... nicht mehr als zwei Paragraphen enthält, nämlich, du dienst uns, ihr dient mir."
In seinem letzten Roman versetzt sich Saramago in die Rolle des ersten von Gott zum Sünder stigmatisierten Menschen. "...der ständig zwischen naivster Gutgläubigkeit und entschiedener Skepsis schwankende Kain..." durchstreift die Ereignisse des Alten Testaments und agiert als Zeuge der Strafen Gottes für die restliche sündige Menschheit. Kain erlebt immer wieder, wie Gott zur Befriedigung seiner Machtgier und Eitelkeit gnadenlos über Leichen geht. Er kommt zu der Schlussfolgerung: Gott ist ein komplett Verrückter, weil nur jemand, der sich seines Handelns nicht bewusst ist, damit rühmen würde, für den Tod von hunderttausenden Menschen (einschließlich unschuldiger Kinder) verantwortlich zu sein, und sich anschließend so verhält, als wäre nichts geschehen. Dagegen rebellierend greift Kain am Ende der Geschichte auf der Arche Noah aktiv in die Geschehnisse ein, und hindert Gott an der Schaffung des neuen Menschen.
Das bemerkenswerte an Saramagos Roman ist, er stellt nicht nur die alte Theodizee-Frage, wie das Leiden in der Welt zu erklären sei vor dem Hintergrund, dass Gott allmächtig und gut ist. Er geht noch einen Schritt weiter und beschreibt Gott nicht nur als den Dulder von Menschen verübter Grausamkeiten, sondern zeigt anhand der Geschichte des Alten Testaments die Grausamkeiten Gottes.
Das geschieht über Saramagos gewohnt treffsicheren Einsatz der Sprache. Ironisch und entlarvend, durch gekonnte Stilwechsel Grenzbereiche zwischen Ernst und Humor auslotend und durch gezielte Anachronismen einen Bezug zu unserer Zeit herstellend, überzeugt er als Erzähler. Er erfindet anhand der Geschehnisse des Alten Testaments eine andere Geschichte ohne dabei zu belehren. Auch so könnte es gewesen sein. Er bietet Ansatzpunkte für eigene Gedanken des Lesers und gerade auch durch die Auswahl des Kain, als Widersacher Gottes, Angriffsfläche zur Kontroverse.
Das er als Atheist dem Machtanspruch der Religionen kritisch gegenübersteht, wie in seinen früheren Werken deutlich geworden, leuchtet ein. Das er aber zum Ende seines Lebens von Gott erzählt, einer Figur, an die er also nicht glaubt, und darin die Geschichte der Menschheit als die Geschichte ihrer Uneinigkeit mit Gott darstellt, also als Kommunikationsproblem zwischen beiden, regt zum Nachdenken an und macht es nebenbei noch interessanter.
Bleibt noch die, zugegeben sehr vage Hoffnung, dass dieses Buch dazu beiträgt, es so manchem wieder etwas bewusster zu machen, dass Glaubensfreiheit auch die Freiheit bedeutet zu zweifeln oder eben gar nicht zu glauben.