Aus der Amazon.de-Redaktion
Im Mittelpunkt des anderen Erzählstrangs steht Nakata, der Katzenflüsterer, dessen Geistesschwäche auf einen mysteriösen Vorfall im Jahre 1944 zurück geht. Jetzt glaubt er in einen Mordfall verwickelt zu sein und verlässt Tokio. Unterwegs -- gerade hat es Blutegel geregnet -- trifft er den Fernfahrer Hoshino, auch ihr Weg führt schließlich in Oshimas Bibliothek. Diese dient als eine Art Scharnier zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Fantasie. Ihre Bücher sind für Kafka "lebendiger und fesselnder als die Menschen, die vor dem Bahnhof herumwimmeln". Er verliert sich allmählich in diesem "Zerrspiegel der Zeit", in erotischen Tagträumen -- sind es Träume? -- und Wahnvorstellungen: "Vielleicht habe ich meinen Vater durch meine Träume ermordet." Liebt er die 15-jährige Saeki oder die alte?
Auch die Leser verlieren, nämlich irgendwann das Interesse an diesem hormongeplagten Halbstarken. Wie möglicherweise der Autor, der auf der anderen Seite einen ergreifend tragikomischen Helden präsentiert: "Nakata hat eigentlich keine Meinung. Er mag Aal", definiert dieser japanische Schwejk sich selbst -- inmitten philosophischer Seifenblasen ein erfreulich nüchternes Motto. Die besten Szenen mit ihm und Hoshino könnten von Beckett stammen -- zwei Landstreicher auf Sinnsuche.
Ist das ein guter Roman? Und wenn ja, wie viele? "Mein Road-Movie-Roman" (Murakami), magischer Realismus, Seins-Fiktion? Nach einigen Durchhängern endet die "Probefahrt auf einer gigantischen Achterbahn" rasant. Murakami-Fans, die erst ab Seite 300 richtig warm werden, werden sich freuen. Murakami-Sympathisanten halten sich an Nakata oder auch Sätze wie diesen: "Erinnerungen sind das, was Ihren Körper von innen wärmt." --Patrick Fischer
Kurzbeschreibung
Gesprochen wird der Roman von Rufus Beck. Rufus Beck, Jahrgang 1957, studierte an der Universität Heidelberg Islamistik, Philosophie und Ethnologie, bevor er Schauspieler an renommierten Theatern, u.a. am Schauspiel Frankfurt, Schauspiel Köln, am Bayerischen Staatstheater, bei den Münchner Kammerspielen und am Berliner Ensemble, wurde. Zu sehen ist er in Sönke Wortmanns "Kleine Haie" und "Der bewegte Mann" sowie im Musical "Tabaluga" und in Fernsehfilmen. Er produziert Hörbücher, moderiert Shows und hat sich einen Namen als Synchronsprecher großer Animationsfilme gemacht. Seine Stimme lässt alle Figurer der Harry Potter Hörbücher leben. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Der Verlag über das Buch
SZ-Magazin: Herr Murakami, in Ihren Büchern sind die Protagonisten häufig unzufrieden mit dem Studium. Sie selbst haben Theaterwissenschaft studiert. Wie war Ihre Studentenzeit? Haruki Murakami: Sie war überhaupt nicht schön. Sowohl in der Schule als auch an der Universität habe ich nur Dinge gelernt, die mich nicht interessierten. Ich hatte auch nicht besonders viele Freunde an der Uni. Die Interessen gingen ziemlich auseinander. Ich war lieber allein, las viel und hörte Musik. SZ: Nach Ihrem Studienabschluss haben Sie in einem Plattenladen gejobbt Murakami: Ja. Aber eigentlich hab ich das nur gemacht, weil ich die Jazz-Platten verbilligt kaufen konnte. SZ: um diese dann in Ihrem eigenen Jazz-Club aufzulegen? Murakami: Ich entschloss mich mit Mitte zwanzig dazu, einen eigenen Jazz-Laden aufzumachen, das war Mitte der siebziger Jahre. Ich nahm einen Kredit auf und pachtete einen Raum in Kokubunji, das ist etwas außerhalb von Tokio. Der Club lief sehr gut, sodass ich schon bald einen größeren Laden im Zentrum aufmachte. SZ: Waren Sie damals glücklich? Murakami: Es war eine wunderbare Zeit. Wenn man bei der Arbeit die ganze Zeit Jazz hören darf, macht einen das schon ziemlich glücklich. SZ: Trotzdem wollten Sie Ihren Club aufgeben, um Schriftsteller