München, 1853: Dr. Carl-Ludwig Nicolai ' oder eigentlich: Dr. Aaron Marsalla, 27, ist ebenso arm wie ehrgeizig. Der junge Arzt, Sohn einer orthodoxen sephardischen Jüdin, die wegen ihres zweiten Ehemanns zum Katholizismus konvertiert ist, ist Assistenzarzt von Professor Max Pettenkofer an der Königlich-Bayrischen Universität München und befasst sich mit der Entstehung von Krankheiten. Wie sein Chef vermutet er, dass Miasmen, also üble Dünste, die Krankheiten auslösen.
MITGIFT GEGEN BILDUNG
Da dem jungen Mediziner für seine Forschungen das nötige Kleingeld fehlt, umwirbt er die 16-jährige Henriette Dalbeck, eine Kaufmannstochter aus großbürgerlichem Haus, die einmal die reichste Frau Münchens sein wird. Doch Henriette ist kein albernes Gänschen. In punkto Pragmatismus, Abgebrühtheit und Geschäftstüchtigkeit ist sie Nicolai mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Ihr ist bewusst, dass das Interesse ihrer Verehrer auf ihr Vermögen gerichtet ist und nicht auf sie als Person. Und wenn das Heiraten schon ein Geschäft ist, dann will sie sich wenigstens den besten Ehemann kaufen, der für Geld zu haben ist.
Dr. Nicolai ist so sehr auf Henriettes Geld angewiesen, dass sie ihm die Geschäftsbedingungen diktieren kann: "Wir haben doch beide einen Herzenswunsch, nicht wahr? Sie wollen reich sein. Ich will gebildet sein. Niemand wird uns den Wunsch erfüllen, wenn wir es nicht gegenseitig tun. Nehmen Sie mein Geld und unterrichten Sie mich!" (S. 162) Dr. Nicolai bleibt nichts anderes übrig, als dem Handel zuzustimmen.
Auch wenn Freunde, Verwandte und Leute, die das rein gar nichts angeht, Henriette Dalbeck vor einer Ehe mit dem undurchsichtigen Dr. Nicolai warnen, heiraten die beiden. Besonders sauer stößt dies einem Kollegen von Dr. Nicolai auf, dem Freiherr Dr. Rudolf von Lauderbach-Sillern, der sich selbst schon als Henriettes Ehemann gesehen hat.
Schon vor der Geschichte mit Henriette war der Freiherr von Lauderbach-Sillern seinem Kollegen Nicolai nicht grün, denn auch er erforscht die Entstehung der Krankheiten, ist aber ein Anhänger der unpopulären Bazillen-Theorie, die vom Establishment verlacht wird. Jetzt ist von Lauderbach-Sillern nicht nur ein gedemütigter beruflicher Konkurrent von Nicolai, jetzt ist er auch noch ein ausgebooteter Liebhaber - und ein Todfeind.
STARRSINN CONTRA FORTSCHRITT
Als Dr. Nicolai im Juli 1854 bei einem Nachbarn die "cholera asiatica" diagnostiziert, will ihm niemand glauben. Vor allem die Behörden sperren sich, denn ein Seuchenalarm würde den Todesstoß für die gerade stattfindende Industrieausstellung bedeuten - und einen Milliardenschaden für die bayrische Wirtschaft. Die beginnende Epidemie lässt sich zwar für kurze Zeit herunterspielen, aber aufhalten ließe sie sich nur, wenn die Herren in den Ämtern und der Ärzteschaft mal einen Moment lang ihre persönlichen Gockeleien und Animositäten beiseite lassen könnten und zum Wohl der Allgemeinheit kooperieren würden. Aber es sieht nicht danach aus ...
Dr. Nicolai, der männliche Held des Romans, macht es einem wahrlich nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist abwechselnd kalt und jähzornig, oft berechnend und egoistisch. Dazu betreibt er noch recht unappetitliche Forschungen. Anfangs gönnt man ihm jeden Ärger, den er sich mit seiner energischen und naseweisen jungen Gattin eingehandelt hat. Kein Mitleid mit dem Mitgiftjäger! Doch im Verlauf der Geschichte verschieben sich die Loyalitäten. Nicolai mag unsympathisch sein, aber er verfolgt seine wissenschaftlichen Ziele nicht nur aus persönlichem Ehrgeiz, sondern weil er den Menschen mit seinen Erkenntnissen helfen möchte. Dass man so mit ihm umspringt wie seine Gegner es tun, die ihn aus höchst unprofessionellen Gründen beruflich ausbremsen, das hat er nicht verdient.
Dass vor 150 Jahren vieles anders war als heute, wird uns in diesem Roman auf interessante, unterhaltsame und anschauliche Weise vor Augen geführt: die steifen Rituale der großbürgerlichen Gesellschaft, das komplizierte Verfahren der Brautwerbung und das Leben der Frauen, die damals von Bildung, Eigenständigkeit und einer Karriere nur träumen konnten. Und manches ändert sich wohl nie: Neid, Eifersucht, Engstirnigkeit, Eitelkeit, Fremdenfeindlichkeit und Rachsucht. Heute würde man das, was Dr. Nicolai widerfahren ist, wohl Mobbing nennen. Einzelne Menschen mag man damit aus dem Konzept bringen können. Aber der wissenschaftliche Fortschritt lässt sich auf Dauer weder hinwegmobben noch aufhalten.
Der Roman "Kalte Zärtlichkeit' ist weit mehr als eine schöne Liebesgeschichte in historischem Ambiente. Er ist ein Sittengemälde des ausgehenden 19. Jahrhunderts und bringt dem Leser zudem ein bedeutendes Stück der Medizingeschichte nahe.