An und für sich war Mitte der 90er Jahre eine neue Biographie des in Mexiko erschossenen Habsburgerkaisers ein sehr löbliches Unterfangen, waren doch einige Jahre seit der Veröffentlichung der letzten ernstzunehmenden - weil sauber recherchierten - Werke über diese spannende Gestalt vergangen. Die Distanz von 130 Jahren zu den Ereignissen versprach auch einen gewisse Objektivität im Blick und eine von nationalen Empfindlichkeiten freie Haltung.
Leider wurden diese Erwartungen nicht wirklich erfüllt. Zwar versorgt Vogelsberger seinen Leser mit einem wissenschaftlichen Fußnotenapparat und einer umfangreichen Bibliographie, doch glänzt letztere durch das fast völlige Fehlen - bis auf zwei magere Titel!! - von Literatur und Quellen zu dem in Mexiko sehr ausführlich erforschten und dokumentierten Thema (auch wenn Vogelsberger aus Unkenntnis im Vorwort das komplette Gegenteil behauptet), wodurch de Perspektive des Autors unzulässig einseitig wird. Überhaupt scheint das Spanische weder dem studierten Romanisten Vogelsberger (siehe Klappentext) noch dem Lektorat des an und für sich als seriös bekannten Amalthea-Verlags besonders geläufig zu sein: annähernd alle Zitate und Begriffe sind falsch geschrieben und muten eher italienisch an. Diese Haltung spiegelt sich auch in einer arg eurozentristisch orientierten Schilderung des als "Indiopräsidenten" diffamierten Benito Juárez und seiner legal und demokratisch gewählten Regierung.
Inhaltlich fällt auf, daß Vogelsberger offensiv die Auseinandersetzung mit zwei weiteren kaiserlichen Biographen sucht, mit dem Tschechen Norbert Frýd und der englischen Historikerin Joan Haslip, und sich dabei auf eine vermeintliche "Ehrenrettung" Maximilians konzentriert. Der Umstand, daß dabei die Existenz der kaiserlichen Gattin Charlotte, die an dem mexikanischen Abenteuer nicht unerheblich beteiligt war, im Vorwort komplett verschwiegen wird, ließe sich notfalls noch ebenso verschmerzen wie die bei europäischen Historikern der älteren Generation so häufig anzutreffende Ansicht, daß die relevante Geschichte Mexikos mit Hernán Cortés beginnt, weswegen auch Vogelsberger sein Buch über das 19. Jahrhundert mit den Ereignissen von 1521 einleitet. Unverzeihlich sind aber solche Fehler wie der, den spanischen Dichter José Zorrilla, der Maximilians persönlicher Freund und kaiserlicher Theaterdirektor war, noch vor Ende des Kaiserreichs versterben zu lassen, während der Autor des Don Juan lediglich in seine Heimat zurückreiste, wo er sich noch einige Jahre bester Gesundheit erfreute und dem erschossenen Freund gar ein umfangreiches Versepos (El drama del alma) widmete.
Insofern erinnert der "Kaiser von Mexiko" eher an eine weitere Dorne in der Krone der Maximilian-Biographien, die zwar mit viel Elan, aber wenig wissenschaftlicher Objektivität und Gründlichkeit allenthalben in die Welt gesetzt werden. Speziell in Vogelsbergers Fall ist es schade um sein unbestreitbares Talent einer flüssigen und mitreißenden Darstellung, die einem Leser Maximilian durchaus nahebringen könnte. Wer über die obengenannten Kritikpunkte hinwegsieht, findet in diesem Band u.a. eine sehr ausführliche Abwägung der immer wieder zitierten Gerüchte um den angeblichen unehelichen kaiserlichen Nachwuchs und einen detaillierten Bericht über den nervlichen Zustand der in geistiger Umnachtung versinkenden Kaiserin während ihrer Europareise.