zu werden. Murakami: Keiner meiner Freunde konnte es verstehen. >Jetzt hast du endlich Erfolg mit deinem Jazz-Club, also werde bloß nicht Schriftsteller<, sagten sie zu mir. Aber ich wollte dann unbedingt, also verkaufte ich meinen Laden. SZ: Die japanische Literaturkritik war Ihnen von Anfang an nicht wohl gesonnen. War das schlimm für Sie? Murakami: Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Es war besser so. Meine Leser haben mich unterstützt und meine Bücher haben eine große Wirkung auf sie. Die Anhänger der traditionellen japanischen Literatur haben meine Werke nicht gemocht. Aber ich schreibe jetzt seit mehr als zwanzig Jahren und ich habe überlebt. Die traditionelle japanische Literatur hat in dieser Zeit mehr und mehr an Kraft verloren. SZ: Sie hatten 1987 mit Naokos Lächeln Ihren größten Erfolg. Sie haben viele Bücher verkauft. Murakami: Zu viele. SZ: Wie kann das denn sein? Murakami: Es sind zwei Millionen allein in Japan. Wenn man so einen Erfolg hat, steht man plötzlich im gesellschaftlichen Mittelpunkt. Das mag ich überhaupt nicht. Ich trete daher nicht in den Medien auf, bin nie im Fernsehen zu sehen, bin nie im Radio zu hören, lasse keine Fotos von mir machen und gebe sehr selten Interviews. Deshalb ist nur mein Name berühmt geworden, nicht ich selbst. Ich fahre jeden Tag mit dem Bus oder mit der Bahn, aber es hat mich fast noch nie jemand angesprochen. Allerdings ist die Zahl der Leute, die meine Bücher noch nie gelesen haben, aber meinen Namen kennen, stark angestiegen. Das ist nicht so erfreulich. SZ: Naokos Lächeln ist heute in Japan ein Kultbuch. Eine Geschichte über die Tragik der ersten großen Liebe. Viele Jugendliche sehen darin eine Art japanischen Fänger im Roggen. Murakami: Diesen Vergleich halte ich für falsch. Das Einzige, was übereinstimmt, sind die hohen Verkaufszahlen. In Naokos Lächeln macht der Protagonist eine geistige Entwicklung durch, er wird älter und reifer. Holden Caulfield ist im Fänger im Roggen 16 Jahre alt und am Ende des Buches ist er immer noch 16. Es ist also eine ganz andere Art von Geschichte. SZ: Nicht nur in Japan, auch in Amerika und Deutschland sind Ihre Bücher sehr beliebt. Können Sie versuchen, Ihre weltweite Popularität zu erklären? Murakami: Ich denke, es gibt mehrere Gründe für meinen Erfolg. Erstens habe ich über die Jahre hinweg meinen ganz eigenen Schreibstil entwickelt, ohne von anderen zu kopieren. Ich glaube, so etwas merken die Leute. Und zweitens lege ich immer viel Wert auf eine gute Geschichte. Der kulturelle Hintergrund ist zwar von Land zu Land unterschiedlich, aber das Gefühl für eine gute Geschichte ist weltweit gleich. Es ist ähnlich wie bei einem guten Song. Wenn die Melodie schön ist, wird sie von Menschen auf der ganzen Welt gehört. SZ: Ihre Geschichten könnten auch in Europa oder Amerika spielen. Ihre Figuren trinken Bier, haben Sex und sind immer auf der Suche nach sich selbst. Wir würden gern mal Ihre frühen Bücher lesen. Murakami: Tut mir Leid. Aber ich möchte nicht, dass meine ersten Bücher im Ausland verlegt werden. Ich finde sie schlecht und unreif. SZ: Man kann Sie also nicht überreden? Murakami: Nein. SZ: Sie haben lange im Ausland gelebt. Murakami: Ja. 1986 verließ ich Japan und ging für drei Jahre nach Europa, nach Griechenland und Italien. SZ: Warum? Murakami: In der japanischen Gesellschaft zu leben war eine Last für mich. Es wurde so schlimm, dass ich nicht mehr richtig schreiben konnte. Wenn man in Japan ehrlich seine Meinung sagt, wird man immer unbeliebter. Also ging ich nach Europa. Ich war dort an Orten, wo ich niemand kannte, das war schon sehr einsam. Aber ich bin ein Typ Mensch, der Einsamkeit ganz gut aushalten kann. Für meine Frau war es viel schlimmer. SZ: In Ihren Büchern sind die