Ich habe "Kalteis" von Andrea M. Schenkel als Weihnachtsgeschenk bekommen und war erfreut, nachdem ich ihren Erstling "Tannöd" zwar nicht gelesen, aber in verschiedenen Medien die höchsten Lobeshymnen darauf zur Kenntnis nehmen durfte (ganz abgesehen von der Platzierung auf den Bestseller-Listen).
Nachdem ich nun diesen - Schenkels zweiten - Roman gelesen habe, kann ich sagen: Ihr Debüt lese ich ganz sicher nicht, und auch kein weiteres Buch von ihr - so denn eines nachfolgen sollte.
"Kalteis" ist ein Kriminalroman, aber kein Detektivroman (wie die Klassiker von Doyle oder Christie). Im Mittelpunkt steht die bestialische Vergewaltigung und Ermordung junger Frauen im Gebiet Münchens in den 1930er Jahren; die Autorin ließ sich dabei offenbar von authentischen Fällen leiten (kurzes Quellenverzeichnis im Anhang). Der Leser (die Leserin) ahnt bereits früh, wer der Täter ist.
Die Kapitel sind eine Mischung aus unpersönlicher Erzählung, wobei die Opfer mehr oder weniger lang von der Autorin "begleitet" werden, und Aussagen verschiedener Zeugen sowie des - im letzten Abschnitt des Buches geständigen - (Trieb-)Täters. Einzig die Verhörprotokolle des Täters - Kalteis - sind kursiv hervorgehoben (ein deutlicher Hinweis auf seine Bedeutung schon von Anfang an). Die Zeugenaussagen dagegen sind gegenüber dem übrigen Text nicht hervorgehoben oder kenntlich gemacht - etwa durch ein einleitendes: "Zeugenaussage des/der..." -, sodass die Orientierung für den Leser nicht die beste ist.
"Kalteis" ist ein schmales Büchlein, und dennoch sind 150 Seiten schon zuviel. Das Buch ist langweilig, es kommt an keiner Stelle Spannung oder zumindest das Interesse auf, weiterlesen zu wollen.
Die Schilderung der Tagesabläufe der jungen weiblichen Opfer nimmt den meisten Platz ein. Die Figuren bleiben dabei blass, charakterschwach, austauschbar. Nicht nur einmal verfällt Schenkel in Phrasenjargon. Zudem findet der zeitlich-gesellschaftliche Hintergrund - es ist das zweite Jahr der NS-Herrschaft in Deutschland - nur ganz zu Beginn kurze Erwähnung und bleibt ansonsten ausgeblendet. Auch im Übrigen bleibt die Erzählung seltsam steril und fast zeitenthoben: Weder Münchner Lokalkolorit noch zeitgebundene Alltäglichkeiten des Lebens finden Eingang in die Erzählung; der Fokus ist eng, fast tunnelblickartig, auf die Protagonisten - Opfer, Zeugen, Täter - gerichtet.
Einziger Ausweg, den Roman noch irgendwie zu retten, wäre die (sprachliche) Darstellungsweise. Bedauerlicherweise ist genau dieses der offensichtlich wundeste Punkt des Buches (bzw. der Verfasserin), wie die folgenden drei Punkte illustrieren mögen:
Erstens: Die Umstellung von Subjekt und Prädikat als Stilmittel ab und zu ist legitim. Augenscheinlich ist es aber eines der ganz wenigen - das einzige? - stilistische Mittel, dessen Verwendung Schenkel beherrscht; es kommt in ärgerlicher, weil inflationärer Zahl - häufig mehrmals pro Seite - zum Einsatz. So heißt es auf Seite 128: "Ist sie doch hier in München (...) um ihr Glück zu machen." Der übernächste Satz lautet dann: "Ist sie doch ein hübsches Mädchen."
Zweitens: Schenkel versucht, die Zeugenaussagen möglichst wenig zu literarisieren, d.h. grammatikalische und andere Fehler des Aussagenden im Text wiederzugeben und so höchste Authentizität zu wahren. Das ist legitim und auch angebracht; aber kein einfacher Mensch, weder in Bayern noch anderswo, verwendet in der mündlichen Rede das Imperfekt, und schon gar nicht in Abwechslung mit dem Perfekt. Derartige Fehler berauben den Text seines intendierten Effektes und damit der Glaubwürdigkeit. Frau Schenkel sollte sich nach einer Anmeldung bei einer Hobby-Schreibschule erkundigen.
Drittens: Wörtliche Rede wird bei Schenkel zumeist indirekt wiedergegeben. Auch in diesem Falle kann sich die Autorin offensichtlich nicht entscheiden, ob sie das Gesagte - sprachlich falsch, aber atmosphärisch richtig - im Indikativ wiedergeben will, oder ob es doch der Konjunktiv sein soll: "Dass es nicht einfach sein wird mit einer Stelle, sagte er ihr (...). Schließlich kenne er genügend Leute, und so ein hübsches Mädchen wie die Kathie, die findet bestimmt etwas." (S. 33).
Derartige sprachliche Mängel, die angesichts dieser Gehäuftheit weder auf Schlampigkeit der Verfasserin noch des Verlagslektorats, sondern nur auf die vereinte Unfähigkeit beider zurückgeführt werden können, machen die Lektüre dieses Buches vollends zum Verdruss.
Schließlich sei noch angemerkt, dass rund 13 Euro für 150 Seiten Taschenbuch-Lektüre meiner Meinung nach an Unverschämtheit grenzen, zumal sich das Buch nicht durch eine besondere Ausstattung und der Text nicht durch sorgfältiges Lektorat auszeichnet; denn wie sonst sind Fehler solcher Art zu erklären: "Gerufen hats, das (!) ich auf sie warten soll." (S. 19)
Fazit: Der Hype um Schenkel ist mir nach Lektüre von "Kalteis" unverständlich, das Buch weder literarisch gelungen noch inhaltlich fesselnd. Nicht-kaufen ist der beste Tipp!