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Kaiser Otto III: Die erste Jahrtausendwende und die Entfaltung Europas
 
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Kaiser Otto III: Die erste Jahrtausendwende und die Entfaltung Europas [Gebundene Ausgabe]

Ekkehard Eickhoff


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Neue Zürcher Zeitung

Vor tausend Jahren

Eine Darstellung Kaiser Ottos III.

Von Hanno Helbling

Die schwere Hand der Historie hat kaum eine Persönlichkeit der Vergangenheit so schonungslos in den Griff genommen und so bis zur Unkenntlichkeit mit Klischees überhäuft wie den letzten Herrscher der sächsischen Dynastie, Otto III. Man schlage das ihm gewidmete Kapitel in der einst massgeblichen Darstellung des früheren Mittelalters von Augustin Fliche auf, um sich schon durch den Titel in die Irre führen oder, besser, zum Widerspruch herausfordern zu lassen: «Le rêve impérial d'Otton III». Ein Traum muss es sein; statt dass man sagt: Pläne. Pläne kann man ausführen, manchmal; und manchmal auch nicht, und besonders zum Beispiel dann nicht, wenn man wie Otto mit zweiundzwanzig Jahren stirbt. Doch da es ein junger König und Kaiser war, der da «hinweggerafft» wurde, edel, gebildet und fromm, ehrgeizig, tatendurstig und, wie versichert wird, äusserst good looking , halb Deutscher, halb Grieche und im Begriff, eine byzantinische Prinzessin zu heiraten, kann sein Tod nur das Ende eines Traums gewesen sein. Eines noch dazu beunruhigend unprovinziellen Traums, denn er wollte das erneuerte Reich von Rom aus regieren, und was wäre da aus den Nationen geworden.

Erst Helmut Beumann hat in seinem Werk «Die Ottonen» (1987) die Realität freigelegt, und nun vertieft sich Ekkehard Eickhoff in sie. Was beim Lesen seines Buchs zuerst auffällt, ist die gleichzeitig subtile und energische Quellenkritik, die der Darstellung zugrunde liegt. Die zeitgenössischen Berichte über den Kaiser und besonders auch die Lebensgeschichten seiner geistlichen Ratgeber sind reich an verklärenden Zügen, die man gleichwohl nicht einfach als schwärmerische Erfindungen oder als hagiographische Versatzstücke abtun darf. Für den Umgang mit solchen Texten gibt es nur die Methode des jedesmal neuen Abwägens und Unterscheidens, wobei der Befund bald ein deutliches Überwiegen des Topos zeigt, bald einen hohen Grad an historischer Glaubwürdigkeit; diese Glaubwürdigkeit aber ergibt sich einerseits aus dem Vergleich der verschiedenen, je nachdem konvergierenden oder einander korrigierenden Aussagen, andererseits aus deren Verrechnung mit Stil und Stimmung der Zeit. Und die Zeitstimmung wiederum erfasst Eickhoff sowohl sensibel wie nüchtern: die religiösen Gefühle – auch die des Kaisers selbst – werden in ihrer theologischen Verbindlichkeit erfasst, und von Chiliasmus ist wohltuend wenig die Rede.

Als nächstes tritt die Tendenz dieser Deutung hervor, das politische Denken Ottos III. gegen den Vorwurf des «Phantastischen» in Schutz zu nehmen. «Phantastisch», sagt Eickhoff, «waren weniger die Vorstellungen Ottos III. als die nationalromantischen Deutungen neuzeitlicher Historiker» – Historiker, die sich unhistorisch genug durch die Sprache der Kaiserurkunden suggerieren liessen, mit Ottos Idee der «Renovatio Imperii» sei eine Wiederherstellung des Römischen Weltreichs in seiner antiken Gestalt gemeint oder eben «erträumt» gewesen, und die andererseits beklagten, dass die Errichtung eines deutschen Reichs nicht beabsichtigt war, von diesem allerdings ebensowenig wie von den früheren Ottonen. «Die Politik Ottos III.», fährt Eickhoff fort, «war nicht weniger wirklichkeitsnah als die der drei sächsischen Herrscher vor ihm – und auf ihre Weise weitsichtig und folgenreich wie die Ottos des Grossen, was die Ostpolitik betraf.» Denn der Universalität seines politischen Leitbilds hat er gerade auch nördlich der Alpen tatkräftig vorgearbeitet, auf friedliche, missionarische Weise öfter und lieber als durch Kriegszüge; und im Süden hat er die von seinen Eltern begonnene Strategie der Verständigung mit Byzanz zielbewusst weiterverfolgt.

Und was auch auffällt: dass dem Autor ein gereinigtes, stimmiges Bild des Kaisers gelungen ist, ohne dass er eine moderne Geschichte der Zeit um das Jahr 1000 geschrieben hätte. Die Paradigmenwechsel der Historie scheinen über seine Arbeit hinweggegangen zu sein; von sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten wird sie nicht bestimmt, die Strukturen treten hinter den Personen zurück. Eickhoff distanziert sich von den anachronistischen Wertungen der noch romantisch beeinflussten Mediävistik – Giesebrecht, Gregorovius – und steht doch in seinen Perspektiven wie in seinem Erzählstil der Tradition der historischen Schule ganz nahe. So treten aber – in bewährter Weise, könnte man sagen – die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge hervor. Der Blick geht von Otto III. zurück auf Karl den Grossen, auf Konstantin, und voraus, wenn man wollte, auf Friedrich II., auf Karl V.: lauter Reichsbaumeister, deren Werk in der einen oder anderen Weise wieder verging; worauf sie von den Liebhabern des Unvergänglichen für «gescheitert» erklärt wurden. Als käme es auf die Dauer an und nicht darauf, dass etwas einmal dagewesen ist.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999
Diesen zweiten Band (der erste erschien 1996) einer zweibändigen Monographie über den Kaiser der letzten Jahrtausendwende bespricht Johannes Fried mit Wohlwollen. Ekkehard sei ein Außenseiter der Mittelalterforschung, weil er nicht aus der Universität kommt. Fried erkennt gleich den Vorteil, den so etwas haben kann - er lobt die erzählerische Qualität des Buchs, mit der es bei der universitären Forschung nicht immer so gut bestellt ist. Wirklich Neues werde in dem Band zwar nicht vorgelegt, aber er erscheine als ein "bedeutender Beitrag zur Geburt und allmählichen Konstituierung" eines europäischen Zusammenhangs. Eickhoff berichte zumal von der Ausdehnung der lateinisch-christlichen Kultur nach Norden und Osten. Fried lobt auch die vielen Karten und Skizzen, die dem Leser einen Überblick geben.

© Perlentaucher Medien GmbH

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