Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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70 von 76 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Fremd, 8. Juni 2008
Der Krieg war vorbei und die Leute wollten endlich Ruhe. Da kamen die Vertriebenen aus dem Osten. Sie kamen zuhauf und überwiegend in ländliche Gebiete. Außenseiter in Gemeinschaften, in denen jeder alles über alle zu wissen glaubte und jeder seinen in die Nachkriegszeit geretteten Besitzstand sichern wollte. Sichern und mehren, nicht teilen. Vor allem aber wollte man vergessen oder wenigstens verdrängen. Über das Fremde hinaus, waren die Vertriebenen Salz in einer Wunde, die noch heftig schmerzte. Sie verkörperten unübersehbar das Elend des verlorenen Krieges, der mit einem unfassbaren Völkermord einherging. Vor denen musste man sich schützen und abgrenzen. Und eigene Sorgen hatte man mehr als genug. So lebten die "Dahergelaufenen", von denen nicht wenige traumatisiert gewesen sein dürften, als Zwangseingewiesene in Räumen, die man ihnen meist nur widerwillig überließ, und in Barackensiedelungen. Für lange Zeit waren sie sozial isoliert und mussten nicht selten als Sündenböcke herhalten.
Nach heutiger Lesart ist die Integration der Vertriebenen nach 1945 eine glückliche gewesen, noch dazu in relativ kurzer Zeit. Der Wissenschaftler Andreas Kossert verneint diese These in seinem Buch. Sich in etwas Unabwendbares, Aufgezwungenes zu fügen, das Beste daraus zu machen, ist etwas völlig anderes, als eine fulminante Erfolgsgeschichte. Rund 14 Millionen Menschen wurden vertrieben und zwangsumgesiedelt und die meisten haben zweifellos einen Platz im schon bald aufstrebenden Wirtschaftswunderland gefunden. Die bitteren Verletzungen aus der Zeit der Flucht oder Vertreibung mit dem damit verbundenen allumfassenden Verlust der Heimat, vielleicht auch der Gesundheit, sowie der nagenden Angst um die eigene Existenz und die der Seinen, die anschließende Ausgrenzung, Diskriminierung und feindselige Ablehnung bleiben ein Leben lang, heilen nicht vollständig und belasten immer noch diejenigen, die heute alt sind und sich dabei ertappen, dass ihre Gedanken immer häufiger um die Heimat kreisen, die doch schon so lange verloren ist.
Der Autor führt den sich schon bald einstellenden wirtschaftlichen Erfolg der jungen BRD auch auf die Vertriebenen zurück, die mit Mobilität, Fleiß und Anpassung zum Aufschwung beigetragen haben. Er spricht das Lastenausgleichsgesetz von 1952 an und zeigt auf, dass der Ausgleich der Vermögensverluste nicht einmal annähernd stattgefunden hat. Die ausbezahlten Beträge entsprachen bei weitem nicht dem Wert des verlorengegangenen Grundbesitzes und anderen Werten, die zurückbleiben mussten. Außerdem schürte das Lastenausgleichgesetz bei einigen Nichtvertriebenen Neid und Missgunst. Kossert behandelt außerdem die Rolle der Vertriebenenverbände und geht mit dem zögerlichen Verhalten der politischen Parteien, die sich aus wahltaktischen Gründen den Forderungen aus diesen Reihen nicht energisch genug entgegenstellten, hart ins Gericht. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Umgang der Vertriebenen in der ehemaligen DDR, wo dieses Thema weitgehend totgeschwiegen wurde, während es in der BRD eine Zeitlang sogar ein Vertriebenen-Ministerium gab. Worauf aber bereits der prägnante Titel hinweist, bleibt das zentrale Thema des Buches: die Ablehnung der Vertriebenen durch die eigenen Landsleute und die damit einhergehenden verheerenden Auswirkungen auf die Psyche der Betroffenen. Andreas Kossert nimmt sich des Themas mit großem, eindringlichem Einfühlungsvermögen an. Er schärft das Bewusstsein seiner Leser für einen Teil unserer Bevölkerung, deren Platz inmitten unserer Gesellschaft inzwischen nicht mehr strittig ist. Diese Menschen aber, die letzten Zeitzeugen, waren Kinder oder junge Erwachsene, als ihre erste Welt unterging. Sie wissen, dass die Heimat nur im Herzen völlig sicher ist.
Wer sich anhand eines Einzelschicksals mit diesem Thema beschäftigen will, dem sei der Roman "Betrogen und vergessen: die Geschichte des Kriegskindes Reinhard Bachner" sehr empfohlen. Der kleine Reinhard war zehn Jahre alt, als er mit seiner Familie die Heimat in Böhmen verlassen musste. Die beschwerlichen Jahre der Flucht, des Ankommens in der neuen, der "Kalten Heimat" und die ersten Schritte zu einem bescheidenen Wohlstand in der noch jungen BRD, beschreibt der Autor Richard Bachmann so eindringlich, dass der Leser das Gefühl hat, dabei gewesen zu sein. Ein Stück Zeitgeschichte der anderen Art, völlig unwissenschaftlich, aber absolut authentisch und eine passende Ergänzung zu diesem Buch.
