Zunächst mal ein Dank an das "Lexikon des Internationalen Films" für seine unermüdliche und verlässliche Tätigkeit als Contra-Indikator: was dort heftig kritisiert wird, kann man wirklich fast bedenkenlos kaufen.
Das gilt insbesondere für das 1993 entstandene Meisterwerk von Dominic Sena, der in einem Road-Movie Erkenntnisse über das Böse im Menschen sucht und findet.
Vier Protagonisten, zwei sich fremde Paare, begeben sich auf einen schrägen Trip nach Kalifornien, der sie quer durch die Staaten über Stätten führt, an denen brutale Verbrechen begangen worden sind.
Journalist Brian (David Duchovny, 33) ist nämlich fasziniert von "sinnlosen" Gewalttaten und möchte mit seiner Freundin Carrie (Michelle Forbes, 28) ein Buch über solche Verbrechen, die Täter und die Plätze veröffentlichen. Carrie, ansonsten mit künstlerisch-erotischer Fotografie befasst, soll die Aufnahmen dazu erstellen. Es ist schon irritierend, wie sehr der ruhige und immer und für alles verständnisvolle Brian, der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte, von der brutalen Gewalt besessen ist.
Um die Kosten der Fahrt nicht alleine tragen zu müssen, nehmen sie über eine Anzeige Adele (Juliette Lewis, 20) und Early (Brad Pitt, 29) mit.
"Besser" hätte Brian es nicht treffen können - mit Early bekommt er nun echten und unmittelbaren Kontakt zu seinem Lieblingsthema. In einer stetigen Eskalation der Gewalt offenbaren sich bei allen Abgründe, an die sie vorher nicht einmal zu denken gewagt hatten...
Das Buch von Stephen Levy und Tim Metcalfe geht die Facetten des Stoffs intelligent und vielschichtig an. Das wird von den vier Hauptdarstellern schon gnadenlos gut realisiert und von Bojan Bazelli mit Bildern zum Schwelgen in Szene gesetzt.
So versetzt der Film den Zuschauer nicht nur in brutale Spannung, sondern bietet auch reichlich Stoff zu anschließenden Gesprächen über das Tier im Menschen, die merkwürdige Balance aus Gleichgültigkeit und Brutalität, aber auch, dass es unter- und außerhalb des Gutbürgerlichen andere Lebensmodelle gibt, die man nur solange ignorieren kann, wie man mit ihnen nicht in Berührung kommt.
Im Original 117 Minunten, Format 2,35:1 auf 35 mm Film (anamorph).
Die Blu-ray von 2010 präsentiert den Film in voller Länge, vollem Format und unzähligen Sprachen - genaueres in der Produktberschreibung. Der 2-minütige Originaltrailer kommt ebenfalls in HD - aber das war es dann auch schon. Leider fehlte die Kundennähe für ein Wendecover. Aber worauf es ankommt, ist schließlich der Film - da wurde wirklich das herausgeholt, was heute bei einem 20 Jahre alten Streifen möglich ist.
Ein großartiger Film ohne Durchhänger, ohne Logiklücken und fast ohne unglaubwürdige Momente (so, wie Carrie fotografiert, kann das nichts werden). Vor allem aber die perfekt agierenden Darsteller schaffen eine Illusion, wie sie selten in Filmen über die gesamte Laufzeit gelingt. So gab es durch "Kalifornia" wohl auch für alle Vier einen ordentlichen Karriereschub.
film-jury 5* A0803 4.12.2011e Genre: Krimi | Drama | Thriller