Kurzbeschreibung
Klappentext
Umschlagtext
Über den Autor
Textauszug
I - 23. Mai Rationales Denken mag in einer Welt wie dieser, jene Welt, die ich heute Morgen, kurz nach meinem Erwachen noch glaubte zu kennen, wohl das sinnloseste sein, was man nur tun kann, doch ich vermag es nicht besser einzuschätzen, so daß ich von mir selbst behaupten muß, daß die Kraft des Denkens das einzige ist, was mir geblieben ist. Ich bin nicht gewillt, das, was dort draußen ist, als real anzusehen, doch mein rationales Denkvermögen befiehlt es mir so. Dort draußen, direkt vor meiner Wohnungstür ist etwas, das mir den Verstand rauben wird: das Nichts. Das heißt, selbstverständlich ist dort etwas: So könnte ich neben all den Häusern, Straßen, Fahrzeugen und dergleichen - eben das, was man in jeder Stadt antreffen wird - noch die unzählbaren Leichen nennen, die mich dazu bewegen zu sagen, dort ist nichts. Nein, es ist falsch formuliert. Dort ist NIEMAND, denn sie sind alle tot. Ich schreibe dieses Tagebuch, weil ich es für meine Pflicht halte, es zu tun. Womöglich bin ich der letzte Überlebende einer Rasse, die sich Mensch nennt (nannte) und, seit dieser Tag begann, ausgestorben ist. Mit mir selbst als Ausnahme. Vielleicht irre ich mich, und lediglich die Bewohner meiner Stadt, meines Landes oder meines Kontinents wurden vom Tode heimgesucht, und gerade diese Hoffnung läßt mich dieses Tagebuch schreiben, da ich es als eventuellen Beweis, als Nachschlagwerk oder anderweitiges Hilfsmittel für etwaige Wissenschaftler, die irgendwo, weit entfernt, ihr Dasein fristen mögen, verwenden könnte. Sofern jedoch das Schlimmste der Fall ist, daß - bis auf ein paar wenige wie mich - die ganze Menschheit ausgerottet ist, so wird es nur mir allein dienlich sein, auf daß ich mein rationales Denkvermögen nicht verliere. Ich beginne also dieses erste Tagebuch nach dem Ende der Menschheit mit jenem Moment, in dem ich bemerkte, daß etwas nicht stimmte, etwas anders war als sonst, im Moment, da ich jenseits des Todes erwachte. Heute morgen. Meine Morgenwäsche hatte ich bereits hinter mich gebracht, und ich war gerade im Begriff, mein Frühstück zuzubereiten, als ich es bemerkte. Wohnte ich nicht allein, so hätte ich es noch eher bemerkt, doch erst in diesem Augenblick spürte ich, daß etwas nicht stimmte. Es roch nach faulen Eiern, nach Bananen auf einem riesigen Komposthaufen, und ich konnte mir zunächst nicht erklären, woher dieser süßliche, äußerst abstoßende Geruch kam. Ich blickte aus dem Fenster, sah jedoch nur Schwärze, da die Nacht ihre Schatten noch nicht von der Welt genommen hatte. Irgendwo, weit entfernt mochte die Sonne gerade einigen Vögeln 'Guten Morgen' sagen, doch hier war alles still. Grabesstill. Mir lief ein leichter Schauder über den Rücken, ich kümmerte mich jedoch nicht weiter darum. Ich frühstückte, kleidete mich an und suchte meine Arbeitsutensilien zusammen, die ich für den heutigen Tag in meinem Büro brauchen würde. Mit Anzug und Aktentasche verließ ich meine Wohnung, fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage und suchte meinen Wagen auf, um mit diesem den Weg zu meiner Dienststelle bestreiten zu können. Ich hatte den Wagen noch nicht angelassen, als mir dieser Geruch wieder auffiel. Er war stärker als vorher, und als ich mich in der Tiefgarage umsah, wurde ich eines Fliegenschwarms gewahr, der, halb hinter einem Betonpfeiler verborgen, beschäftigt war. Ich wunderte mich, besonders, da der eigenartige Geruch aus eben dieser Richtung zu kommen schien, verließ meinen Wagen und steuerte auf mein seltsames Ziel zu. Je näher ich dem Schwarm kam, desto stärker und widerlicher wurde der Geruch, und das Summen und Surren der Fliegen schwoll zu ohrenbetäubender Lautstärke an. Sofort dachte ich an ein verendetes Tier, doch als ich um den grauen Betonpfeiler bog, mußte ich mit Entsetzen feststellen, daß es sich um einen Menschen handelte. Tot. Es stank bereits bestialisch nach Verwesung, und ich hielt mir meine Hand vor den Mund. Mein Magen rumorte, als ich die kleinen Maden und Würmer sah, die sich durch zähes, klumpiges Fleisch fraßen, und eiligst drehte ich mich um, auf daß ich mich nicht übergeben mußte. Wie lange mochte dieser menschliche Kadaver wohl schon hier liegen, fragte ich mich und überlegte, was zu tun sei. Schließlich beschloß ich, daß es das Beste wäre, die Polizei zu verständigen. Ich begab mich sofort wieder zurück in meine Wohnung. Der Versuch, einen Anruf zu tätigen, blieb erfolglos. Es befand sich wohl niemand am anderen Ende der Leitung, der gewillt war, den Hörer abzunehmen. Doch als ich den Anruf bei der Feuerwehr wiederholte, blieb auch dieser unbemerkt. Alle Institutionen waren scheinbar unbesetzt, und nicht einmal die Telefongesellschaft war dazu in der Lage, mit mir zu sprechen. Auch als ich irgendeine wahllose Zahlenkombination wählte, mußte ich resigniert feststellen, daß wohl entweder mein Telefon gestört war oder aber keine Gesprächspartner vorhanden waren... In diesem Moment bemerkte ich, daß heute noch keine Tageszeitung im Briefkasten war. Der Milchmann hatte wohl auch verschlafen, und ich hörte auch keinerlei Autos auf der Straße unter meinem Fenster. Die Vögel waren ebenso stumm, und dieser bestialische Geruch konnte unmöglich ausschließlich von jener Leiche aus der Tiefgarage kommen. Was ist hier nur los? Ich bekam Angst.