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Kaltenburg: Roman (suhrkamp taschenbuch)
 
 
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Kaltenburg: Roman (suhrkamp taschenbuch) [Taschenbuch]

Marcel Beyer
3.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 2 (20. Juli 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518461036
  • ISBN-13: 978-3518461037
  • Größe und/oder Gewicht: 17,8 x 10,8 x 2,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 136.579 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Marcel Beyer
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Produktbeschreibungen

kulturnews.de

Marcel Beyer baut seinen neuen Roman um die Lebensdaten einer historischen Person: Sein Held Ludwig Kaltenburg hat vieles mit dem österreichischen Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz gemein. Beide hatten eine Professur in Königsberg, sie dehnten ihre tierpsychologischen Lehren auf den Menschen aus, arbeiteten der Rassenideologie der Nazis zu und wurden zum Ende ihres Lebens von dieser Vergangenheit eingeholt. Dazu gibt es weitere Figuren, die an reale Personen angelehnt sind - etwa an den Tierfilmer Heinz Sielmann oder den Künstler Joseph Beuys. Und es gibt den Icherzähler Hermann Funk, einen Ornitologen, der als Kind bei der Bombardierung Dresdens seine Eltern verliert und zum Ziehsohn Kaltenburgs wird. Vom Nationalsozialismus über die DDR bis zur Wendezeit ist "Kaltenburg" eine eigenwillige und hochintelligente Auseindersetzung mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Doch dabei geht es Beyer nicht um die Aufdeckung historischer Zusammenhänge oder um Schuldzuweisungen. Durch seinen Icherzähler wird der Roman zu einer Studie über die psychologische Wahrnehmung von Geschichte und stellt die Wahrhaftigkeit von Erinnerungen in Frage. Dabei gelingen Beyer unvergessliche Bilder - wie die Beschreibung der verbrannten Vögel, die in der Dresdener Bombennacht vom Himmel regnen: "Ich rannte zwischen den Bäumen und Kratern und dann den Menschen auf der Lichtung umher, doch je länger ich lief, um so verzweifelter erschien mir meine Lage, überall kamen diese verbrannten Brocken herunter, und selbst, wenn ich glaubte, einen Moment lang verschnaufen zu können, unter der umgelegten Wurzel einer großen Eiche, im Schatten einer freistehenden Mauer, hörte ich sie überall um mich herum auf den Boden aufschlagen, als kämen sie näher, als kreisten mich die tot aus dem Himmel fallenden Vögel ein." (cs) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Kurzbeschreibung

Wer ist Kaltenburg? Ein Ornithologe und Verhaltensforscher, der nach dem Krieg in Dresden ein Forschungsinstitut aufbaut. Ein Exzentriker, der den Dienstwagen samt Stasi-Chauffeur stehen lässt und Motorrad fährt. Für Hermann Funk, der seine Eltern in der Dresdner Bombennacht verlor, wird er zum Ziehvater. Als alter Mann erinnert sich Funk: an die Gründung des Institutes und der DDR, an Kaltenburgs plötzliches Verschwinden nach dem Mauerbau, an ein möglicherweise dunkles Kapitel in dessen Vergangenheit. Vor dem Hintergrund von einem halben Jahrhundert DDR-Geschichte erzählt Marcel Beyer in seinem hochgelobten Roman meisterlich von menschlichen Lebensläufen. Joseph-Breitbach-Preis 2008

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27 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Leben heißt Beobachten 18. März 2008
Von Heike Geilen HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Beyer der "Erfinder der Wirklichkeit", der "Magier authentischer Illusion", dessen Personen eine derartige Authentizität vermitteln und trotz Nachgoogeln nicht zu finden sind, hat einen neuen Roman vorgelegt.
In äußerst sparsamen Dialogen, aber einer dafür umso präziseren Beobachtungsgabe seiner Umwelt und einer nachdenklichen, sehr genauen Sprache, gelingt Beyer ein großartiges Panorama des vergangenen letzten Jahrhunderts.

Angelegt ist der Roman "Kaltenburg" als Lebensrückblende des Ornithologen Hermann Funk, der als Ich-Erzähler fungiert. Seit seiner Kindheit steht er in einem mehr oder weniger engen Abhängigkeitsverhältnis zu Ludwig Kaltenburg, einem renommierten Biologen.

Die ersten zaghaften Erinnerungen des Ich-Erzählers setzen in Posen in den Dreißiger Jahren ein und kulminieren mit der Flucht der Familie Funk nach Dresden. Doch der vermeintliche Zufluchtsort sollte sich als Farce herausstellen. Funk gerät in das Hölleninferno des Angriffs vom 13. Februar 1945, bei dem das Elbflorenz, durch das er noch am Tag zuvor mit seiner Mutter flanierte, dem Erdboden gleichgemacht wurde. Der Junge verliert seine Eltern und kommt bei einer Pflegefamilie um.

