Victoria Adelaide Mary Louisa (1840-1901), älteste Tochter der englischen Königin Victoria, die im Jahre 1858 den späteren preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm heiratete. Als deutsche Kaiserin nahm sie den Namen Kaiserin Friedrich an. Ihr Mann regierte 99 Tage bevor er an einem Krebsleiden starb. Franz Herre beschreibt in diesem Buch ihre Erziehung, ihr Leben und Wirken.
Natürlich ist dieses Buch mit seinen 330 Seiten nicht so ausführlich wie Hannah Pakulas Werk über
Victoria. Dennoch lohnt der Kauf, da Franz Herre die wesentlichen Punkte im Leben der Kaiserin Friedrich sehr gut herausgearbeitet hat. Etwas zu kurz gekommen sind meiner Meinung nach vor allem die letzten Lebensjahre der Kaiserin Friedrich, z.B. ihr Vermittlungsversuch aus dem Jahre 1898 wird nur kurz erwähnt. Des Weiteren wären mehr Informationen über das Verhältnis der Kaiserin Friedrich zu ihrer Schwester, Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein, wünschenswert gewesen.
Positiv aufgefallen ist mir die Darstellung des "Coburger Plans". Freilich hätte man hier noch etwas mehr zum Hause Coburg schreiben können. Niall Ferguson hat dies in einem Aufsatz, der in
Victoria Kaiserin Friedrich: Mission und Schicksal einer englischen Prinzessin in Deutschland veröffentlicht ist, sehr ausführlich beschrieben, denn diese Coburger Verschwörung hatte eine längere englische Vorgeschichte und so sah sich bereits der englische Prinzgemahl Albert, der Vater Victorias, Angriffen der englischen Presse ausgesetzt.
Auch die Schwierigkeiten Victorias in Deutschland sind gut beschrieben sowie die Folgen der durch ihren Mann abgelehnten vorzeitigen Abdankung seines Vaters. Wäre Friedrich doch dem Rat seiner Frau gefolgt. Durch das lange Leben Wilhelms I. und die intelligente Machtpolitik Bismarcks hatte das Ehepaar aber keine Gelegenheit mehr seine Vorstellungen umzusetzen.
Bismarcks Haltung gegenüber der Kaiserin Friedrich wird übrigens auch durch Aussagen von Lothar Gall in seiner
Bismarck-Biografie bestätigt. So schreckte der deutsche Kanzler noch nicht einmal vor einem gerichtlichen Verfahren gegen die Veröffentlichung der Tagebuchauszüge Friedrichs III zurück, obwohl er diese "für unzweifelhaft echt hielt" (dort S. 687). Aber wie Herre in seinem Buch auf Seite 286 schreibt, dies hätte bedeutet, dass Friedrich III "ein nicht unbeträchtliches Verdienst an der Reichsgründung zukam, was sie ihm nicht zubilligen wollten."
Abgerundet wird dieses Buch durch eine Zeittafel, eine sehr ausführliche Bibliografie, ein Personenregister sowie mehrere Bilder inklusive Bildnachweis.
Mein Fazit: Alles in allem eine gute Darstellung des Lebens der Kaiserin Friedrich. Der eine Punkt Abzug ist nur darauf zurückzuführen, dass es mit Hannah Pakulas
Victoria-Biografie eine noch ausführlichere Beschreibung gibt.
========================================
Noch ein paar Informationen zur Kaiserin Friedrich (ursprünglich im ersten Kommentar):
(1) Es gibt Menschen, die ihr den Namen "Victoria-Augusta" zuschreiben. In dem vorliegenden Buch steht dies nicht. Die Antwort des Autors auf meine Anfrage: "Die Kaiserin Friedrich wurde niemals Victoria-Augusta" genannt; ihr Vorname war nur Victoria. Ihre Schwiegertochter, die Gemahlin Kaiser Wilhelms II., hieß Auguste Victoria."
(2) Ihr Gemahl Friedrich Wilhelm wurde 1861 preußischer Kronprinz, obschon sein Vater 1857 zum Stellvertreter des an einem Gehirnleiden erkrankten Friedrich Wilhelm IV. eingesetzt wurde. (vgl. S. 43) Der sechste König von Preußen starb erst am 2. Januar 1861.
(3) Leider habe ich im Buch keine Informationen zu einem bemalten Wandschirm gefunden, welcher nach dem deutsch-französischen Krieg von Victoria an Kaiserin Eugenie zurückgeschickt wurde. Sehr wohl wird diese Episode allerdings in Ponsonby Briefe der Kaiserin Friedrich, Knaur, 514 Seiten, herausgegeben von Sir Frederick Ponsonby, enthalten. Dort werden auch die diplomatischen Verwicklungen geschildert.
(4) Der Briefwechsel von Victoria, v.a. mit ihrer Mutter, wird in Ponsonbys Buch ausführlich zitiert. Hier finden sich k e i n e Zitate.
(6) Zur Pflege von Friedrich III: also in dem Buch steht beginnend auf Seite 241, dass der Chirurg und Generalarzt Dr. Ernst von Bergmann Krebs diagnostizierte und für eine Operation plädierte. Am 18.5.1887 wurde dies von einem deutschen Ärztekollegium bestätigt mit dem Beschluss erst zu operieren, wenn der englische Kehlkopfspezialist Mackenzie dies bestätigt. Ein Entschluss, den die Kronprinzessin begrüßte. Die folgenden ausführlichen Erläuterungen zeigen meines Erachtens, dass Diagnose und Therapie von Mackenzie offensichtlich den Realitäten zuwider liefen. Offensichtlich war der Kronprinzessin daran gelegen eine OP zu vermeiden.
Nachtrag: Hannah Pakula schreibt übrigens auf Seite 329 von Victoria, dass sie wenig Vertrauen in deutsche Ärzte hatte nachdem diese sie bei der Geburt ihres ersten Kindes schon aufgegeben hatten. Für die nachfolgenden Geburten ließ sie Ärzte aus England kommen. Auch suchte sie immer, wenn sie in England war, den Rat ihrer alten Ärzte wegen ihrer Kinder. "Nach Sigis Tod wurden ihre Ängste noch schlimmer, war doch seine Gehirnhautentzündung nicht als solche erkannt worden."
(7) In meiner Rezension habe ich bereits erwähnt, dass Wilhelm II, der Nachfolger Friedrich III, versuchte mit Hilfe seiner Mutter eine Verständigung mit England zu erzielen. Dies wird besonders gut von Hannah Pakula in deren Victoria-Buch beschrieben. Die letzten Lebensjahre der Kaiserin Friedrich sind in diesem Buch leider nur oberflächlich gestreift.
(8) Zu ihrem Wohnsitz in den letzten Lebensjahren: Im Buch steht auf S. 291, dass sie die Villa Schönbusch für fünf Millionen Mark erwarb, den Abriss erwog sowie eine Neubau nach ihrem Geschmack und für ihre Bedürfnisse. Und weiter auf Seite 292: zum ersten Mal konnte sie eine Bleibe nach ihren Vorstellungen erbauen lassen. ' Elemente der Tudorzeit, der italienischen Renaissance in niederländischer Variante ' etc. etc. Der Turm sollte sie übrigens an Osborne erinnern, wie der Autor schreibt.
(9) Patricia Kollander spricht Victoria die politische Urteilsfähigkeit ab, schreibt, dass die Befolgung ihrer Ratschläge innere Unruhen und außenpolitische Komplikationen hätte hervorrufen können. Siehe den Artikel von Patricia Kollander in THE HISTORIAN, Fall 1999. In übersetzter Form auf der kronberger-maler.de Webseite einsehbar.