Hauptfiguren auch oft junge, einsame Menschen. Murakami: In Japan ist es sehr schwer, Einzelgänger zu sein. Aber das ist gerade ein großes Thema in der neuen japanischen Gesellschaft. Immer mehr junge Leute haben es satt, eingesperrt in diesem festen Gruppensystem zu leben, sie wollen individuell und unabhängig sein. In meinen Romanen gebe ich Beispiele dafür, wie man als junger Japaner abseits des Gruppensystems leben kann. SZ: Wie war die Rückkehr nach Japan? Murakami: Ich hab es nicht lange ausgehalten. Nur ein halbes Jahr. SZ: Was war passiert? Murakami: Ich war reich geworden. Und wenn man Geld hat, verändern sich die Menschen, mit denen man zu tun hat. Die Beziehungen zwischen mir und meinen Freunden veränderten sich. Wenn ich mich mit jemandem traf, wurde nur über Geld geredet. Zu dieser Zeit war Japan gerade in der Hochphase der Bubble-Economy, die ganze Gesellschaft war seltsam, alle hatten Geld und gaben es aus. So wollte ich nicht leben. SZ: Sie scheinen ein rationaler Mensch zu sein, aber Ihre Romane haben fast immer eine mystische, eine übernatürliche Erzählebene, wie etwa in Mister Aufziehvogel. Woran liegt das? Murakami: Es stimmt, eigentlich bin ich ein rationaler Mensch, aber wenn ich tief in mein Unterbewusstsein eindringe, dann kommt meine mystische Seite zum Vorschein. Es ist so, als ob ich in den Keller des Kellers hinabsteigen würde, dorthin, wo man normalerweise nicht hinkommt. Als Schriftsteller schaffe ich es, zu diesem geheimnisvollen, dunklen und mystischen Ort zu gelangen. SZ: Wie sieht denn dieser geheimnisvolle Ort aus? Murakami: Immer anders. Es ist so, als würde ich im Wachzustand träumen. Normale Menschen träumen ja nur, wenn sie schlafen. Aber ich bin wach. Die meisten Menschen können ihre Träume auch nicht kontrollieren, sie können nur der Geschichte des Traumes folgen. Aber in meinem Fall ist es so, dass ich die Geschichte des Traumes selbst konstruieren kann. SZ: Wie muss man sich das vorstellen? Sitzen Sie gerade auf diesem Stuhl und sehen einen Traum? Murakami: Nein, den Traum sehe ich beim Schreiben. Wenn ich mich an meinen Schreibtisch setze und anfange zu schreiben, merke ich nach etwa dreißig Minuten, wie ich mehr und mehr hinabsteige zu diesem mystischen Ort. Das ist sehr schön, kostet aber viel Kraft. SZ: Welches Buch ist Ihr bestes?
Murakami: Ich denke, mein neuestes, Kafka am Strand. Der Protagonist ist ein 15 Jahre alter Junge. Ich habe eigentlich überhaupt keine Ahnung, wie 15-jährige heute denken und fühlen, aber während ich schrieb, verstand ich plötzlich ihre Welt. Ich konnte in die Welt meiner Hauptfigur versinken und ganz neu erleben, wie es ist, 15 zu sein. Das war fantastisch.
Klappentext
Freundin
"Ein furioses, modernes Märchen, in dem auch schon mal Sardinen und Blutegel vom Himmel regnen."
Der Spiegel
"Erstaunlich ist nicht nur, wie der Bestsellerautor mit seiner schnörkellosen Schreibe - fast möchte man seinen literarischen Stil anspruchslos nennen - atmosphärische Dichte und personelle Präsenz schafft. Der Leser ist zudem fasziniert von der kunstvollen Verknüpfung der Wirklichkeitsebenen, die uns die Rückseite der sichtbaren Welt als absolut glaubwürdig bezeugt."
Mannheimer Morgen
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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Über den Autor
Auszug aus Kafka am Strand. von Haruki Murakami, Ursula Gräfe. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»An Geld bist du jetzt auch irgendwie gekommen, ja?«, sagt der Junge namens Krähe in seiner üblichen, etwas schwerfälligen Sprechweise, als wäre er gerade aus dem Tiefschlaf erwacht und als funktionierten seine Sprechmuskeln noch nicht richtig. Aber das ist reine Attitüde, in Wirklichkeit ist er hellwach. Wie immer. Ich nicke.
