Ich weiß nicht, worüber ich mich mehr ärgern soll: darüber, daß ich die ausschließlich hymnische FAZ-Rezension, die mir den Mund allzu wässerig gemacht hat, nicht im geringsten nachvollziehen kann, oder doch darüber, daß mich ein nicht einmal 400 Seiten starker Roman (im Urlaub ist so etwas maximal ein »3-Tage-Buch«) wochenlang blockiert, ja, richtiggehend genervt hat - im letzten Drittel war es nämlich nur noch die Aussicht, ordentlich Dampf ablassen zu können, die mich durchhalten ließ. (Ich gestehe so etwas nur ungern.)
Trotzdem zuerst das Gute, wie sich's gehört. Ich muß zugeben: der Anfang ist genial; jenes »Ich«, mit dem der Prolog (das Kapitel I mit seinen vier Unterteilungen) schließt, ist wie ein mächtiger Einzelton, der ein langes Crescendo im vierfachen Forte beendet. Chapeau. Und nicht nur deshalb, weil es in »Kaltenburg« auch nicht annäherungsweise noch einmal so intensiv zugeht.
Der Autor hat einen angenehm unaufgeregten Erzählstil, und gar nicht so selten gelingen ihm dabei auch recht schöne sprachliche Standbilder. »Wie Marcel Beyer die verborgene Poesie der Fachsprachen in der eigenen Prosa zum Klingen bringt, ist einzigartig« - da muß ich dem FAZ-Rezensenten auch wirklich zitierend beipflichten. Aber genau hier ist des Übels Wurzel zu finden: sie gerät völlig außer Kontrolle, diese Fachsprachen-Poesie, bringt den Handlungsablauf wie im Freudschen Albtraum oft gänzlich zum Stillstand. Zuerst schmunzelt man ja noch über die so schön korrekt präsentierten Girlitz- und Hänfling-Kataloge, bald darauf duckt man sich aber schon förmlich vor den daherschießenden Vogelschwärmen, um letztlich ganze Absätze überschlagsartig zu taxieren und leichten Herzens zu überspringen, wenn sie wieder einmal von zu vielen Krickenten, Birkenkreuzschnäbeln oder aber auch Hamstern bevölkert werden. Wer so wie ich nicht besonders ornithologisch interessiert ist, kann darüber à la longue nur frustriert werden. (So empfindet es übrigens auch Julia Encke in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«...) Ähnlich ungeduldig machen einen mit der Zeit auch die ausgewählten Stil- und Sprachbetrachtungen über Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, die Klara (die Frau des Erzählers Hermann Funk) immer wieder kaskadenartig anbringt; sie sind von Marcel Beyer vermutlich als philologisches Gegengewicht zu all der Vogelkunde gedacht - eine ausschließlich günstige Wirkung dieses Kunstgriffs darf jedoch angezweifelt werden.
Was im Normalfall für Auflockerung sorgt, wird hier (hauptsächlich wegen der optisch schlechten Gliederung) bald lästig und mühsam: der Wechsel der Erzählstränge, vor allem der Einschub jener wirklich allzu peinlichen Alibi-Person Katharina Fischer, jener Englischdolmetscherin, die dem Erzähler während langer Elbspaziergänge und Restaurantbesuche - simsalabim - immer die passende, ja, die gerade anstehende Frage über Ludwig Kaltenburg (alias Konrad Lorenz, um den sich hier eigentlich alles dreht) stellt.
Die schön verbrämte groß- und anschließend ostdeutsche Zeitgeschichte, eigentlich der wahre Beweggrund dieses eher zahmen Wissenschafts-Thrillers (»Was erforschte der große Zoologe, mit seinen vielen philosophischen und anthropologischen Interessen, in Posen und Königsberg tatsächlich???«), kommt, ganz wie es der FAZ-Rezensent verheißen hat, wahrhaftig nicht zu kurz, auch schildert Marcel Beyer die unterschiedlichen Milieus recht glaubhaft - manchmal sogar dermaßen beschaulich, daß es schon ein wenig nach Enid Blyton tönt.
Das verkappte Konrad-Lorenz-Buch also - die Idee ist ja beileibe nicht schlecht, sind die biographischen Haupt-Eckdaten und -Schauplätze doch gekonnt chiffriert und trotzdem gut erkennbar; die Beantwortung der wirklich großen Fragen bleibt der Autor uns indes schuldig. Vielleicht will er es nicht, vielleicht ist das auch gar nicht möglich; mangelnde Sorgfalt in der Recherche möchte man jemandem wie Marcel Beyer eigentlich nicht vorwerfen. Warum das Konzept (ungeachtet aller sonstigen Kritikpunkte, die ich hoffentlich nicht allzu bösartig angeführt habe) trotzdem nicht recht aufgeht, liegt - zumindest für mich - zu einem Gutteil darin beschlossen, daß die devote Haltung des Chronisten gegenüber seinem großen Mentor ein stetiges, auch bei aller »interner Kritik« nicht zu überwindendes Autoritätsgefälle bedingt, das der ganzen Geschichte letztlich die erzählerische Kraft nimmt.
Marcel Beyers »Flughunde« interessieren mich trotzdem immer noch sehr. Ich bin gespannt, ob ich nach der Lektüre dieses zwölf Jahre vor »Kaltenburg« entstandenen Buches in jenen Beifall mit einstimmen kann, den das deutsche Feuilleton dem Autor momentan unablässig spendet.