Helga Kurz
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Detailliert und ausgewogen, 17. September 2009
Eigentlich ein abgearbeitetes Thema, könnte man meinen. Allerdings hat sich bislang kaum jemand so umfassend mit der Geschichte der Vertriebenen nach der Vertrebung auseinandergesetzt. Welche Auswirkungen das Thema tatsächlich bis heute und auch auf das eigene Leben hat, war mir so nicht bewusst. Dabei geht es an keiner Stelle um Schuld oder Ursache, sondern nur darum, wie diese moderne Völkerwanderung politisch, psychologisch und materiell verarbeitet wurde und wird. Es lassen sich auch erstaunlich viele Parallelen zur aktuellen Diskussion um Russlanddeutsche und andere Migranten finden. Sehr gut recherchiert und trotz des wissenschaftlichen Ansatzes sehr flüssig zu lesen. Pflichtlektüre für die Nachkommen der Flüchtlinge!
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34 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein wegweisendes Buch über ein lange Zeit ideologisch überdecktes Schicksal - Geschichtsschreibung, wie sie sein sollte, 20. Juli 2008
Es waren neben den üblichen verharmlosenden und die Rolle der eigenen Familie negierenden Bemerkungen zum Dritten Reich, die ersten und über lange Jahre immer wiederkehrenden politischen und überaus abschätzigen Statements in der Herkunftsfamilie des 1954 geborenen Rezensenten an die ich mich erinnern kann. Sehr negative Aussagen über jene Familien von Schulkameraden, zum größten Teil katholischer Konfession, die nach dem Krieg im Heimatdorf des Rezensenten angesiedelt wurden und die "in der Siedlung" mit viel Fleiß und gegenseitiger Nachbarschaftshilfe sich kleine Häuschen bauten und, begünstigt durch das aufkommende Wirtschaftswunder, auch beruflich Tritt fassten und sich sichere Existenzen gründeten. Klar, entsprechende Zuschüsse und Entschädigungen für das in der alten Heimat Verlorene halfen dabei. Aber sie können niemals so groß gewesen sein, wie das meine Mutter etwa in ihrem hasserfüllten Neid gegen die Neubürger behaupten und unterstellen wollte. Flüchtlinge" waren und blieben sie bis weit in die siebziger Jahre hinein.
In dieser Zeit bekam ich dann Kontakt mit einem anderen Vorurteil, das die Vertriebenen nicht weniger wirksam diffamierte. Auch bedingt durch die reaktionäre Politik ihrer Verbände als unbegriffener (?) Teil des Kalten Krieges galten in aufgeklärten und linksliberalen Kreisen die Vertriebenen als Hort des politischen Gegners. Und ähnlich wie diese Konstellation gestaltete sich auch damals die Einschätzung der UdSSR und der DDR. Immer mit der Hermeneutik des Verdachts arbeitend, die ja verhindern sollte, dass man etwa im Hinblick auf die sowjetische Geschichte die gleiche Einschätzung hatte wie Franz Josef Strauss zum Beispiel, schwieg man lieber und betonte gebetsmühlenartig das linke Mantra von den notwendigen Folgen des Faschismus und der Hitlerschen Angriffskriege. Damit waren die Moskauer Prozesse, der Gulag und die kommunistische Diktatur außerhalb jedes Diskurses.
Der 1970 geborene Historiker Andreas Kossert, der auch in Polen studiert hat und derzeit am Deutschen Historischen Institut in Warschau arbeitet und zu den profiliertesten Osteuropahistorikern in Deutschland gehört, hat mit diesem wegweisenden Buch frei von den beschriebenen Ideologisierungen der Nachkriegszeit die schwierige Ankunftsgeschichte der Vertriebenen umfassend erforscht und einen lange Zeit blinden Fleck im Bewusstsein der deutschen Nachkriegsgeschichte beleuchtet.
Er beschreibt eindrucksvoll die Erfahrungen der Millionen von Menschen, die durch den Krieg von ihrer Heimat entwurzelt wurden und nach immensen materiellen und menschlichen Verlusten eine neue, für sie aber lange Zeit "Kalten Heimat" finden mussten. Kossert entlarvt den Mythos von der schnell geglückten Integration und zeichnet erstmals ein wirklichkeitsgetreues Bild von den schwierigen Lebensumständen der Flüchtlinge im Wirtschaftswunderland BRD.
Was mich am meisten bewegt, wenn auch nicht wirklich verwundert hat, ist seine Beschreibung der Folgen dieser Vertreibung nicht nur für die Nachkommen der "Flüchtlinge" sondern für unsere ganze Gesellschaft.
Für alle an der deutschen Geschichte interessierten Leser ein empfehlenswertes, wegweisendes Buch.
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