Der Hohenzollern-Experte Jörg Kirschstein zerstört mit seinem neuesten Buch KaiserKinder" die Illusion eines sorgenfreien Prinzendaseins nachhaltig, und er macht es auf eine ganz raffinierte Art und Weise: Er lockt uns zunächst mit scheinbar bekannten Bildern in die nach außen hin vermeintlich heile Welt der letzten deutschen Kaiserfamilie. Bilder, mit denen sich das Herrscherhaus geschickt zu inszenieren wusste. Man sieht das bunte Familienidyll auf dem Umschlag, stößt beim Blättern auf niedliche Kinderbilder und arrangierte Gruppenfotos zu Familienfesten.
Und dann stolpert man auf einmal über nie gesehene Fotos, die scheinbar nicht passen wollen in dieses perfekte Bild. Eine sich ausgelassene räkelnde Kronprinzessin in kecker Pose auf einem Waldweg, eine fotografierende Kaiserin während des 1. Weltkriegs in Frankreich und einen Kronprinzen mit Hakenkreuzbinde am Stahlhelmtag in Gesellschaft von SA-Chef Ernst Röhm im September 1933. Es sind auf den ersten Blick vor allem diese über 250 größtenteils bisher unveröffentlichten Fotos der kaiserlichen Familie vor und nach 1918, die von Jörg Kirschstein in jahrelanger Arbeit in mehreren öffentlichen und privaten Archiven zusammengetragen wurden und die dieses Buch zu einem Standardwerk machen. Die eigentliche Leistung sind jedoch - neben der exzellenten Auswahl - die akribischen Beschreibungen und Bestimmungen der Fotografien; angefangen vom genauen Tag der Aufnahme, der Umstände der Bildentstehung und der exakten Bestimmung der Personen, die man sieht, was insbesondere bei großen Gruppenaufnahmen eine Schwierigkeit darstellt.
Allein wegen der spektakulären Fotos und der gut recherchierten Bildunterschriften wäre das Buch also schon kaufenswert. Was diese Veröffentlichung jedoch zusätzlich zu einem wichtigen Nachschlagewerk macht, sind die in Dutzenden Archiven und Korrespondenzen recherchierten Biografien, die die Fotografien ergänzen und zugleich ordnen. So folgen nach der Einführung insgesamt sieben unterhaltsam und zugleich faktenreich geschriebene Lebensläufe der Prinzen Wilhelm, Eitel-Friedrich, Adalbert, Oskar, Joachim und der einzigen Kaisertochter Viktoria Luise. Eine ebenso gründlich recherchierte Stammtafel ergänzt die Lebensbeschreibungen, die zeigen, unter welchen streng kontrollierten Umständen die Kinder des letzten deutschen Kaisers auf ihre künftige Rolle in Deutschland vorbereitet werden sollen: Eine genau überwachte schulische und vor allem aber militärische Ausbildung war für die Prinzen ebenso Pflicht wie die Wahl einer standesgemäßen Braut, die der Kaiser bei den jüngeren Kindern auch noch aus dem holländischen Exil überwachte. Die daraus hervorgegangen Verbindungen waren jedoch zumeist unglücklich.
Und so zeigt das Buch zwar die je nach Geburtsfolge unterschiedlich reich ausgestatteten Residenzen der Kaiserkinder, aber eben auch den sprichwörtlich goldenen Käfig, in dem die Prinzen sich mehr oder wenig glücklich bewegen konnten. Was verblüfft, sind die unterschiedlichen Charaktere und Lebenswege der sechs Kinder, die bis zu ihrer Verlobung zwar fast ausnahmslos die gleichen Lebensstationen durchliefen, dann aber völlig andere Wege gehen. Wie der Kronprinz, der als bei der Bevölkerung beliebte Lebemann auch nach seinem fünfjährigen Exil im öffentlichen Leben Potsdams und Berlins seine Rolle spielte und sich dann aber nach 1933 trotz kurzer Annäherung an die Nationalsozialisten von ihrer Politik abwendete. Besonders beeindruckend das letzte Foto in der Uniform des Danziger Leibhusarenregiments auf einem ärmlichen Sterbebett, das den ganzen Bedeutungsverlust der einstmals mächtigsten Herrscherfamilie illustriert, die nach 1945 fast sämtliche Immobilien verlor. Ganz anders der Weg des homosexuell veranlagten Prinzen August Wilhelm, der 1908 eine unglückliche Verbindung mit seiner Cousine Prinzessin Alexandra Victoria zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg einging, die ein Jahr nach dem Ende der Monarchie zerbrach. Der Prinz, der viele Jahre in der eigens für ihn umgebauten Villa Liegnitz im Park von Sanssouci lebte, versuchte seinen öffentlichen Bedeutungsverlust durch sein Engagement für die nationalsozialistische Bewegung als SA-Führer auszugleichen. Zunächst von Hitler und seinem Kreis anerkannt, gerät er trotz großer Loyalität und eifriger Tätigkeit als politischer Redner letzlich in Ungnade bei den neuen Machthabern und wird von der amerikanischen Besatzungsarmee verhaftet.
Und so ist Jörg Kirschsteins Werk zugleich auch ein unterhaltsam geschriebenes und bebildertes Geschichtsbuch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erzählt anhand von Biografien echter Prinzen und Prinzessinen, mit deren Lebenswegen wohl keiner von uns hätte tauschen wollen.