8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
als Horror-Krimi gelungen, als Kafka-Hommage nicht!, 29. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Kafka (DVD)
Kafka ist krank. Immer häufiger spuckt er Blut. Seine Arbeit macht ihm auch keinen Spaß. Einerseits ist seine Tätigkeit scheinbar sinnlos und bürokratisch, andererseits quält ihn sein extrem cholerischer und strenger Chef, wo er nur kann. Die kleinste Verfehlung dient diesem Pedanten und Sadisten dazu, seine Untergebenen zu demütigen. Kafka erträgt das alles mit der ihm eigenen Gelassenheit, ja mit fast stoischem Gleichmut. Der einzige Mensch, mit dem er Kontakt pflegt und den er ein wenig mag, ist sein Kollege Edouard. Als just dieser Kollege zum geheimnisvollen Schloss gerufen wird, scheint es sich um einen Routinefall zu handeln. Doch Edouard wird nur wenig später unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden.
Kafka entschließt sich zu handeln. Er nutzt eine zufällige Begebenheit, um sich der Untergrundbewegung anzuschließen, und lernt dort Gabriela kennen. Die anfängliche Irritation, fast Abneigung weicht einer seltsamen Faszination.
Es tauchen immer mehr entstellte Leichen auf und eines Morgens ist auch Gabriela verschwunden. Kafka setzt nun alles daran, in das Schloss zu gelangen. Aus seiner Passivität wird eine nervöse Entschlossenheit. Doch was er im Schloss entdeckt, gleicht einem monströsen Alptraum, aus dem es kein Erwachen mehr zu geben scheint.
Im Jahr 1991 versuchte Steven Soderbergh, berühmt geworden als Regisseur von "Ocean?s Eleven" und "Ocean?s Twelve", "Sex, Lügen und Video", "Erin Brockovich - Eine wahre Geschichte", "Solaris" und "Out of Sight", den Roman von Franz Kafka filmisch zu variieren.
Anstatt sich an das Buch "Das Schloss" zu halten, versuchte Soderbergh eine Hommage an Kafka mit Szenen des Buches zu verknüpfen und um den Alptraum, der im Schloss gegenwärtig wird, zu erweitern.
Und genau das ist das Problem dieses Films. Die Anfangsszenen, sein Büroalltag, die Bedrohung durch Unbekannte, das übermächtige Schloss, die Gänge, die er dort durchwandert: Alles ist absolut perfekt. Kafkaesk und virtuos, unfassbar dicht und atmosphärisch beeindruckend. Aber dann wird der Alptraum in Bilder gefasst. Aus der unsichtbaren Bedrohung, dem dräuenden Unheil wird ein sichtbare Gefahr. Eine Person, ein Gegner kristallisiert sich aus dem nebelhaften und unwirklichen "Mythos Schloss" heraus und wird gewöhnlich, wird normal, wird zu einem schlichten Verrückten und größenwahnsinnigen Menschen.
Dies nimmt dem Film und der Hommage die Kraft. Sie verortet die Geschichte damit auf das schlichte Niveau eines Horrorfilms. Zwar eines genialen und mit beeindruckenden Bildern versehenen Films, aber der Vorlage Kafkas wird er so nicht mehr gerecht. