Am 3. Juli 2008 jährte sich zum 125. Mal der Geburtstag des Schriftstellers Franz Kafka. Das Rauschen im Blätterwald ob diesen Jahrestages war und ist nicht zu überhören. Die "Deutsche Kafka-Gesellschaft e.V." veröffentlichte auf ihren Internetseiten löblicherweise die reichhaltige Buch-Neuerscheinungsliste des Jahres 2008 zu Leben und Werk Franz Kafkas. Von "Religion und Humor im Werk Franz Kafkas", "Der Einfluss der Frauen auf Kafkas Werk", "Kafka in Berlin" und "Kafka für Eilige" bis hin zu "Tiergeschichten bei Robert Musil und Franz Kafka" und Kafkas Welt" (nur ein kleiner Ausschnitt aus der Flut der Neuerscheinungen) scheint spätestens zum 125. Geburtstag des 1883 in Prag geborenen Autors noch viel Neues zu Franz Kafka unbedingt erzählt werden zu müssen.
Wer das Werk von Franz Kafka nicht für sich selbst sprechen lassen will und kann, hat nun tatsächlich die Wahl der Qual - und benötigt ein sehr glückliches Händchen bei der großzügigen Auswahl an Sekundärliteratur, Interesse allein genügt nicht mehr zur Bewältigung dieses kiloschweren Bücherberges. Kafkas schriftstellerisches Hauptwerk mit den drei Romanen "Der Process", "Das Schloss" und "Der Verschollene" (Fragment) empfiehlt sich neben seinen zahlreichen Erzählungen und Tagebüchern natürlich immer wieder zur Lektüre, Max Brod sei Dank.
Der Roman "Kafkas Puppe" von Gerd Schneider ist ebenso zum Schmökern anzupreisen. Das schmale Büchlein, ein Kleinod in der Fülle an Neuerscheinungen zu Franz Kafka, wurde zwar von Kritik und Medien vorrangig als ein Buch für jugendliche Leser empfohlen. Aber "Kafkas Puppe" ist nicht allein für junge Leute geschrieben. Sofern Franz Kafka überhaupt als ein "schwieriger" Autor gelten darf, kann Gerd Schneiders Roman freilich auch älteren Semestern helfen, sich dem großen Franz Kafka suksessive anzunähern - und Liebhaber guter Literatur müssen "Kafkas Puppe" sowieso lesen.
Gerd Schneider stellt in das Zentrum seiner Romanhandlung eine reale Episode aus Franz Kafkas Leben. Diese ist tatsächlich belegt, Kafkas letzte Lebensgefährtin Dora Diamant berichtete in einem Brief davon. In den 1920er Jahren ging der bereits schwerkranke und frühpensionierte ehemalige Versicherungsangestellte Kafka gerne im Steglitzer Park in Berlin spazieren. Hier traf er auf ein kleines Mädchen, deren Trauer um eine verlorene Puppe dem Schriftsteller zu Herzen ging. Um es zu trösten, begann Kafka dem Mädchen Briefe zu schreiben. Als "Ghostwriter" erfand er eine Reisegeschichte für die Puppe.
Aus der Sicht von Dora Diamant (zitiert nach: Dora Diamant, >Mein Leben mit Franz Kafka<, abgedruckt in: »Als Kafka mir entgegenkam ...« Erinnerungen an Franz Kafka, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Berlin 1995, Wagenbach), begab sich folgendes: "Als wir in Berlin waren, ging Kafka oft in den Steglitzer Park. Ich begleitete ihn manchmal. Eines Tages trafen wir ein kleines Mädchen, das weinte und ganz verzweifelt zu sein schien. Wir sprachen mit dem Mädchen. Franz fragte es nach seinem Kummer, und wir erfuhren, daß es seine Puppe verloren hatte. Sofort erfindet er eine plausible Geschichte, um dieses Verschwinden zu erklären: »Deine Puppe macht nur gerade eine Reise, ich weiß es, sie hat mir einen Brief geschickt.« Das kleine Mädchen ist etwas mißtrauisch: »Hast du ihn bei dir?« »Nein, ich habe ihn zu Haus liegen lassen, aber ich werde ihn dir morgen mitbringen.« Das neugierig gewordene Mädchen hatte seinen Kummer schon halb vergessen, und Franz kehrte sofort nach Hause zurück, um den Brief zu schreiben."
Dora Diamant weiter: "Er machte sich mit all dem Ernst an die Arbeit, als handelte es sich darum, ein Werk zu schaffen. Er war in demselben gespannten Zustand, in dem er sich immer befand, sobald er an seinem Schreibtisch saß, ob er nun einen Brief oder eine Postkarte schrieb." Die Lebensgefährtin von Franz Kafka meint am Ende ihres Berichtes: Das Spiel dauerte mindestens drei Wochen. Franz hatte eine furchtbare Angst bei dem Gedanken, wie er es zu Ende führen sollte. Denn dieses Ende mußte ein richtiges Ende sein, das heißt, es mußte der Ordnung ermöglichen, die durch den Verlust des Spielzeugs heraufbeschworene Unordnung abzulösen. Er suchte lange und entschied sich endlich dafür, die Puppe heiraten zu lassen. Er beschrieb zunächst den jungen Mann, die Verlobungsfeier, die Hochzeitsvorbereitungen, dann in allen Einzelheiten das Haus der Jungverheirateten: »Du wirst selbst einsehen, daß wir in Zukunft auf ein Wiedersehen verzichten müssen.« Franz hatte den kleinen Konflikt eines Kindes durch die Kunst gelöst, durch das wirksamste Mittel, über das er persönlich verfügte, um Ordnung in die Welt zu bringen."
Gerd Schneider schmückt diese Episode aus dem Leben des großen Kafka aus, verbindet gekonnt Fakten und Fiktion. Damit liefert er eine authentische und spannende Montage aus Kafkas letzten Tagen. Eine tiefenpsychologische Analyse über den monumentalen Autor freilich lesen wir nicht. Zwar erfährt der Leser am Rande auch von dem schwierigen Verhältnis von Franz Kafka zu seinem Vater, von seiner Krankheit und von seinem Gefühl des Scheiterns ob der Ablehnung seiner Romane bei Publikum und Verlagen. Aber wer konkrete Hintergründe erfahren möchte, ist mit der entsprechenden Sekundärliteratur besser bedient. Das ist kein Vorwurf an Gerd Schneider -im Gegenteil: sein Roman weckt Interesse an dem bis heute von Anekdoten und Legenden umrankten Franz Kafka. Allein aus diesem Grunde ist Kafkas Puppe" von Gerd Schneider geneigten Lesern aller Altersklassen uneingeschränkt zur Lektüre zu empfehlen.
Franz Kafka ist am 03. Juni 1924 im Sanatorium Kierling bei Klosterneuburg an Kehlkopftuberkulose gestorben. Er wurde nur 40 Jahre alt - der literarischen Nachwelt freilich bleibt er unvergessen. 1959 startete erstmals ein Steglitzer Stadtteilblatt den Versuch, das getröstete Mädchen und damit auch die "Puppenbriefe" von Franz Kafka wiederzufinden. Der Kafka-Übersetzer Mark Harman startete 2001 einen erneuten Versuch. Trotz überwältigender Resonanz in den Medien blieb dieser aber bis heute ergebnislos.