»Wie viel ungefähr?«
Ich überschlage die Summe noch einmal im Kopf. »Ungefähr 400 000 in bar. Außerdem kann ich noch ein bisschen mit der Karte vom Bankkonto ziehen. Natürlich wird das nicht ewig reichen, aber für den Anfang geht's doch, oder?«
»Nicht schlecht«, sagt Krähe. »Für den Anfang ...« Ich nicke.
»Aber das ist doch nicht das Geld, das dir der Weihnachtsmann letztes Jahr gebracht hat, oder?« »Nein«, sage ich.
Krähe verzieht ironisch die Lippen und sieht sich um. »Es stammt aus irgendjemandes Schublade hier - könnte das sein?«
Ich gebe keine Antwort. Natürlich weiß er ganz genau, woher das Geld kommt. Er braucht gar nicht so drumherum zu reden. Das tut er nur, um mich aufzuziehen.
»Schon gut«, sagt Krähe. »Du brauchst ja Geld. Dringend. Irgendwie musstest du es ja in die Finger bekommen. Leihen, erschwindeln, stehlen ... egal wie. Es gehört doch sowieso deinem Vater. Für den Anfang wirst du schon zurechtkommen. Aber was gedenkst du zu tun, wenn die 400 000 aufgebraucht sind? Geld wächst nicht von alleine im Portemonnaie nach wie Pilze im Wald. Du musst essen und irgendwo schlafen. Irgendwann ist es dann alle.«
»Das überlege ich mir, wenn es so weit ist«, sage ich. »Das überlege ich mir, wenn es so weit ist«, äfft Krähe mich nach und breitet die Handflächen aus, wie um das Gewicht meiner Worte zu ermessen. Ich nicke.
»Zum Beispiel Arbeit suchen oder was?« »Vielleicht.«
Krähe schüttelt den Kopf. »Dazu musst du das Leben erst mal besser kennen. Wie soll denn ein fünfzehnjähriger Junge in einer fremden Gegend einen Job finden? Du hast ja nicht mal die Schule abgeschlossen. Wer wird so jemanden schon einstellen?«
Ich erröte ein bisschen. Ich werde immer gleich rot. »Ist ja schon gut«, sagt Krähe. »Außerdem bringt die ganze Schwarzseherei nichts, wenn man noch nicht mal angefangen hat. Du hast dich entschieden, jetzt musst du deinen Entschluss in die Tat umsetzen. Schließlich ist es dein Leben. Konkret bleibt dir nichts anderes übrig, als das zu tun, was du vorhast.« Genau, immerhin ist das mein Leben. »Aber vor allem musst du jetzt stark werden.« »Ich gebe mir Mühe.«
»Stimmt«, sagt Krähe. »In den letzten Jahren bist du ganz schön kräftig geworden. Das kann ich nicht leugnen.« Ich nicke.
»Allerdings bist du erst fünfzehn«, sagt Krähe. »Dein Leben hat, gelinde ausgedrückt, gerade erst begonnen. Die Welt ist voll von Dingen, denen du noch nie begegnet bist. Von denen du überhaupt noch keine Vorstellung hast.«
Wie üblich sitzen wir nebeneinander auf dem alten Ledersofa im Arbeitszimmer meines Vaters. Krähe schätzt diesen Raum sehr. Er liebt die kleinen Gegenstände, die es hier gibt. Gerade spielt er mit einem gläsernen Briefbeschwerer, der die Form einer Biene hat. Natürlich lässt er sich nicht blicken, wenn mein Vater zu Hause ist.
»Eins steht jedenfalls fest«, sage ich, »ich muss hier raus. Daran ist nicht zu rütteln.«
»Mag sein«, pflichtet Krähe mir bei. Er legt den Briefbeschwerer auf den Tisch und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. »Aber das ist keine Lösung für alles. Ich will deinen Entschluss nicht ins Wanken bringen, aber ich weiß nicht, ob du dem Ganzen wirklich entkommen kannst, auch wenn du noch so weit fährst. Du solltest dir nicht allzu viel von der Entfernung versprechen.«
Ich denke über die Entfernung nach. Krähe drückt sich seufzend die Fingerkuppen auf beide Augenlider. Dann spricht er mich aus dem Dunkel seiner geschlossenen Augen an. »Spielen wir unser Spiel?«
»Einverstanden.« Ich schließe ebenfalls die Augen und atme langsam und tief ein.