Gerade diese Erinnerungen des Flammeninfernos, das Hermann Funk als kleiner Junge im "Großen Garten", einer weitläufigen Grünanlage im Herzen der Stadt, überlebt, ist äußerst intensiv und emotional erschütternd gezeichnet. Doch nicht den Menschen erlebt Funk in seinen kindlichen Beobachtungen, sondern das sinnlose und erschütternde Sterben von Vögeln. Eine unglaublich intensive und affektive Textpassage gelingt Marcel Beyer an dieser Stelle.

Für Funkes weiteren Lebenslauf sollten fortan Vögel prägend sein. Intensiviert auch durch eine Widerbegegnung mit Ludwig Kaltenburg hier in Dresden, der im renommierten Stadtteil Loschwitz ein anerkanntes Ornithologisches Institut eröffnet und der bereits in den Dreißigern ein enges Verhältnis zum damals sechsjährigen Jungen aufbaute. Dass er Ornithologie studiert und anschließend als engster Mitarbeiter neben dem Professor agiert, ist ungeschriebenes Gesetz. Kaltenburg dirigiert fortan sein weiteres Leben, bis zu seiner Flucht nach Wien kurz nach dem Mauerbau.

"Kaltenburg" ist kein chronologisch angelegtes Werk, sondern ein "Hopping" durch Erinnerungsstationen. Der rote Faden geht jedoch niemals verloren.
Haupthandlungsort bleibt Dresden, doch ist es kein Dresdenroman und auch keine DDR-Historie, wenn auch viele Originalschauplätze identisch und als Dresdnerin für mich wunderbar nachzuvollziehen sind.

Auch ist Beyers neuestes Werk weder Entwicklungsroman, noch Romanbiografie. Auch wenn Ludwig Kaltenburg starke Parallelen zum österreichischen "Einstein der Tierseele", dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz aufweist. Doch lediglich gewisse Eckdaten dessen Lebens werden nach Dresden, in die ehemalige DDR projiziert.

Letztendlich geht es Marcel Beyer um Möglichkeiten des Daseins, um die "Druckkammern historischer Gegebenheiten", um Stimmungen, um die "Urformen der Angst" und das Menschen zu allem fähig sein können, auch dem Schrecklichsten - im Gegensatz zum Tier.

Tiere und ganz speziell Vögel spielen eine große Rolle, aber immer wieder der Mensch und zivilisatorische Einflüsse auf dessen Erkenntnisvermögen und Wahrnehmung.
Und es geht um das Erinnern.

Einfach macht es Marcel Beyer dem Leser jedoch nicht. Der Lektüregenuss braucht eine gewisse "Einarbeitungszeit". Zur Orientierung im ungewohnten Raum seines Romankonstrukts ist Konzentration vonnöten, um das Netz ineinander gewobener Bilder zu entdröseln.

Fazit:
"Kaltenburg" ist eine anspruchsvolle Collage, montiert aus zahlreichen Erinnerungsstücken des Ornithologen Hermann Funk, die verschiedene Perspektiven aber auch Gegensätze bilden und untrennbar mit dem Biologen Ludwig Kaltenburg verknüpft sind.

Dabei bedient sich Marcel Beyer teils fiktiver, teils realer Ereignisse von der Zeit kurz vor dem Nationalsozialismus bis nach dem Fall der Mauer und dem wiedervereinten Deutschland.
Einige der Figuren sind mit historischen Personen assoziiert, aber sie dienen nur als Projektionsflächen für Marcel Beyers Ideen.

Ein großes Stück anspruchsvoller Literatur.
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22 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Ich weiß nicht, worüber ich mich mehr ärgern soll: darüber, daß ich die ausschließlich hymnische FAZ-Rezension, die mir den Mund allzu wässerig gemacht hat, nicht im geringsten nachvollziehen kann, oder doch darüber, daß mich ein nicht einmal 400 Seiten starker Roman (im Urlaub ist so etwas maximal ein »3-Tage-Buch«) wochenlang blockiert, ja, richtiggehend genervt hat - im letzten Drittel war es nämlich nur noch die Aussicht, ordentlich Dampf ablassen zu können, die mich durchhalten ließ. (Ich gestehe so etwas nur ungern.)

Trotzdem zuerst das Gute, wie sich's gehört. Ich muß zugeben: der Anfang ist genial; jenes »Ich«, mit dem der Prolog (das Kapitel I mit seinen vier Unterteilungen) schließt, ist wie ein mächtiger Einzelton, der ein langes Crescendo im vierfachen Forte beendet. Chapeau. Und nicht nur deshalb, weil es in »Kaltenburg« auch nicht annäherungsweise noch einmal so intensiv zugeht.

