Norbert Scheuer schreibt seine Bücher über Menschen und Orte in der Eifel. Provinzliteratur? Heimatliteratur? Weit gefehlt. Scheuer tut das, was viele große Erzähler des 20. Jahrhunderts vorgemacht haben: Die kleine Welt wie in einem Brennglas betrachten, um sie als Sinnbild der großen Welt sichtbar zu machen. Sherwood Anderson mit seinem "Winesburg/Ohio" und William Faulkner mit seinen Geschichten rund um das "Yoknapatawpha County" haben dafür ein Beispiel gegeben. Scheuers Erzählband "Kall/Eifel" braucht den Vergleich mit den großen Namen nicht zu scheuen.
Kall an der Urft wird zum Zentrum eines literarischen Mikrokosmos: Wie Anderson knüpft Scheuer in seinen Geschichten ein Netz von Figuren, Orten und Begebenheiten. Wer die beiden Romane Scheuers, "Der Steinesammler" und "Flussabwärts" kennt, wird viele der dort auftretenden Figuren wiederfinden: den Steinsammler Braden und seine große Liebe Milli, die Arimonds, den Friseur Delamot u.a. Mehr noch als in den Romanen wird diese Welt in all ihren Bezügen sichtbar. Scheuers Erzählkunst ist von einer lakonischen Dichte und einer emotionalen Intensität, die ihm niemand vorgemacht hat.
Scheuer ist ein realistischer Erzähler, doch in seiner Eingangsgeschichte "Fittichwehr" macht er Anleihen bei der phantastischen Literatur. Die beiden Freunde Leo und Martin tauchen in das Wehr hinab und finden dort eine inzwischen versunkene Kleinstadtwelt mit ihren Häusern und Menschen. Diese Welt wird in den folgenden Geschichten ans Tageslicht gehoben.
Es sind, auf den ersten Blick, einfache, alltägliche Geschichten von Kneipen- und Friseurgesprächen, von Schlägereien, Anglern, Hochzeiten, Pferdediebstählen, zerbrochenen Beziehungen und den Schatten der Vergangenheit. Doch alle diese Geschichten haben einen doppelten Boden. Scheuer singt das Hohe Lied der Desillusionierung - von der Vergeblichkeit der Liebe, vom Tod, der Einsamkeit, vom ungelebten Leben, aber auch das Lied von der Hoffnung und vom Neuanfang.
Meine Lieblingsgeschichte ist die letzte: "Graureiher". Die nackten Handlungselemente sind schnell erzählt: Malchold, alt, müde, desillusioniert, fährt zu seinen Fischteichen und erschießt sich. Leo und Martin, die sich am frühen Morgen zum Angeln verabredet haben, finden den Toten im Wasser, von Graureihern bepickt. Hinter diesem ruhig und undramatisch erzählten Geschehen werden zwei gegensätzliche, bei Scheuer immer präsente Lebensperspektiven miteinander verknüpft: Mit Malchold endet ein gescheitertes Leben, mit Martin und Leo, der auf dem Sprung ist, Kall zu verlassen, beginnt der Versuch eines eigenständigen, selbstbestimmten Leben. Das Ganze vor dem Hintergrund einer wunderbar dicht geschilderten Naturatmosphäre, in der der Leser von der Stille und dem Halblicht einer morgendlichen Wasserlandschaft eingefangen wird.
Großes Kino - so sagt man wohl dazu. Sagen wir besser: Große Literatur! Wer einen deutschen Erzähler sucht, der wirklich etwas zu erzählen hat, sollte Norbert Scheuers "Kall/Eifel" lesen.