Natürlich ist alles schon einmal irgendwo gesagt worden. Natürlich stehen wir alle auf den Schultern unserer Vorgänger. Natürlich sind die Bibliotheken gefüllt mit Kilometern von Literatur zu den ewig gleichen Themen. Aber, was Bergmeier liefert, kann sich zu einer Zaesur in der spätantiken Forschung auswachsen.
Man braucht nicht Traudel Heinzes "Konstantin der Große in den Urteilen der Forschungsdiskussion" zu kennen, noch das halbe Dutzend Konstantin-Werke studieren, die rund um das Jubeljahr 2007 publiziert worden sind, es reicht der Blick in die Wikipedia-Adresse "Konstantin" ("Aus der Sicht der neueren Forschung war Konstantins christliches Bekenntnis ernst gemeint; ... bekannte sich der Kaiser offen zum Christentum"), um zu erkennen: Mit seinem Buch über "Die Legende vom ersten christlichen Kaiser" schwimmt der Althistoriker und Philosoph Rolf Bergmeier gegen den Hauptstrom der Neuzeit.
Das wurde auch Anfang September 2011 anläßlich eines Vortrages in der technischen Universität Berlin deutlich, wo B. sein neues im Oktober erscheinendes Buch "Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur" vorstellte. Beide Bücher, so der Autor, bilden eine Einheit und sollen belegen, dass die Alte Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts - stärker als andere nicht-theologische Disziplinen - weltanschaulich geprägt ist.
Zum Konstantinbuch
Das Buch weist sich in der schlüssigen Argumentation, im Bemühen, Begriffe zu klären, wie auch mit Blick auf die Bibliographie und die Art der Verwertung der Quellen in den Fußnoten als ein wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werdendes Werk aus. Dass es eine leserfreundliche Sprache wählt, gelegentlich vor Ironie nicht zurückschreckt, ist in den angelsächsischen Ländern Usus und keineswegs schädlich. Wer sich dennoch am farbigen, teilweise brillianten Stil stört, sollte sich darauf einstellen, dass das inzwischen nur noch "kleine Fach" Alte Geschichte ohne solche Werke weiter schrumpfen wird.
B. führt Neues, Bekanntes und bisher so nicht Gedachtes zusammen. In einer Zeit unüberblickbarer Buchproduktionen, globaler Wissenschaftsverflechtung und wachsender Akademisierung der Gesellschaft kommt es zunehmend darauf an, das an diversen Orten und zu unterschiedlichsten Zeiten Publizierte unter übergreifenden, interdisziplinären Generallinien zu präsentieren. Das ist das moderne Verständnis in den Geisteswissenschaften und so ist heutzutage die Suche nach Neuem zu verstehen. Wäre diese Interpretation falsch, dann hätten in den Jahren um 2007 nicht ein halbes Dutzend Konstantin-Werke veröffentlicht werden dürfen. Von bekannten Althistorikern wohlgemerkt, mit nahezu identischem Quellenapparat und einer Fülle von Redundanzen. Dennoch jedes einzelne Werk ist unter seiner "Generallinie" lesenswert.
B. präsentiert eine solche "Generallinie". Er führt in seinem "Konstantin" die Aussagen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts zur Christlichkeit Konstantins zusammen und bewertet sie. Dass er dabei einem Teil der Wissenschaftler weltanschauliche Voreingenommenheit vorwirft, ist mutig und mit Zitaten und Lebensläufen umfangreich begründet. Wer Vogt, Veyne oder Girardet gelesen hat, weiß um die Berechtigung des Vorwurfs. Die Generallinie des Buches lautet also: Alte Geschichte muß sich von dem Verdacht christlich-kirchlicher Voreingenommenheit befreien. Dieser für den Bereich der Geisteswissenschaften einzigartige Vorwurf ist so bedeutsam, dass sich die Althistoriker damit auseinandersetzen sollten. Hoffentlich ohne Diffamierung, wie es anderen Ortes bei solchen weltanschaulichen Fragestellungen leider oft zu beobachten ist.
Unter dieser Generallinie handelt B. die aus einer Sicht wichtigen Phasen der Jahre 312 (Milvische Brücke), 325 (Nicäa) und 337 (Taufe und Tod) detailgenau und argumentationsreich ab. Damit ist auch klar, dass B. keine Konstantin-Biographie schreiben wollte.
Das Buch beginnt mit dem einführenden Kapitel "Was ist Christentum im 4. Jahrhundert?", das einerseits zusammenfassend referiert, andererseits in einer ausführlichen Diskussion des theologisch heißen Themas "Arianismus" bisher in der althistorischen Literatur Vernachlässigtes aufweist. Lediglich Brandt hat sich dazu in seinem jüngsten Werk ausführlich geäußert. Nach der Grundlagendiskussion zur "Textüberlieferung", die besonders die frühmittelalterliche klösterliche Überlieferung betrachtet und bewertet, bearbeitet B., chronologisch geordnet, alle für die Zwecke des Buches wichtigen Ereignisse der Jahre 312,325 und 337.
In diese Diskussion ist eine stringente und nachweisgesättigte Auseinandersetzung mit den christlichen Symbolen eingebettet, die für die Beurteilung der Christlichkeit Konstantins stets eine herausragende Rolle gespielt haben (Milvische Brücke, Kreuzlanze, Silbermedaillon). Wer dieses Kapitel gelesen hat, fragt sich irritiert, wie es kommen konnte, dass ganze Generationen von Althistorikern Konstantin ein christliches Kreuz und ein Christogramm - sei es im Traum, am Himmel oder auf den Schilden der Soldaten - haben unterschieben können, ohne die Überlieferungstradition dieser Symbole zu untersuchen.
Gleichermaßen neu ist die "theodosianische Wende", die, so Bergmeier, für die weitere Entwicklung wichtiger sei, als die "konstantinische". B. macht die "theodosianische Wende" am Erlaß Cunctos Populos und den Ergänzungserlassen fest und wählt diese "ideologische Wende" (Vortrag) als Scheidepunkt zwischen Antike und Mittelalter.
Das Buch bestätigt die AlthistorikerInnen, die sich dem christlichen Konstantin bisher nur mit Distanz näherten und widerlegt christlich-euphorische Konstantinwerke der letzten Jahre. Es ist Sache der Alten Geschichte zu belegen, dass ein Theologiestudium, ein von der bischöflich Cusanus-Gesellschaft gestiftetes Studium, ein öffentliches Bekenntnis als Synodaler oder ein Lehrstuhl an der katholischen Universität Eichstätt nicht den althistorischen Wissenschaftsbetrieb stört.
Das Buch ist im übrigen auch lesenswert, um eine Wiederholung des Getöses anläßlich der 1600-Jahresfeier der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahre 1912 zu vermeiden. Damals überschlugen sich Theologen, Althistoriker und Berichterstatter, um die wunderbare Christlichkeit Konstantins zu bejubeln. Wenn dies im Jahre 2012 einer nüchternen Bewertung des Christentums der Spätantike und des frühen Mittelalters weicht, dann wäre dies auch auf Bergmeiers Buch zurückzuführen.