Der Autor hat einen angenehm unaufgeregten Erzählstil, und gar nicht so selten gelingen ihm dabei auch recht schöne sprachliche Standbilder. »Wie Marcel Beyer die verborgene Poesie der Fachsprachen in der eigenen Prosa zum Klingen bringt, ist einzigartig« - da muß ich dem FAZ-Rezensenten auch wirklich zitierend beipflichten. Aber genau hier ist des Übels Wurzel zu finden: sie gerät völlig außer Kontrolle, diese Fachsprachen-Poesie, bringt den Handlungsablauf wie im Freudschen Albtraum oft gänzlich zum Stillstand. Zuerst schmunzelt man ja noch über die so schön korrekt präsentierten Girlitz- und Hänfling-Kataloge, bald darauf duckt man sich aber schon förmlich vor den daherschießenden Vogelschwärmen, um letztlich ganze Absätze überschlagsartig zu taxieren und leichten Herzens zu überspringen, wenn sie wieder einmal von zu vielen Krickenten, Birkenkreuzschnäbeln oder aber auch Hamstern bevölkert werden. Wer so wie ich nicht besonders ornithologisch interessiert ist, kann darüber à la longue nur frustriert werden. (So empfindet es übrigens auch Julia Encke in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«...) Ähnlich ungeduldig machen einen mit der Zeit auch die ausgewählten Stil- und Sprachbetrachtungen über Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, die Klara (die Frau des Erzählers Hermann Funk) immer wieder kaskadenartig anbringt; sie sind von Marcel Beyer vermutlich als philologisches Gegengewicht zu all der Vogelkunde gedacht - eine ausschließlich günstige Wirkung dieses Kunstgriffs darf jedoch angezweifelt werden.

Was im Normalfall für Auflockerung sorgt, wird hier (hauptsächlich wegen der optisch schlechten Gliederung) bald lästig und mühsam: der Wechsel der Erzählstränge, vor allem der Einschub jener wirklich allzu peinlichen Alibi-Person Katharina Fischer, jener Englischdolmetscherin, die dem Erzähler während langer Elbspaziergänge und Restaurantbesuche - simsalabim - immer die passende, ja, die gerade anstehende Frage über Ludwig Kaltenburg (alias Konrad Lorenz, um den sich hier eigentlich alles dreht) stellt.

Die schön verbrämte groß- und anschließend ostdeutsche Zeitgeschichte, eigentlich der wahre Beweggrund dieses eher zahmen Wissenschafts-Thrillers (»Was erforschte der große Zoologe, mit seinen vielen philosophischen und anthropologischen Interessen, in Posen und Königsberg tatsächlich???«), kommt, ganz wie es der FAZ-Rezensent verheißen hat, wahrhaftig nicht zu kurz, auch schildert Marcel Beyer die unterschiedlichen Milieus recht glaubhaft - manchmal sogar dermaßen beschaulich, daß es schon ein wenig nach Enid Blyton tönt.

Das verkappte Konrad-Lorenz-Buch also - die Idee ist ja beileibe nicht schlecht, sind die biographischen Haupt-Eckdaten und -Schauplätze doch gekonnt chiffriert und trotzdem gut erkennbar; die Beantwortung der wirklich großen Fragen bleibt der Autor uns indes schuldig. Vielleicht will er es nicht, vielleicht ist das auch gar nicht möglich; mangelnde Sorgfalt in der Recherche möchte man jemandem wie Marcel Beyer eigentlich nicht vorwerfen. Warum das Konzept (ungeachtet aller sonstigen Kritikpunkte, die ich hoffentlich nicht allzu bösartig angeführt habe) trotzdem nicht recht aufgeht, liegt - zumindest für mich - zu einem Gutteil darin beschlossen, daß die devote Haltung des Chronisten gegenüber seinem großen Mentor ein stetiges, auch bei aller »interner Kritik« nicht zu überwindendes Autoritätsgefälle bedingt, das der ganzen Geschichte letztlich die erzählerische Kraft nimmt.

