Wer an Kunst im 20. Jahrhundert in Mexiko denkt, wird an Diego Rivera und Frida Kahlo nicht vorbeikommen. In dem schmalen durch zahlreiche biographische Fotos und Bilder illustrierten Bändchen aus der berühmten Reihe der rororo Monographien und seinem 139 seitigen Textteil wird dem Leser die 1907 in Coyoacán am südlichen Stadtrand von Mexiko Stadt geborene und 1954 vermutlich durch Selbstmord gestorbene Künstlerin Frida Kahlo vorgestellt. Linde Salber, Autorin auch von Monographien über Anais Nin und Marlene Dietrich, befaßt sich in 6 Kapiteln mit Fridas jeweiligen Lebensphasen.
Fridas unbeschwerte Jugend als Tochter eines deutschen Juden und einer mexikanischen Mutter mit Indiovorfahren wird jäh durchbrochen durch einen grauenvollen Unfall in einer Straßenbahn. Eine Eisenstange bohrt sich durch den Rücken in ihren Unterleib und stürzt die Achtzehnjährige in ein Leben mit dem Schmerz. Alles, was danach kommt, ist Fridas verzweifelte Suche nach Ablenkung, ist ihr Versuch, selbst ein Stückchen Leben zu erringen. Neben ihren erfolgreichen Bestrebungen, sich von Klischeevorstellungen der damaligen konservativen Gesellschaft zu emanzipieren, sich selbst zur Malerin fortzubilden, wird alsbald der mexikanische Revolutionsmaler Diego Rivera zum Mittelpunkt ihres Lebens. Ihre Liebe zu dem 21 Jahre älteren sympathischen Lebe- und späteren Ehemann, der sein Leben der Malerei, den Frauen und seinen kommunistischen Überzeugungen gewidmet hat, wird Frida bis zum Schluß nicht mehr loslassen. Unter seinen Fittichen entwickelt sich ihre Malerei, die sich anders als Diegos großflächige Bemalung von Mauerwänden (murallas) eher auf kleine Formate konzentriert. Ihr gegenständlicher Stil, der stets das vorkolumbianische Erbe Mexikos betont, rückt sie in die Nähe des Surrealismus, obwohl Frida mit dessen theoretischer Untermauerung wenig gemein hat. Über Rivera lernt Frida die nordamerikanische Welt der Gringos und Paris als europäisches Kunstzentrum in den 30er Jahren kennen. Einher gehend mit ihrer zeitweisen Trennung von Rivera wird Frida allmählich finanziell unabhängig. Doch der Unfall läßt sie nicht los und führt dazu, daß viele ihrer Bilder vom Krankenbett aus entstehen, daß ihr rechtes Bein amputiert werden muß. Zunehmend abhängig von Alkohol, Morphium und Schmerztabletten versiegt ihre Lebenslust. Sie stirbt im Alter von nur 47 Jahren.
Das Unterfangen, dem Leser Frida Kahlo als Mensch und Künstlerin vorzustellen und näher zu bringen, ist der Autorin, einer promovierten Diplompsychologin und Psychotherapeutin, geglückt. Neben der soliden Abarbeitung von Kahlos biographischem Gerüst und ihrem künstlerischen Werdegang erscheint die Beschreibung ihrer Bilder als besonders gelungen. Salber schafft es auch, den Zusammenhang von Krankheit und Kunst, Schmerz und Schaffensdrang, Liebe und Leiden in Frida Kahlos Leben aufzuzeigen. Dabei wahrt sie als Biographin die notwendige Objektivität und Distanz. Zudem gewährt die Darstellung überaus interessante Einblicke in die Welt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schön wäre, wenn das jeweilige Bild und seine Beschreibung ohne Umblättern betrachtet und gelesen werden könnten. Ein Gewinn wäre auch der farbige Abdruck der ausschließlich in schwarzweiß wiedergegebenen Bilder. Das soll den Wert des Büchleins aber nicht mindern, das einleitende Betrachtungen, eine instruktive Zeittafel, eine 3 seitige Sammlung von Stimmen über die eigenwillige Künstlerin, eine Bibliographie und ein Namensregister abrunden.
Fazit: Die preisgünstige Monographie ist als Einstieg in das menschliche und künstlerische Phänomen Frida Kahlo unbedingt empfehlenswert. Wer es ausführlicher liebt, sollte zur umfangreicheren Biographie "Frida Kahlo. Ein leidenschaftliches Leben" der US-amerikanischen Kunstwissenschaftlerin Hayden Herrera oder Isabel Alcantaras / Sandra Egnolffs großformatigerem "Frida Kahlo und Diego Rivera" mit vielen farbigen Abbildungen greifen.