"Kalter Krieg um Speer und Heß" ist ein Werk, daß den o.g. positiven "Pressestimmen" bei Erscheinen durchaus gerecht wird, was den Inhalt angeht.
ABER:
Der Autor hat sein Buch ganz offensichtlich eher für die amerikanische Leserschaft verfaßt, keinesfalls aber für den deutschen, nur halbwegs historisch interessierten Leserkreis. Dies mache ich an folgenden Punkten fest:
- es existiert im deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten umfangreiches Schriftgut zum Thema 'Spandauer Kriegsverbrechergefängnis, dem der Autor nur marginale und periphäre "Neuigkeiten" hinzuzufügen weiß.
- der Autor schreibt in einem Stil, der in Bezug auf die verurteilten Hauptkriegsverbrecher nur als tendenziell und unterschwellig aggressiv umschrieben werden kann. Sollte der Autor in seinem persönlichen Umfeld evtl. Nachfahren von vom Nazi-Terror Betroffenen haben, wäre sein missionarischer Eifer, mit dem er jeden seinerzeitigen Versuch, den Gefangenen Hafterleichterungen zu verschaffen, in ein negatives Licht rückt, ja noch zu erklären. Aber darüber weiß man nichts. Dem Häftling Speer wird besonders jede Echtheit seiner Reue abgesprochen, obwohl ich nach Lektüre von rund 10-15 anderen Büchern über Speer sagen kann, daß dies nur eine der möglichen Sichtweisen auf Speer darstellt und keineswegs die objektiv erwiesene Wahrheit. Eine sachliche und emotionsfreie Darstellung hätte ich für angemessener gehalten: Aber eben mit dieser Darstellungsart scheint der Autor beim amerikanischen Publikum Punkte machen zu wollen/müssen.
- der Autor beschreibt als bekannt vorauszusetzende Tatbestände wie die Blockade Berlins, der Teilung der Stadtverwaltung in Senat und Magistrat, die Bildung von Bizone, Bundesrepublik und DDR in einer diesem schmalen Buch unangemessenen Breite, die sich nur an die (verständliche) Unwissenheit der amerikanischgen Leser wenden kann.
Für all das ein Stern Abzug.
Die Lektoren und/oder Übersetzer des Werkes haben sich offenbar keine besondere Mühe gemacht, bei der Rückübersetzung von ursprünglich deutschen Begriffen aus dem englischen Original des Buches darauf zu achten, daß diese korrekt sind. Oder liegt es an mangelnden historischen Kenntnissen, daß Konstantin Freiherr von Neurath plötzlich als 'Baron von Neurath' firmiert? Die Stadtverwaltung von Berlin (West) wird an einer Stelle als 'Magistrat (Stadtrat) von West-Berlin' bezeichnet, korrekt wäre 'Senat von Berlin (West)'. Der genaue Leser findet sicher weitere Beispiele.
Auch dafür ein Stern Abzug.
Unter Berücksichtigung dieser beiden 'Makel' ist das Buch durchaus für alle Leser zu empfehlen, die neu zur Thematik stoßen und andere Werke wie z.B. die wesentlich interessanter geschriebenen Erinnerungen von Tony Le Tissier nicht kennen.