»Also gut, stell dir einen grausamen Sandsturm vor«, sagt er. »Und vergiss alles andere.«
Wie geheißen, stelle ich mir einen tobenden Sandsturm vor. Und vergesse alles andere. Sogar mich selbst. Ich werde völlig leer. Sofort taucht er vor mir auf. Wie schon so oft erleben Krähe und ich so etwas gemeinsam auf dem alten Ledersofa im Arbeitszimmer meines Vaters.
Hin und wieder hat das Schicksal Ähnlichkeit mit einem örtlichen Sandsturm, der unablässig die Richtung wechselt, erklärt mir Krähe.
Hin und wieder hat das Schicksal Ähnlichkeit mit einem örtlichen Sandsturm, der unablässig die Richtung wechselt. Sobald du deine Laufrichtung änderst, um ihm auszuweichen, ändert auch der Sturm seine Richtung, um dir zu folgen. Wieder änderst du die Richtung. Und wieder schlägt der Sturm den gleichen Weg ein. Dies wiederholt sich Mal für Mal, und es ist, als tanztest du in der Dämmerung einen wilden Tanz mit dem Totengott. Dieser Sturm ist jedoch kein beziehungsloses Etwas, das irgendwoher aus der Ferne heraufzieht. Eigentlich bist der Sandsturm du selbst. Etwas in dir. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als dich damit abzufinden und, so gut es geht, einen Fuss vor den anderen zu setzen, Augen und Ohren fest zu verschliessen, damit kein Sand eindringt, und dich Schritt für Schritt herauszuarbeiten. Vielleicht scheint dir auf diesem Weg weder Sonne noch Mond, vielleicht existiert keine Richtung und nicht einmal die Zeit. Nur winzige, weisse Sandkörner, wie Knochenmehl, wirbeln bis hoch hinauf in den Himmel. So sieht der Sandsturm aus, den ich mir vorstelle.
Ich stelle mir diesen Sandsturm vor. Ein bleiche Windhose steigt in den Himmel wie ein dickes gerades Seil. Mit beiden Händen halte ich mir Augen und Ohren zu, damit die winzigen Sandkörner nicht in meinen Körper eindringen. Der Sandsturm rast auf mich zu, sodass ich den Luftdruck schon von weitem auf meiner Haut spüren kann. Schon droht er, mich zu verschlingen.
Nach einer Weile legt Krähe sacht seine Hand auf meine Schulter. Der Sandsturm verebbt, doch ich halte die Augen weiter geschlossen.
»Von nun an musst du der stärkste fünfzehnjährige Junge auf der Welt werden. Komme, was wolle. Eine andere Überlebenschance hast du nicht. Du musst begreifen, was Stärke wirklich bedeutet. Verstehst du?«
Ich antworte nicht. Am liebsten würde ich, seine Hand auf meiner Schulter, behaglich einschlafen. Ich spüre einen sanften Flügelschlag an meinem Ohr.
»Von nun an wirst du zum stärksten Fünfzehnjährigen der Welt«, sagt Krähe mir noch einmal leise ins Ohr, während ich schon in den Schlaf hinübergleite. Doch seine Worte sind mir wie mit dunkelblauen Zeichen ins Herz tätowiert.
Natürlich kommst du durch. Durch diesen tobenden Sandsturm. Diesen metaphysischen, symbolischen Sandsturm. Doch auch wenn er metaphysisch und symbolisch ist, wird er dir wie mit tausend Rasierklingen das Fleisch aufschlitzen. Das Blut vieler Menschen wird fliessen, auch dein eigenes. Warmes, rotes Blut. Du wirst dieses Blut mit beiden Händen auffangen. Es ist dein Blut und das der vielen.
Und wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast. Du wirst auch nicht sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Derjenige, der aus dem Sandsturm kommt, ist nicht mehr derjenige, der durch ihn hindurchgegangen ist. Darin liegt der Sinn eines Sandsturms.
Als mein fünfzehnter Geburtstag gekommen war, ging ich von zu Hause fort, um in einer fernen, fremden Stadt in einem Winkel einer kleinen Bibliothek zu leben.
Um alles der Reihe nach zu erzählen, brauche ich wahrscheinlich eine Woche. Auch nur die wichtigsten Punkte aufzuführen, würde ungefähr genauso lange dauern. Als mein fünfzehnter Geburtstag gekommen war, ging ich von zu Hause fort, um in einer fernen, fremden Stadt in einem Winkel einer kleinen Bibliothek zu leben. Das klingt vielleicht wie der Beginn eines Märchens. Aber es ist kein Märchen. In keinem Sinne.