Marcel Beyers »Flughunde« interessieren mich trotzdem immer noch sehr. Ich bin gespannt, ob ich nach der Lektüre dieses zwölf Jahre vor »Kaltenburg« entstandenen Buches in jenen Beifall mit einstimmen kann, den das deutsche Feuilleton dem Autor momentan unablässig spendet.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Vogelkunde 28. Mai 2012
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
Dieser Roman wird von manchen begeistert aufgenommen, während er andere langweilt. Das ist nicht unnormal, aber ausgeprägter als gewöhnlich.
Es ist ein politischer Roman ueber deutsche Geschichte, vor allem ueber das Dritte Reich und die DDR. Es ist auch ein Roman über Konrad Lorenz, der hier als Ludwig Kaltenburg auftritt. Während der echte Lorenz nach seiner russischen Kriegsgefangenschaft überwiegend in der Bundesrepublik arbeitete, hat Beyer seine Version in die DDR gehen lassen, an die Universität Leipzig und mit einem eigenen Institut in Dresden. Erst mit dem Mauerbau verlässt Kaltenburg die DDR, und zwar in die österreichische Heimat.
Neben Lorenz treten auch Heinz Sielmann und Joseph Beuys inkognito auf. Das beruht wohl auf historischen Tatsachen, die drei kannten sich, wenn auch nicht in Dresden.
Ich erinnere mich wie umstritten Lorenz während meiner Studentenzeit in den 60/70ern war. Sein Buch Aggression ueber homo sapiens schien uns zu bestätigen dass der Mann immer noch ein Nazi war. Die Buchgestalt hat auch ein solches Buch geschrieben, es heisst jedoch Angst.

Erzähler ist ein Mitarbeiter Kaltenburgs, ein Dresdner Ornithologe. Er erzählt einer neuen Bekannten, im Rückblick. Kaltenburg ist inzwischen schon gestorben und die Mauer ist gefallen.
Der Tenor des Romans ist eher unterkühlt, mit Ausnahme der Szenen aus der Bombardierung Dresdens. Damals war der Erzähler 11 Jahre alt. Er verlor seine Eltern im Feuer. Die Familie war gerade erst aus Posen nach Dresden gereist, im Rahmen eines Umzug. Der Junge glaubt gesehen zu haben wie entlaufene Zoo-Schimpansen bei der Wegräumung von menschlichen Leichen im Park mithalfen. Wohl kaum, aber solche Tricks spielt das Gedächtnis. Plausibler ist der nächste Teil des Horrors: wie verbrannte, gebratene Vögel aus dem Himmel fallen und die Menschen im Park bombardieren.

Diese Szenen sind sehr intensiv, aber im Allgemeinen bestimmt eher geringe Aufregung den Ton. Auch Humor ist nicht stark vertreten. Der einzige kleine Scherz, der mir auffiel, war das neue Namensschild am alten Institutsgebäude beim Besuch während eines Spziergangs: Dr. Lorenz.

Kaltenburg war in Posen ein Freund des Vaters des Jungen, eines Botanikers. Die Freundschaft zerbrach, wie der Erzähler erst viel später rekonstruiert, wegen Kaltenburgs Parteimitgliedschaft. Was hat Kaltenburg in Posen gemacht? Es gibt knappe, dunkle Andeutungen oder auch nur Vermutungen über etwas nicht Nennbares. Menschenversuche?

In Dresden wird der Erzähler erwachsen, studiert bei Kaltenburg und assistiert ihm. Er trifft seine zukünftige Frau, und damit treffen wir eine neue politische Ebene, die der DDR in den 50er Jahren. Stalinismus in voller Blüte, Bespitzelung, Schauprozesse, Abwanderungen in den Westen. Die Frau entdeckt Proust als personliche Strategie: ein politisch nicht genehmer und dekadenter Ausländer eignet sich als Identifikationsmittel. Die Bedeutung des Erinnerns wird übrigens nicht nur durch Proust betont, sondern auch durch das Motto des Romans, einer Zeile aus Nabokov's Sprich, Erinnerung.

Erzähler und Kaltenburg sind wenig involviert mit der Politik. Zur Zeit des Mauerbaus hat Kaltenburg genug von den Intrigen und verlässt sein Institut, seine Dohlen, und die DDR. Die beiden Männer bleiben in losem Kontakt. Die folgenden Jahrzehnte geben wenig Aufregung her. Der Erzähler ist seinen beruflichen Weg gegangen, ohne ein Star der Branche zu werden. Seine Ehe besteht noch, aber wir erfahren wenig darüber. Die neue Bekannte bleibt nur eine Projektionswand, sie nimmt keine aktive Rolle.

Meine einzige kritische Anmerkung zu diesem leisen Meisterwerk bezieht sich auf die Verwendung `echter' historischer Personen. Entweder ist Kaltenburg Lorenz oder er ist es nicht, aber besser nicht halbe halbe. Immerhin steht etwas sehr Rufschädigendes im Raum, nämlich die angedeutete mögliche Verantwortung für Menschenversuche.
Weniger ernst ist die Geschichte des Bruchs zwischen den Lorenz und Beuys Gestalten. Sie ist reine Fantasie im Buch, aber das sollte man vielleicht so nicht tun. Die beiden kannten sich. Da sollte man keine Zerwürfnisse erfinden. Wer kann später Fiktion von Geschichte oder Gerücht unterscheiden?
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