Zum Inhalt:
Der Kaiser eines nicht näher bestimmten Landes vernachlässigt seine dienstlichen Pflichten, da er sich viel lieber mit der Auswahl und Anprobe neuer Kleider beschäftigt. Eines Tages kommen zwei Betrüger in die Stadt des Kaisers, welche sich als Weber ausgeben und dem Monarchen das Angebot unterbreiten, Kleider aus einem Stoff zu weben, welcher die außergewöhnliche Eigenschaft habe, für jene unsichtbar zu bleiben, welche ihres Amtes nicht taugen oder sehr dumm sind. Fasziniert von den versprochenen Eigenschaften des Stoffes erhalten die Betrüger den Zuschlag und machen sich an die 'Arbeit'.
Meine Meinung:
Das Märchen Des Kaisers neue Kleider wurde 1837 erstmals von Hans Christian Andersen veröffentlicht und seitdem häufig und auf unterschiedlichste Weise illustriert. Während die meisten Illustrationen sich auf die Spiegel- sowie Prozessionsszene der Geschichte beschränken, findet sich in diesem Werk eine vollständige und sehr detaillreiche Illustration des gesamten Textes, welcher der Übersetzung Julius Reuschers aus dem Jahr 1863 folgt.
Die Geschichte selbst dürfte den meisten bekannt sein: ein egozentrischer, eingebildeter Kaiser vernachlässigt sein Volk zugunsten neuer Kleider und wird schließlich von zwei Betrügern seiner eigenen Dummheit überführt. Der angebliche Stoff, welcher für jene unsichtbar bleibt, die dumm oder ihres Amtes nicht würdig sind, existiert nicht und so tritt der Kaiser bei der Prozession schließlich nackt vor das Volk. Das Volk und seine Minister umjubeln ihn, bis ein kleines Kind schließlich die Wahrheit sagt und die Lüge auffliegt.
Andersen erzählt in seinem Märchen auf äußerst spöttische Weise vom Funktionieren von Herrschaftsstrukturen. Ein jeder will seinen Ruf schützen und beginnt daher zu lügen. Nur das Kind, welches nichts zu verlieren hat, kann diese Kettenreaktion schließlich durchbrechen, wodurch der Kaiser seiner eigenen Schwächen überführt wird.
Des Kaisers neue Kleider ist ein 'Märchen' voller Wortwitz, welches Andersens herausragende Erzählkunst in bester Weise veranschaulicht. Sei es durch das Einfließen französischer Ausdrücke, um die Redeweise der feinen Kreise hervorzuheben oder durch die ausführlichen Monologe der Minister und des Kaisers.
Angela Barrett hat die Szenerie der Geschichte in die frühen 20er Jahre des letzten Jahrhunderts verlegt, was auf die Übertragbarkeit des Sinns der Geschichte auf sämtliche Epochen ' und auch in die heutige Zeit ' hinweist. Barretts Illustrationen zeichnen sich durch Witz, Liebe zum Detail und einen wirklich tollen Ideenreichtum aus. So ist beispielsweise eine Doppelseite komplett als Zeitungsartikel gestaltet, um den Aufruhr, welche die 'neuen Kleider' in der Öffentlichkeit auslösen, zu illustrieren.
Eine tolles Extra dieses Buchs ist das Vorwort von Naomi Lewis, in welchem diese auf die Geschichte des Märchens und dessen Sinngehalt sowie die Illustrationen Barretts eingeht.
Fazit:
Des Kaisers neue Kleider ist ein spöttisches und absolut zeitloses Kunstmärchen von Hans Christian Andersen, welches mit Witz und gnadenloser Ehrlichkeit aufwartet. Angela Barretts Darstellung des Märchens in den 20er Jahren zeichnet sich durch vielfältige Details und einen großen Ideenreichtum aus, welche dieses Buch zu einem sehr schönen Lese- und Bilderlebnis machen.