Aus der Amazon.de-Redaktion
Paula Fox' zweiter auf deutsch erschienener Roman Kalifornische Jahre ist da und überzeugt durch sensible Klugheit.
Annie Gianfala ist 17 und ein sehr eigenartiges Mädchen. Ein bisschen grüblerisch, ein bißchen unsicher und vor allem sehr hilflos. "Was um alles in der Welt bist Du?", fragt sie sich oft und kann nicht verstehen, warum es ihr misslingt, sich in der Welt einzurichten. Was unterscheidet sie von ihren zahlreichen Bekannten, denen es kein Problem bereitet, einen Platz im Leben zu finden?
Annie lebt im Amerika der 40er-Jahre. In Europa herrscht Krieg. Hitler unterschreibt gerade seinen Nichtangriffspakt mit Stalin, und in Kalifornien ist es Mode, Kommunist zu sein. An jeder Straßenecke werden die Ideen der Internationale diskutiert und um die Gleichstellung des Proletariats gekämpft. Nur Wenige erkennen die Gefahr Stalins und diskutieren offen seinen Verrat an der kommunistischen Idee. Das alles beobachtet Annie mit interessierter Distanz, ohne aber zu verstehen, warum und mit welchen Hoffnungen die Menschen politisches Engagement probieren.
Annie dagegen treibt es nur in die Arme von Männern. Doch sie würde verneinen, müsste sie sagen, dass sie diese Typen liebte. Es ist eher ein wenig so, als wäre mit ihnen zu schlafen ihre Vorstellung von einem guten Benehmen. Die Männer legen Annies Grüblerei und Unentschiedenheit als Schwäche aus und behandeln sie mit Bevormundung und Besserwisserei. Sie glauben immer schon genau zu wissen, wie die Welt funktioniert und haben für alles Erklärungen. Annie jedoch ist mit ihren Zweifeln den Dingen, den materiellen, den politischen und den zwischenmenschlichen viel dichter auf den Fersen, als sie selbst glaubt.
Paula Fox gibt dieser literarischen Ich-Suche ein kluges und sensibles Gesicht. Ihre ruhige und sichere Sprache begleitet Annie Gianfala auf ihrem Spaziergang durch die Welt und hüllt sie wie in einen wärmenden Pelz, aus dem heraus sich alles mit klareren Augen betrachten lässt. Dabei entsteht ein sehr eindrucksvolles Buch. --Jana Hensel
Neue Zürcher Zeitung
Wenn die Schweigsame kommt
Im Schatten der Geschichte: Paula Fox' «Kalifornische Jahre»
Dass die Gezeiten der literarischen Saisons mit einiger Regelmässigkeit eine Handvoll Jungautorinnen und -autoren an Land spülen, die vor unseren Augen ein paar Mal glitzernd hochschnellen dürfen, bevor sie wieder in die Tiefen des Schriftstellerdaseins abtauchen oder still verenden daran hat man sich in einer Zeit des immer schnelllebigeren Verlagswesens gewöhnt. Dass dagegen eine seit langem schreibende amerikanische Autorin im Alter von 77 Jahren von einem deutschen Verlag entdeckt wird und mit einem schmalen Buch nicht nur üppig gewundene und verdiente Lorbeeren seitens der Kritik einheimst, sondern auch auf entsprechende Publikumsresonanz stösst, ist seltener zu erleben; man gönnte dem jungen und eigenständigen literarischen Programm des Beck-Verlages den Erfolg, der sich nun, mit dem Erscheinen eines weiteren Romans von Paula Fox, fortsetzen dürfte.
