Modern Language Notes, Vol. 19, Nr. 3, April 2004
Alle Krisen münden, so Kleinwort, in der Literatur, der die unbewältigten Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft eingeschrieben bleiben. Tatsächlich etablieren sich die von ihm betrachteten Randbemerkungen und Miszellen damit als etwas anderes als Literatur? Eine Literatur vor der Literatur, die deren notwendige Voraussetzung bildet, deren präliterarische Gestalten (S.77) aber erst auf dem Weg zur Literatur sind? Aber wie könnte eine solche Protoliteratur überhaupt eine lesbare sein? Indem in Kafkas Verfahren jene Un-Zeichen der Striche und Randzeichnungen zu Zeichen werden, jene verdrängten Ränder wieder in den Text rücken, bedingt der Erfolg einer solchen Lektüre auch ihren eigenen Misserfolg. Die Blockschrift des Titelblatts ist sorgfältig ausgewählte grafische Metapher. Kleinworts Schrift mag den Block anzeigen, jedoch lesen lässt sich das generative Stocken der Literatur selbst nicht, oder, um es mit Kafka zu sagen: es gibt Dinge, die an nichts anderem als an sich selbst scheitern.
IASLonline, 22. Januar 2005
In der Untersuchung von Kafkas Verfahren bringt Malte Kleinwort Literaturtheorie und philologische Praxis miteinander in Verbindung. Zugrunde legt er dabei einen erweiterten Textbegriff: Nicht nur der Schreibstrom gerät ins Stocken, sondern der Text selbst findet keinen Weg zwischen Aus- und Eingrenzung des Möglichen. In Anlehnung an Adorno kann das »déjà vu« in den Momenten des Stockens das problematische Verhältnis des Einzelnen zu den Anderen thematisieren. [...] Das Buch gibt eine schlüssige Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Nutzen einer Kafka-Faksimile-Ausgabe. Für Kafka zentrale poetologische Verfahrensweisen werden nachgewiesen am physischen Schreibakt auf dem Papier.