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Als ich fortgehe, nehme ich nicht nur ohne zu fragen Geld aus dem Arbeitszimmer meines Vaters, sondern auch ein kleines goldenes Feuerzeug (dessen Design und Gewicht mir gefallen) und ein Klappmesser mit einer scharfen Schneide. Es dient zum Häuten von Wild und liegt gut und schwer in der Hand. Die Klinge ist zwölf Zentimeter lang. Vielleicht ein Souvenir von einer Auslandsreise. Außerdem nehme ich noch eine starke Taschenlampe aus der Schreibtischschublade. Und seine Sonnenbrille brauche ich, um mein Alter zu kaschieren. Eine dunkelblaue Rebo-Sonnenbrille.
Ich überlege, ob ich auch die geliebte Sea-Oyster-Rolex meines Vaters mitnehmen soll, entscheide mich aber am Ende dagegen. Die Schönheit der Uhr als Maschine verlockt mich, aber ein so kostspieliges Ding kann unnötige Aufmerksamkeit erregen. Vom praktischen Standpunkt genügt die Plastik-Casio mit Stoppuhr und Wecker, die ich ständig am Arm trage. Sie ist auch leichter zu bedienen. Ich lege die Rolex wieder in die Schublade zurück.
Außerdem nehme ich ein Kinderfoto von mir und meiner älteren Schwester mit, das sich ebenfalls in der Schreibtischschublade befindet. Wir beide stehen an einem Strand und lachen vergnügt. Meine Schwester schaut zur Seite, und die eine Hälfte ihres Gesichts liegt im Schatten. Deshalb erscheint es wie in der Mitte geteilt. Wie eine griechische Theatermaske, von der ich ein Bild in einem Schulbuch gesehen habe, trägt ihr Gesicht zwei Bedeutungen. Licht und Schatten. Hoffnung und Verzweiflung. Lachen und Trauer. Vertrauen und Einsamkeit. Ich hingegen blicke unbefangen direkt in die Kamera. Außer uns beiden ist an dem Strand niemand zu sehen. Wir haben Schwimmkleidung an, meine Schwester einen rot geblümten Badeanzug und ich eine schäbige, blaue, ausgeleierte Badehose. Ich halte etwas in der Hand, das aussieht wie ein Plastikstock. Der weiße Schaum der Wellen umspült unsere Füße.
Wer wohl dieses Foto wo und wann aufgenommen hat? Warum mache ich ein so vergnügtes Gesicht? Warum hat mein Vater gerade dieses Foto aufbewahrt? Rätsel über Rätsel. Ich bin wahrscheinlich drei und meine Schwester ungefähr neun. Offensichtlich haben wir uns sehr gut verstanden. Ich habe nicht die geringste Erinnerung an einen Familienausflug ans Meer. Überhaupt erinnere ich mich nicht daran, jemals irgendwohin gefahren zu sein. Keinesfalls will ich meinem Vater die alte Fotografie lassen, also stecke ich sie in meine Brieftasche. Von meiner Mutter gibt es keine Aufnahmen. Wahrscheinlich hat mein Vater sie alle weggeworfen.
Nach kurzem Zögern beschließe ich, auch das Mobiltelefon mitzunehmen. Wahrscheinlich wird mein Vater, wenn er sein Fehlen bemerkt, den Vertrag mit der Telefongesellschaft sowieso gleich kündigen. Es wäre dann zu nichts mehr nütze. Dennoch packe ich es in meinen Rucksack. Das Ladegerät nehme ich auch mit. Immerhin ist das Zeug leicht. Wenn ich merke, dass das Handy tot ist, kann ich es immer noch fortwerfen.
Ich will nur das Allernotwendigste mitnehmen. Am schwierigsten ist die Kleiderfrage. Wie viel Unterwäsche werde ich brauchen? Wie viele Pullover? Hemden, Hosen, Handschuhe, Schal, Shorts, einen Mantel? Nachdem ich einmal angefangen habe, darüber nachzudenken, wird die Liste immer länger. Eins ist jedoch klar: Schleppe ich zu viel mit mir herum, wird man mir den Ausreißer gleich ansehen. So kann ich nicht in einer fremden Gegend herumlaufen, ohne sofort Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Dann werde ich von der Polizei aufgegriffen und postwendend nach Hause zurückgeschickt. Oder ich falle irgendwelchen Finsterlingen in die Hände.