An dem novellenhaft knappen «Was am Ende bleibt», mit dem die Schriftstellerin vergangenes Jahr im deutschen Sprachraum debütierte, bestach von der ersten Seite an die so subtile wie sinistre Hintergründigkeit, mit der die Kulissen einer sorgsam zwischen Bürgerlichkeit und kultivierter Bohème eingerichteten Existenz vor den klaffenden Hohlräumen des Seelenlebens und der sozialen Realität verschoben und immer rascher demontiert wurden. Was sich dort als auf einen knappen Zeitraum verdichtetes Kammerspiel im Rahmen eines zwischen Kollaps und neuem Aufschwung delirierenden New Yorker Stadtviertels abspielte, wird nun im Roman «Kalifornische Jahre» quasi auf die historische Breitleinwand projiziert ohne dass dabei die besonderen Qualitäten von Fox' Erzählen vergröbert erschienen oder gar preisgegeben würden: ihre mit wenigen Strichen vollendeten Interieurs, ihre sägemesserscharf im Zickzack (und oft an der Verständigung vorbei) laufenden Dialoge, ihr zwischen individueller Erfahrung und Zeitgeschichte todsicher gehaltenes Gleichgewicht des Schreckens.
Hollywood statt Holocaust
«Kalifornische Jahre», im Original 1972 erschienen, überspannt den Zeitraum von 1939 bis 1945; doch das vermeintlich eine Thema jener Epoche scheint kaum mehr als eine ferne Brandung, die an der Insel der (Un-)Seligen nagt, wo der grösste Teil des Romans handelt: Hollywood. Annie Gianfala, die Protagonistin, gehört zum menschlichen Treibgut, das im Ödland zwischen den Filmstudios und den Hochsitzen der Reichen und Arrivierten hängen geblieben ist; vom Tross dieses Fussvolks, das sich mit auswechselbaren Jobs von Mahlzeit zu billiger Mahlzeit, von Woche zu Woche, von einer miesen Bleibe zur andern durchschlägt, unterscheidet sie scheinbar vorab die Tatsache, dass sie sich niemals mit der Ambition getragen hat, ins Scheinwerferlicht vorzudringen.
Aber Annies Passivität und Durchlässigkeit sind von gefährlicher Tiefe: Es dürfte kein Zufall sein, dass sie mit ihrer Autorin das Geburtsjahr 1923 und etliche Lebensstationen teilt. Das Vakuum ihrer ungefestigten Existenz das bald auch den Leser gefangen setzt zieht Menschen von der gesamten Peripherie des sozialen Spektrums an; und während sich diese vor der scheinbar so hilflosen jungen Frau spreizen und in guten Ratschlägen ergehen, wird ohne ihr Wissen ihr eigenes Wesen eingesaugt und vom kühlen, neutralen, im eigentlichen Sinn jungfräulichen Licht von Annies Bewusstsein ausgeleuchtet. Mit ihren aufgesteckten Zöpfen und dem schlecht sitzenden Tweedkostüm, das monatelang Alpha und Omega ihrer Garderobe bleibt, ist die junge Frau eigentlich das Gegenteil einer femme fatale; doch sie vernichtet auf andere, subtilere Weise. Sehen wir die Gäste einer Hollywood-Party, eben noch mondän, chic, schwerelos plaudernd, dieser Gravitation anheim fallen:
Aber als sie sie eifrig und hoffnungsvoll befragten was wollten sie von ihr? , begann sich ihr Aussehen zu verändern. Die herrliche Bräune von Frauenschultern konnte deren Fettpolster nicht zum Verschwinden bringen; goldene und silberne Gürtelschnallen schnitten in Männerbäuche ein; Zähne, die aus der Entfernung weiss und strahlend wirkten, glichen aus der Nähe gleichartigen Teilen billigen Porzellans. Sie sah nachgezogene Linien, wo Augenbrauen ausgezupft und angehoben worden waren zu bleistiftdünnen Höhen der Arroganz. Eine Frau mit einem beeindruckenden Heiligenschein aschblonden Haars schleuderte ihre Schuhe von sich, und an ihrem schmalen Fuss trat ein grosser, champignonfarbener entzündeter Ballen zutage.
Die Kunst dieser Beschreibung besteht in ihrer von keinerlei Selbstgerechtigkeit oder Ranküne verbogenen Unbestechlichkeit. Die «bleistiftdünnen Höhen der Arroganz» sind zu formidabel, um als Boshaftigkeit zu wirken; am entblössten Fuss wird nicht nur die entstellende Schwellung wahrgenommen, sondern auch die anmutige Schmalheit. Und: Leidet nicht in erster Linie, wer so sieht während damit zu rechnen ist, dass die Gürtelschnallen zumindest mit einem Mass an Selbstsicherheit geschlossen, die Brauenbogen mit Wohlgefallen gezogen wurden?
