Die sanfte, schöne Anna, deren Familie zu den englischen Zuckerbaronen gehört, hat sich in den jüdischen Architekten Oscar Kahn verliebt, in seine leicht getönte Haut, seinen Lockenkopf, seine hübsche, gebogene Nase - alles Züge, die er seiner holländischen Grossmutter Katryn verdankt. Dass diese Grossmutter allerdings das einzige "weisse" Element in Oscars Stammbaum ist, kann Anna nicht wissen; auch nicht, dass Katryn damals aus Liebe ihre Familie, ihre Rasse und ihren christlichen Glauben hinter sich liess, und dass aus dem Burenmädchen die Muslimin Ouma Kulsum wurde. Und genauso wenig weiss Anna, dass auch ihr Mann eine solche Grenze überschritten hat, allerdings in umgekehrter Richtung: Als Omar Khan wurde er in eine farbige, muslimische Familie hineingeboren, und er ist nicht in einem weissen Vorort, sondern in schwarzen Townships aufgewachsen. Sein Motiv für seine Metamorphose war nicht die Liebe, sondern das Bedürfnis, einer Welt zu entkommen, die ihm keine Möglichkeiten bot. Dass er dabei auch noch die Liebe fand, machte sein Glück nur umso grösser. Doch dieses Glück - und damit Oscars schöne neue Welt - zerbricht, als eines Tages sein Bruder Malik vor der Tür steht. Er gehört dem tonangebenden, neuen politischen Establishment an und gibt sich schon allein durch sein Äusseres, durch das Tragen der Dscheballa, als konservativer Muslim zu erkennen. Malik ist gekommen, um Omar zu holen: Die Mutter ist gestorben, die Söhne müssen sie bestatten. Annas Familie, die ihre Distanz Oscar gegenüber nie ganz aufgegeben hatte, fühlt sich bestätigt: Er war nie einer von uns. Die ersten Spuren von Oscars Krankheit zeigen sich in der Nacht nach dem Tod seiner Mutter: schwerer Atem, eine körperliche Steifheit, eine borkige Stelle auf seiner Haut. Sein "Zustand" verschlechtert sich zusehends, die Ärzte sind ratlos. Zu Annas Entsetzen werden Oscars Atemprobleme fast unerträglich, und die Erkenntnis, dass die Krankheit ihn zur Umkehrung seiner Atemtechnik zwingt, kommt wie ein Schock: Oscar atmet Kohlendioxid ein und Sauerstoff aus - so wie Pflanzen atmen. Anna verlässt ihren Mann. Sie zieht zu ihrem Bruder Martin, der mit seiner Frau und zwei Töchtern ebenfalls in Johannesburg lebt. Oscars Krankheit könne durchaus psychische Ursachen haben, meint der Psychologieprofessor Martin: "Kafkas Fluch". Die Gefühle zwischen Martin und Anna sind zweischneidig, unbestimmt und von verdrängten Erinnerungen beherrscht. Als seine inzestuösen Neigungen nicht mehr zu verheimlichen sind, zerbricht die Familie. Ehe Anna mit ihrer kleinen Nichte Diana das Haus verlässt, erzählt sie Oscars Lieblingsgeschichte, die Legende von dem Gärtner, der mit Bäumen und Blumen redete und allein durch seinen Atem die Pflanzen zum Wachsen brachte, der mit einer Prinzessin fliehen wollte und deshalb in einen Baum verwandelt wurde ... Als Anna mit Diana in ihr altes Haus zurückkehrt, findet sie es zu ihrer Überraschung gepflegt vor. Die Polizei hatte sie gewarnt, sich auf Schlimmes gefasst zu machen: schliesslich sei ihr Mann monatelang tot auf seinem Bett gelegen, niemand habe sich gekümmert, und es soll ja auch so gut wie nichts mehr von ihm übrig gewesen sein, bis auf ein bisschen Staub. Wilhelmina, ihr ehemaliges schwarzes Hausmädchen, war nach den ersten freien Wahlen zurückgekommen, hatte für Ordnung gesorgt und das Rückgebäude in Besitz genommen, das Haus selbst aber nie betreten. Anna geht hinein: Wo einst das Schlafzimmer war, hat sich ein Baum durch den Boden ans Licht gebohrt, eine Vielfalt bunter Blumen füllt das Zimmer, dessen Wände mit Moos bedeckt sind. "Das ist nicht so schlimm, wie es aussieht", sagt Anna. Darauf Wilhelmina: "Ihr seid ein absolut verrücktes Volk. Höchste Zeit, dass Mandela das Land übernimmt." Die Geschichte von Anna und Oscar ist nur ein Strang in dieser vielstimmigen und vielfältig verwobenen Familiensaga, die Achmat Dangor hier erzählt. Sein Thema ist Südafrika, das Land, das sich in seinem Inneren ausschliesslich durch Grenzen definiert hat und das jetzt auf dem Weg ist in eine multikulturelle Demokratie. Und natürlich geht es ihm dabei vor allem um die Menschen dort - die Menschen vor und nach der Apartheid. In einem wahren Kaleidoskop aus Figuren und Episoden zeigt Dangor, wie fragwürdig diese schrecklichen Grenzen immer schon waren und dass sie immer schon durchbrochen wurden - und dass der Preis, den man dafür bezahlte, hoch war und oft genug das Leben kostete.