Wie viel seelischen Schmerz kann ein Mensch ertragen, bevor er daran zerbricht, bevor sich sein Hirn auf links zieht und entweder alles zum Schutz ausblendet oder dem Wahn vollständig verfällt? Diese Frage kann man sich getrost bei "Kalte Stille" stellen, denn was speziell die Hauptfigur Jan ertragen muss, gleicht schon einem Dauerbeschuss aus einer Schmerzkanone, der bis weit in die Kinderjahre zurück reicht, obwohl auch alle anderen Figuren ihr Päckchen zu tragen haben und in den Jahren schon mehr oder weniger genug gelitten haben. In "Kalte Stille" gibt es keine Figur, die nicht schon in irgendeiner Art und Weise beträchtlichen Schmerz hat fühlen müssen. Aufgrund der Traurigkeit, die die Geschichte bereithält, sind fröhliche Momente in diesem melancholischen Psychothriller rar gesät, ja eigentlich schon fast Fehlanzeige.
Die Story spielt auch wie schon in "Trigger" in der Waldklinik in Fahlenberg und führt den Leser somit durch sicheres Gewässer, sollte man jedenfalls denken. Die Realität aber sieht anders aus, denn die Geschichte ist unglaublich aufwühlend, sehr traurig und es hängt dauerhaft eine dunkle Aura über dem Roman. Der Schmerz und das Leid gehen nicht spurlos an einem vorbei und hängen wie ein nasser, schwerer Sack auf den Schultern. Wulf Dorn führt seine Leser erneut in die Abgründe der menschlichen Psyche, zeigt ihnen die ungeschminkte Wahrheit auf, wie schlimm eine psychische oder seelische Störung wirklich ist, wie sich diese erhebliche Abweichung von der Norm im Erleben oder Verhalten zeigt, und wie die betroffenen Menschen auf einmal denken, fühlen und handeln.
Was auch schon bei "Trigger" auffiel, ist diese Leichtigkeit mit der er seine Geschichten erzählt, als gäbe es nichts einfacheres, als sei das Schreiben eines Romans eine Sache, die man im Vorbeigehen erledigt. Die Erzählkunst die er sich dabei zu Nutze macht, kommt unglaublich leichtfüßig daher, und ohne den Leser mit zu viel Fachchinesisch zu langweilen, vermittelt er ihm dennoch genug Wissen, um immer im Bilde zu sein und hält somit die Spannung dauerhaft aufrecht. Authentisch gezeichtete Figuren, die einfach nur Spaß machen, runden diesen Thriller zum einem perfekten Lesevergnügen ab.
Zur Story: Jan Forstners Odyssee begann schon im zarten Alter von 12 Jahren und hat ihn noch immer zu keinem Ziel geführt, auch nicht im nunmehr reifen Alter von 35 Jahren. Als sei die Obsession, die Suche nach seinem Bruder, die Frage nach dem warum, nicht schon schlimm genug, brach er vor einem Jahr dann zusammen, nachdem er einen Patienten, einen Kinderschänder, brutal zusammen schlug. Schlussendlich verlor er seinen Job und auch seine Ehe scheiterte an dieser Situation, tiefer ging es nicht mehr. Ein Jahr später versucht er in seiner alten Heimat, die er vor vielen Jahren verlassen hat, einen Neuanfang als Psychiater in der Waldklink, einen Neuanfang der alles noch viel schlimmer machen sollte, als es ohnehin schon für Jan ist und war.