Wie oft haben wir uns die Frage gestellt, was sie antreibt. Die Talkshow-Hopper, die potentiellen Superstars, die Dschungel-Camper. Und was hat die Psychologie dazu zu sagen?
Eine ganze Menge, so beweist es Peter Winterhoff-Spurk, Medienpsychologe an der Uni Saarbrücken. Ein neuer Sozialcharakter kündige sich hier an, der Histrio. Dieser sei suggestibel, emotional schwankend und inszeniere sich in immer neuen Rollen, dabei stets auf der Suche nach Festigung seiner brüchigen Identität.
Winterhoff-Spurk gelingt eine umfassende Einordnung o.g. Medienphänomene in psychologische (psychoanalytische) und soziologische Konzepte. Dabei berücksichtigt er auch gesellschaftliche Veränderungen und empirische Daten zur Mediennutzung. Auch gelingt ein guter Kompromiss zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Lesbarkeit auch für Laien, wenngleich das Buch doch eher ein Fach- oder zumindest akademisch geprägtes Publikum ansprechen dürfte. Auch sind einige Formulierungen doch etwas schwerfällig: „Individualität bedeutet hier eher die marktgängige Konfiguration spezifischer Alleinstellungsmerkmale" (S. 204).
Die Lektüre des Buches empfand ich als äußerst anregend, amüsant und informativ. Dennoch bleiben einige Fragen offen: Der Frage nach „Henne und Ei" (Erzeugt das Fernsehen den Histrio oder sucht sich der Histrio entsprechende Fernsehsendungen aus?) wird m.E. zu wenig Beachtung geschenkt. Die Grenze zwischen (pathologischer) histrionischer Persönlichkeitsstörung und („normalen") histrionischen Persönlichkeitszügen wird ebenso wenig verdeutlicht wie Prävalenzraten (Häufigkeiten) histrionischer Persönlichkeitsstörungen angegeben werden. Somit bleibt die Frage offen, ob diese Persönlichkeiten tatsächlich häufiger werden (was sicher schwer nachzuweisen ist) oder ob das Fernsehen ihnen einfach nur eine geeignete Plattform bietet, sich öffentlich zu präsentieren.
Zwischenzeitlich droht der Autor sich ein wenig in psychoanalytischen Spekulationen zu verlieren und wirft in den Kapiteln über Gesellschaftsmilieus in meinen Augen zu sehr mit Klischees um sich. Ich fand mich jedenfalls in keinem dieser Milieus wieder. Auch die Konklusion (ohne Fernseher leben) ist mir etwas zu undifferenziert. Konzepte zur Medienerziehung werden angeführt, hätten aber durchaus noch vertieft werden können.
Insgesamt bietet das Buch großes Lesevergnügen und wertet mit spannenden Informationen über die Welt des Fernsehens auf. Es bietet reichlich Diskussionsstoff.