Der Österreicher Martin Pollack, Slawist und Historiker, früher Redakteur und Korrespondent in Wien und Warschau für den SPIEGEL, heute freier Autor und Übersetzer, der u.a. auch durch die Herausgabe und Übersetzung hervorragender polnischer Reportagen "Von Minsk nach Manhattan" (vgl. Rezension) bekannt wurde, hat unter dem Titel "Kaiser von Amerika" eine beeindruckende literarische Sozialreportage vorgelegt.
Galizien, Ende des 19. Jahrhunderts: Viele Hungerjahre und epidemisch sich ausbreitende Krankheiten haben dazu geführt, daß die Lebenserwartung der Galizier auf unter 30 Jahre abgesunken ist. Der Autor breitet akribisch zahlreiche Fakten aus, die sich fast unter der Hand zu einer Sozialgeschichte ausweiten. Es kann nicht verwundern, daß sich in dieser schrecklichen Notsituation der Wunschtraum vom gelobten Paradies Nordamerika, in dem sich ein guter Kaiser freundlich um seine Untertanen kümmert, massenhaft verbreitet. Noch weniger aber überrascht es, daß die zahlreichen Auswanderungswilligen oft schon zu Hause in die Hände von Verbrechern gerieten, die ihnen das mühsam zusammengekratzte Geld für die Überfahrt und den Neustart listig abluchsten. Immerhin:In einem Prozeß 1888 wurden viele deswegen Angeklagte verurteilt.
Pollack zeichnet zahlreiche Fallbeispiele auf, die er in mühsamer Archivarbeit herausgefiltert hat. Allein 1888 waren es über 500 000 Menschen, die ihr Glück in Nordamerika suchten - und beim Eisenbahnbau, in den Bergwerken oder in der Schwerindustrie landeten. Von einer gelungenen Aus-und Einwanderung weiß der Autor nur als verwunderliche Ausnahme zu berichten.
Ein bitteres Buch, das kompetent Auskunft gibt über den Zusammenhang von menschlicher Bösartigkeit und menschlicher Not. Es erinnert mich übrigens stark an die Tetralogie "Roman von den Auswanderern" des großen Schweden Vilhelm Moberg.