Peter Handke ist wieder Poet geworden, hat der Welt den Rücken gekehrt und ist nach "Handke Land" zurückgekehrt, das er sich selber geschrieben hat. Kali" heißt sein neuestes Buch, es ist ein rätselhaftes Traumbuch", eigentlich mehr ein "Angstbuch". Es liest sich wie ein Märchen. Ursprünglich ist es als Filmskript für einen Wenders Film gedacht gewesen, dann ist eine Erzählung daraus entstanden. Man spürt beim Lesen diese gekonnten Zwischenschnitte. Peter Handke bringt auch eine große Lakonie dadurch hinein, dass er Figuren immer wieder aus einer großen Distanz, aus einer großen räumlichen Entfernung, auftreten lässt.
Heldin des Buches ist eine Sängerin, eine Musikantin, eine Ruferin und auch eine Finderin Was sie sagt muss geschehen und eine schöne, vorangestellte Drohung besagt, wem sie sich hingibt, der muss sterben. Nach Abschluss ihrer Tournee geht sie auf eine lange Reise, auf der Suche nach dem "Mann". Sie kommt schließlich im "Toten Winkel", einer Auswanderer Gegend an, dort wo der Winter noch Winter ist. Es ist eine Siedlung am Fuße eines hoch aufragenden Salzberges. In dieser toten Gegend treffen sich die unterschiedlichsten Weltenbewohner, Überlebende des Dritten Weltkriegs, in dem sie sich mitten drin befinden, in dem wir alle leben, ohne das dies der Autor näher erklärt. Es sind kaum noch Einheimische dort, aber viele Ausländer, Gastarbeiter, Desperados, die alle sehr getrennt und fremd miteinander leben.
Es sind diese Versprengten, Verirrten aus aller Herren Länder, die in diesem "Toten Winkel" leben. Da kommt ein Motiv, welches mir sehr gut gefallen hat, das Motiv des "umgekehrten Turms von Babel". Als man dort hoch hinaus baute, entstand eine allgemeine Sprachverwirrung, niemand hat es mehr verstanden. Und hier kommt nun eine merkwürdige Sache, denn je tiefer die Menschen in dieses Kalibergwerk hinuntersteigen, desto besser verstehen sie sich plötzlich wieder, obwohl sie alle verschiedene Sprachen sprechen. Es eint sie etwas, nämlich die Suche nach Erlösung, die Suche nach dem Gral,die Suche nach dem Kind.
Der Leiter dieses Salzbergwerks, der "Grubenherr", ist der für die Heldin bestimmte Mann. Er erwartet sie und er fürchtet sie, denn er weiß, was es zu bedeuten hat, wenn er diese Frau lieben wird. Die Situation der Dorfbewohner ist vollkommen aussichtslos, seitdem ein Kind verschwunden ist. Alle machen sich auf die Suche, Der "Grubenherr" und die Heldin fahren in das Salzbergwerk hinein und wirklich bis in den tiefsten Stollen. Und das sind unglaubliche Szenen, nichts für klaustophobiesche Leser, denn man merkt richtig wie der Berg über einem grollt und donnert und wie die beiden in großer Angst immer weiter in diesen Stollen hineinfahren.
Und dann geschieht das "Erbarmende", die beiden dürfen sich lieben. Und dann wird die große Erlösungssehnsucht erfüllt. Es kommt die große Erlösung, wo dieses verloren geglaubte Kind in einer Kirchenszene, wie der Erlöser im Licht steht. Peter Handke den Weltwut und Weltangst umtreibt, rettet sich ins Beseligende. Es ist wie ein Versuch einer "poetischen Weltrettung", voller Pathos. Die Weltrettung sind eigentlich die Kinder, denn die Finderin, die Heldin des Buches findet das im "Toten Winkel" seit langem verzweifelt gesuchte Kind. Und Kinder sind Zukunft, Unschuld und Hoffnung. Und das Buch schließt mit der Aussage, "ja wenn Kinder einmal ins Erzählen kommen".
Es ist ein ganz mäandrisch, episches Erzählen, ein märchenhaftes Erzählen mit so vielen Motiven und literarischen Anspielungen wie Heinrich von Ofterding's Romanfragment Novalis oder Lancelot, die da alle in irgendeiner Form da rein spielen.
Störend empfinde ich den metaphysischen Drall in der Dichtung, wenn es darum geht das Sinnliche, das Materielle zu übersteigen, im Hinblick auf eine noch größere, fast schon religiöse Versöhnung, Dabei stehen die "heiligen" Dinge immer im Kontext mit völlig Profanem. Es ist eine Hölle ohne Teufel, eingefangen in unglaublich traumatischen Bildern. Es sind häufig sehr verrätselte Bilder in denen der Autor die öden Schattenseiten zeigen will und dagegen setzt der dann einen ganz emphatischen Begriff von Leben.
Es ist ein Buch über Krieg, Angst, Liebe und vor allem Erlösung, wobei die Ambivalenz ein immer wieder auftauchendes Thema ist.
Ungemein ist die Sehnsucht, die große Einsamkeit, die dieses Buch durchzieht, denn man verspürt, dass da ein Autor auf der verzweifelten Suche nach etwas anderem ist, als der Welt in der wir leben. Kali" heißt das Buch, Kali bedeutet Salz, aber "Kali" ist auch eine hinduistische Göttin der Zerstörung und Erneuerung. So gibt es viel Salz und viele Menschen in diesem Buch, trotzdem ist der berührende, nahe gehende Grundton, der einer endlosen Einsamkeit.
Dem Buch ist in der deutschen Presse ganz vehement der Kitschvorwurf gemacht worden. Das ist das Schlimmste, was man einem Buch vorwerfen kann, und sicher völlig unberechtigt. Sicher, man muss Peter Handke mögen, es ist nicht sein größtes Buch und es ist wahrscheinlich kein Buch für Einsteiger, aber lesenswert ist es allemal.