sah ihn aus kleinen schwarzen Augen an, bettelte um Mitleid, von dem er im Tierasyl bestimmt nicht viel erfahren hatte. Dann resignierte er, drehte sich weg, als ob er wisse, was jetzt passieren würde.
Carl schoss ihm in den Hinterkopf.
Kein Problem. Überhaupt nicht schwierig; eine gewisse Genugtuung meldete sich sogar in seinem Bewusstsein. Das überraschte ihn. Der Schock kam einige Minuten später beim Vergraben des Kadavers. Der kleine Hundekörper war noch warm, als er ihn hochhob, aber das Tier war tot, für immer und ewig, und keine Macht der Welt konnte es wieder ins Leben zurückbringen. Er erinnerte sich, wie er auf das kleine Grab gestarrt und gedacht hatte: Ist das alles wirklich wahr?
Danach waren weitere Hunde seiner Ausbildung zum Opfer gefallen, und Carls Seele hatte sich verhärtet. Er hatte schließlich keine Angst mehr vor den Fahrten in den Wald. Die Sache machte ihm andererseits aber auch keinen Spaß; es war einfach nur so, dass keine Gefühle mehr dabei im Spiel waren.
Er saß jetzt mit gesenktem Kopf da. Würde es bei einem Menschen schwieriger sein? Er bezweifelte das. Er mochte Hunde mehr als die meisten Menschen, die er kannte. Und während die Exekutionen der Hunde nur einem Test gedient hatten, war das Erschießen dieses Mannes absolut notwendig ...
Und dann zuckte das Licht der Autoscheinwerfer über das Ödland, entlang dem Eisenbahngleis. Ein Auto rumpelte über die unebene Fahrspur, hielt zweihundert Meter entfernt an. Ein gelbes Licht auf dem Dach - ein Taxi. Carl entsicherte die Pistole, spürte das Gewicht der Waffe in der Hand; hielt den Finger ausgestreckt neben dem Abzug, wie man es ihm beigebracht hatte.

Rodion Oleschew blieb allein in der Dunkelheit zurück.
Die Türverriegelungen des Taxis schnappten zu, und es fuhr davon, zurück zu den Lichtern entlang der Hügelkette, zurück in die Stadt. Oleschew starrte finster hinter ihm her; der Taxifahrer, ein Schwede ausweislich seiner Taxilizenz an der Sonnenblende des Wagens, hatte sich starrköpfig geweigert, noch weiter auf dem Feldweg in die Dunkelheit hineinzufahren. Es könne bei den vielen Schlaglöchern zu einem Achsenbruch kommen, hatte er behauptet. Verdammte Schweden. Es wimmelte von ihnen in dieser Gegend.
Oleschew war ein breitschultriger Mann in einer schwarzen Lederjacke, schwarzen Jeans und schlichten militärischen Schnürschuhen. Er hatte sich am Morgen nicht rasiert, und der dornige Zweitagebart scheuerte unangenehm am Hemdkragen. Er trug eine schwarze Nylon-Aktentasche. Darin steckten seine Seemannspapiere, eine Digitalkamera, eine Sonnenbrille und ein Laptop.
Die Nacht war angenehm, eine schwache spätsommerliche Brise wehte vom kühlen Wasser des Sees herüber, der Vollmond stand am Himmel, und er konnte, rund sechs Meilen entfernt, deutlich die Lichter eines großen Gebäudes am Seeufer sehen. Vor ihm, viel näher, nur zweihundert Meter entfernt, ragte der Rumpf des Frachtschiffs Potemkin an seinem Liegeplatz im Getreidehafen auf. Das Deck des Schiffs war in das Licht von Scheinwerfern gebadet, während es Hartweizen aus North Dakota an Bord nahm.
Sehr viel Licht da vorne, dachte Oleschew, nur in meiner näheren Umgebung nicht. Das ganze Gelände südlich des Getreidehafens war Ödland, von hüfthohem Unkraut überwuchert, stellenweise mit Industrieschutt bedeckt und von unbefestigten Wegen und Eisenbahngleisen durchzogen, und der Gestank von Dieselabgasen hing in der Luft. Das Mondlicht war kaum hilfreich, warf überall harte Schatten, ließ Schlaglöcher wie Höcker und Höcker wie ebene Stellen aussehen. Oleschew ging langsam auf die Potemkin zu, schob sich Schritt für Schritt voran; sah ein helles Glänzen vor sich im Dreck, wie von einer Messerklinge, schob die Schuhspitze dagegen, ertastete den Stahl eines ersten Eisenbahngleises.
»Beschissener gottverdammter Ort«, murmelte er laut vor sich hin.
Oleschew war nicht glücklich, wenn er daran dachte, dass er den Anruf über das Satelliten-Telefon nach Russland machen musste. Die Dinge waren komplizierter, als man erwartet hatte. Die Führungsgruppe beim SVR hatte entweder Zustimmung oder Ablehnung erwartet, war darauf vorbereitet gewesen, bei Ablehnung mit Geld zu reagieren, als Geste des guten Willens, oder aber mit Erpressung. Aber es war nichts dabei herausgekommen als ... nun ja, Scheißdreck ...
Was hatte der große alte Mann gesagt? »Es ist unmöglich, die Entwicklung einer Revolution vorauszuberechnen und den Zeitpunkt ihres Ausbruchs vorherzusagen. Diese Dinge werden von ihren eigenen, mehr oder weniger rätselhaften Gesetzen beherrscht ...«
Verdammter Wladimir Iljitsch Lenin. Oleschew spuckte ins Unkraut, als ihm all das durch den Kopf ging. Scheißdreck und noch mal Scheißdreck ... Die Leute hier schwammen darin. Sie waren Kommunisten. Eine wahrhaft verrückte Sache. Irgendwie hatte man Russen erwartet - und war auf Kommunisten gestoßen.
Die Politik machte alles schrecklich kompliziert ... Er stolperte wieder einmal, fluchte laut in die stille Nacht hinein, ging noch vorsichtiger, wütend und mit seinem Schicksal hadernd, weiter auf das wartende Schiff zu.

Oleschew war gerade hinaus ins Licht getreten, auf die Betonfläche des Getreidehafens, als ein anderer Mann seitlich von ihm aus dem Schatten auftauchte. Der Mann trat seltsamerweise rückwärts ins Licht, aber Oleschew sah, dass er an seinem Hosenstall herumfummelte, den Reißverschluss hochzog.
Der hat pinkeln müssen, dachte Oleschew, und nach dem ersten Schreck entspannte er sich ein wenig, gerade so viel, dass er nicht mehr auf eine Konfrontation mit dem Mann eingestellt war. Der Mann drehte sich um, und Oleschew sah jetzt seine rosa Apfelwangen und das blonde Haar, und der Gedanke zuckte durch seinen Kopf, dass der Blonde wohl ein Angehöriger der Crew der Potemkin sei, ein Matrose auf Nachtwache, ein Mann, den er nicht kannte.
»Mr. Moschalow ...«
Nein, kein Matrose der Potemkin, nicht mit diesen runden, schwedisch klingenden Os ... Der Mann streckte die Hand aus. Nicht, um sie Oleschew zu schütteln. Die Hand umklammerte eine Pistole, und als Oleschew das erkannte, zuckte ein anderer Gedanke durch seinen Kopf, ein Satz aus seiner Ausbildung: Schrei den Angreifer an!

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