Ausgehöhlte Ideale
Tatsächlich kultiviert Annie nicht die Rolle der stillen Beobachterin im Auge des Hurrikans, sondern erduldet sie; wehrt sich dagegen mit gerade so viel verzagter Zähigkeit, dass ihr noch ein langsames Fortkommen im Bodensatz der Welt möglich ist. Sie heiratet besser: lässt sich heiraten; sie streift, eher genötigt denn aus freien Stücken, am Rand kommunistischer Gruppierungen herum; sie stellt Männern ihren Körper zur Verfügung, lernt auch, sich zu entziehen. Sie liest. Sie lernt. Lernt sie leben?
Hier verläuft die Achse, auf der sich der Roman an Ort dreht. Denn: Wer in dem ganzen Panoptikum von Figuren, die sich näher oder ferner durchs Blickfeld der Protagonistin bewegen, bietet ihr die Hand oder wenigstens ein Beispiel, das der Nachahmung wert wäre? Max Shore, der Parteigenosse, dem ihre stille und bedingungslose Liebe gehört, reibt sich zwischen den Fassaden eines zu Bruch gegangenen Familienlebens und verlorener politischer Überzeugungen auf, flüchtet sich am Ende, gegen jede Parteidoktrin, in den Krieg. Theda Rothstein versenkt ihre Intelligenz und ihr menschliches Potenzial in der lähmenden Erinnerung an ihren im Spanischen Bürgerkrieg gefallenen Lebensgefährten und erwacht erst, als der giftige Dampf von «Zyklon B» und der Rauch über den KZ-Krematorien ins Bewusstsein der ganzen Welt gedrungen sind. Walter Vogel, Annies Mann, gehört zum Tross der Linientreuen, die in der kommunistischen Doktrin ihre Lebenslehre gefunden haben und sogar Hitler zu «schlucken» bereit waren, solange er mit Stalin paktierte; Cletus Moore, der sensible und hinreissend unberechenbare Farbige, der einen flüchtigen Zauber über Annies Leben wirft, weist ihr die Tür, nachdem ihm eine Rotte Weisser eine brutale Lektion betreffend den Platz des «Niggers» in der amerikanischen Gesellschaft erteilt hat.
Aus dieser Aufzählung die bei weitem nicht alle Dimensionen des Romans aufzeigt wird bereits ersichtlich, welchen sozialen und politischen Hintergrund Paula Fox aussteckt. Dabei bleibt ihr Buch jedoch das Gegenteil eines Thesenromans: in seinem scheinbar mäandernden Gang, der kaum merklich weil jede Szene so klar, so luzide entworfen ist vom Dunklen ins noch Dunklere führt; in der kaleidoskopischen Vielfalt der vorgeführten Milieus und Figuren; in seiner schneidenden Charakteranalyse, die politische und ethische Überzeugungen am Ende als blosse Akzidenzien des Subjektiven erkennen lässt. In diesem unheimlichen Relativismus ist Fox' Roman äusserst zeitgemäss; unbarmherzig kritisch aber darin, dass er ihn in leisen und perfekt gesetzten Tönen an den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts durchspielt.
Angela Schader
Kurzbeschreibung
"Kalifornische Jahre" ist eine Variation des klassischen Bildungsromans, geschrieben in der Tradition der besten amerikanischen Erzähler der Moderne.Paula Fox wurde 1923 in New York geboren, wo sie heute noch lebt. Sie veröffentlichte zahlreiche Kinderbücher, für deren Gesamtwerk sie 1978 mit dem "Hans-Christian-Andersen-Preis" ausgezeichnet wurde.
2000 erschien in Deutschland ihr bereits 1971 in den USA veröffentlichter Roman "Was am Ende bleibt", der sich binnen kurzem zu einem großen Presse- und Verkaufserfolg entwickelte.
Autorenportrait
2000 erschien in Deutschland ihr bereits 1971 in den USA veröffentlichter Roman "Was am Ende bleibt", der sich binnen kurzem zu einem großen Presse- und Verkaufserfolg entwickelte.