Lieber nicht in eine kalte Gegend fahren, ist meine nächste Schlussfolgerung. Ganz einfach. Also begebe ich mich eben in wärmere Gefilde.
Dann brauche ich auch keinen Mantel. Handschuhe auch nicht. Wenn ich mich nicht vor Kälte schützen muss, reduziert sich die Menge der notwendigen Kleidungsstücke um die Hälfte. Ich wähle möglichst leichte, dünne Sachen, die sich problemlos waschen lassen und schnell trocknen, und stopfe sie klein gefaltet in den Rucksack. Außer den Sachen zum Anziehen nehme ich meinen Drei-Jahreszeiten-Schlafsack mit, den ich so fest zusammenrolle, dass keine Luft mehr darin ist, einen einfachen Waschbeutel, ein Regencape, Heft und Kugelschreiber, einen Mini-Discman von Sony, mit dem man aufnehmen kann, zehn CDs (Musik brauche ich unbedingt) und einen Extrasatz aufladbare Batterien. Auf einen Campingkocher verzichte ich. Zu schwer und zu sperrig. Lebensmittel kann ich im Supermarkt kaufen. Es dauert eine Weile, bis die Liste der Dinge, die ich mitnehmen werde, auf eine annehmbare Länge geschrumpft ist. Ein ums andere Mal schreibe ich Dinge dazu, bloß um sie wieder zu streichen.
Mein fünfzehnter Geburtstag erscheint mir als ein passender Zeitpunkt für meine Flucht. Davor ist es zu früh, danach vielleicht zu spät.
In den zwei Jahren, die ich bis jetzt auf der Mittelschule bin, habe ich intensiv für diesen Tag trainiert. Seit der Grundschule bin ich in einem Judo-Verein, den ich auch als Mittelschüler weiter besuche. An den sportlichen Aktivitäten in meiner Schule nehme ich allerdings nicht teil. Wenn ich Zeit habe, drehe ich einsame Runden auf dem Sportplatz, schwimme oder treibe Kraftsport an den Geräten im kommunalen Turnverein. Die jungen Trainer dort zeigen mir, wie man richtig dehnt und an den Geräten arbeitet. Wie kann ich die Leistung aller meiner Muskeln gleichmäßig steigern? Welche Muskeln benutze ich im täglichen Leben und welche kann ich nur durch Kraftsport aufbauen? Was ist die korrekte Haltung auf den Bänken? Glücklicherweise bin ich von Natur aus groß, und dank meines täglichen Trainings habe ich breite Schultern und einen muskulösen Brustkorb entwickelt.
Fremde würden mich mittlerweile wahrscheinlich auf mindestens siebzehn schätzen. Mit der äußeren Erscheinung eines Fünfzehnjährigen bekäme ich garantiert überall Probleme.
Außer mit den Trainern im Sportverein und der Haushaltshilfe, die jeden zweiten Tag zu uns kommt und ein paar beiläufige Worte mit mir wechselt, sowie bei ein paar unvermeidlichen Gesprächen in der Schule rede ich mit fast niemandem. Meinen Vater bekomme ich seit eh und je nur selten zu Gesicht. Obwohl wir in einem Haus leben, haben wir einen sehr unterschiedlichen Lebensrhythmus. Mein Vater ist fast den ganzen Tag in seinem Atelier. Unnötig zu erwähnen, dass ich stets darauf bedacht bin, ihm so wenig wie möglich zu begegnen.
Die Schule, auf die ich gehe, ist eine Privatschule, die zum Großteil von Kindern aus besseren oder zumindest wohlhabenden Familien besucht wird. Solange man keinen allzu großen Unsinn fabriziert, kann man sie bis zum Abitur besuchen. Alle dort haben gerade Zähne, sind adrett gekleidet und reden langweiliges Zeug. Natürlich bin ich in meiner Klasse bei keinem beliebt. Um mich herum habe ich eine hohe Mauer gezogen, hinter der ich mich verschanze. Anderen verweigere ich jeden Zutritt. So einen mag natürlich niemand. Meine Mitschüler meiden mich und betrachten mich mit Argwohn. Oder sie finden mich unangenehm oder fürchten sich vielleicht sogar ab und zu vor mir. Aber eigentlich bin ich fast dankbar, wenn niemand mich beachtet. Denn das, was ich allein tun muss, türmt sich vor mir auf wie ein Berg. Meine Freizeit verbringe ich in der Schulbibliothek, wo ich ein Buch nach dem anderen verschlinge.
