Dass 90% unserer Gartenpflanzen nicht aus Mitteleuropa stammen, sondern oftmals einen langen, weiten, und/oder verworrenen Weg hinter sich haben, ist sicherlich nicht nur botanisch Interessierten bekannt. Was aber bisher fehlte, war eine wissenschaftliche Monographie der Herkunft und Einführung der mitteleuropäischen Gartenpflanzen sowie deren weiterer Verbreitung bei uns. Diese legt der Potsdamer Botaniker Heinz-Dieter Krausch nun nach über zehnjähriger Detailarbeit in seiner Geschichte der 500 häufigsten Zierpflanzen Mitteleuropas vor. Naturgemäß befinden sich darunter auch zahlreiche in der Volksmedizin verwendete Pflanzen wie Maiglöckchen, Eisenhut, Diptam oder Mariendistel, die so ihren Weg in Bauern- und Ziergärten fänden.
Der einzigartige Wert des Werkes liegt in der Aufarbeitung der oftmals schwer zugänglichen „grauen Literatur" der letzten 500 (!) Jahre: Reiseberichte, kommerzielle Pflanzenkataloge, Bestandslisten von Botanischen Gärten, fürstlichen Pflanzensammlungen und privaten Liebhabern, die neben den weitgehend erschlossenen antiken griechischen und römischen Quellen, den mittelalterlichen Schriften von Hildegard von Bingen und Albertus Magnus, den Kräuterbüchern der Väter der Botanik und zahlreichen Gartenzeitschriften und Florenwerken ausgewertet wurden. Die meisten Pflanzen werden dabei durch deren erste Abbildung in der neuzeitlichen botanischen Literatur ergänzt.
Durch diese kriminalistische historische Analyse alter Pflanzenzeichnungen und vor-linnéischer Nomenklatur wird deutlich, wie intensiv zahlreiche heimische Pflanzen schon seit Jahrhunderten, teilweise seit Jahrtausenden gärtnerisch genutzt werden (z.B. Akelei, Buchs, Lungenkraut, Rosen, Wacholder oder die bis auf die germanische Mythologie zurückgehende Kultur der Hauswurz), so dass deren ursprüngliche und neue Heimat oftmals kaum noch abgrenzbar ist (wie die Blaue Himmelsleiter im Westerwald). Auch seit der Renaissance vermehrt zu uns gelangte neue Arten sind zur festen Zierde unserer Gärten und teilweise seltene Juwelen der Natur geworden - wie Schachbrettblume oder Wilde Tulpe. Schließlich werden auch neuere, für den Naturschutz teilweise nicht unproblematische invasive Gartenflüchtlinge wie Staudenknöterich & Co. dargestellt.
Dass das Werk verwirrenderweise als „Gartenbuch" firmiert und ohne Literaturzitate im Text und ein Register der wissenschaftlichen Namen, aber auch ohne die sonst in diesem Genre aufwändige Ausstattung auskommt, mag daran liegen, das der Fischer-Verlag Jena wenige Tage vor Manuskriptübergabe aufgekauft wurde und die Veröffentlichung erst mit Unterstützung der Stiftung Naturschutz Hamburg gelang. Dies schmälert aber Verdienst des Autors und Bedeutung des Werkes in keiner Weise, das in keiner botanischen Buchsammlung fehlen sollte: Stellen Zierpflanzen doch den ästhetischsten und für viele Menschen unmittelbarsten Zugang zur Pflanzenwelt dar.