Dem Unterricht hingegen folge ich mit großem Eifer, denn das hat mir Krähe besonders ans Herz gelegt.
Wahrscheinlich bist du der Ansicht, dass das Wissen und die Fähigkeiten, die an der Mittelschule gelehrt werden, dir für dein gegenwärtiges Leben nichts nützen.
Und dass die meisten deiner Lehrer Volltrottel sind. Kann ich verstehen. Du hast sogar Recht, aber: Du wirst von zu Hause fortgehen. Deshalb solltest du, solange sich dir noch die Gelegenheit bietet, sicherheitshalber so viel Stoff abspeichern, wie du kannst, ob es dir nun gefällt oder nicht. Wie Löschpapier aufsaugen. Was du davon behältst und was du verwirfst, kannst du später immer noch entscheiden.
Ich folge seinem Rat. (In der Regel pflege ich Krähes Ratschlägen zu gehorchen.) Ich konzentriere mich, spitze die Ohren, und mein Gehirn saugt wie ein Schwamm alles auf, was im Unterricht gesagt wird. Dadurch gelingt es mir, in der kurzen Zeit der Schulstunden alles zu begreifen, sodass meine Leistungen in den Klassenarbeiten stets zu den besten gehören, obwohl ich außerhalb der Schule so gut wie nie lerne.
Meine Muskeln werden hart wie Stahl, und ich werde immer wortkarger. Ich versuche, mein Mienenspiel beherrschen zu lernen, damit meine Lehrer und Mitschüler mir keine meiner Gefühlsregungen und Gedanken vom Gesicht ablesen können. Bald werde ich die unbarmherzige, grausame Welt der Erwachsenen betreten und dort ganz auf mich gestellt überleben müssen. Deshalb muss ich zäher und stärker werden als alle anderen.
Im Spiegel sehe ich, dass meine Augen kalt glänzen wie die einer Eidechse und dass mein Gesichtsausdruck immer versteinerter und unnahbarer wird. Auch wenn ich darüber nachdenke, kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal gelacht habe. Oder gelächelt. Nicht einmal für mich selbst.
Doch nicht immer gelingt es mir, meine stumme Isolation zu verteidigen. Der hohe Schutzwall, der mich umgibt, kommt leicht zum Einsturz. Das geschieht nicht oft, aber doch hin und wieder. Unerwartet fällt die Mauer, sodass ich der Welt nackt gegenüberstehe. In solchen Fällen überkommt mich Verwirrung. Grauenhafte Verwirrung. Und dazu kommt noch die Prophezeiung. Ständig lauert sie in mir wie ein dunkles, trübes Gewässer.
Ständig lauert die Prophezeiung wie ein dunkles, trübes Gewässer. Noch lauert sie heimlich an irgendeiner unbekannten Stelle. Aber wenn die Zeit kommt, wird sie lautlos überfliessen, deine Zellen eine nach der anderen kalt durchdringen, und du wirst in dem Gefühl, gleich in dieser grausamen Flut zu ertrinken, nach Luft ringen. An einem Luftschacht an der Decke wirst du kleben und in Panik
nach der frischen Luft im Freien schnappen. Aber die Luft, die du einsaugst, ist heiss und trocken und verbrennt dir die Kehle mit ihrer Hitze. Mit vereinten Kräften fallen die Extreme Wasser und Trockenheit, Kälte und Hitze gleichzeitig über dich her.
Auf der ganzen weiten Welt findet sich nirgends ein Ort, der dir Zuflucht bieten kann - obwohl schon das kleinste Eckchen genügen würde. Suchst du die Stimme der Prophezeiung, herrscht nur tiefes Schweigen. Doch kaum suchst du das Schweigen, dröhnt sie unablässig. Als hätte jemand auf einen geheimen, in deinem Kopf versteckten Knopf gedrückt.
Dein Herz gleicht einem grossen, von langem Regen angeschwollenen Fluss. Alle Orientierungspunkte sind restlos in seinen Fluten verschwunden, vielleicht schon an irgendeinen dunklen Ort davongeschwemmt. Immerfort prasselt der Regen auf den Fluss. Und sooft du in den Nachrichten eine überflutete Landschaft siehst, denkst du: Ja, genauso sieht es in meinem Herzen aus.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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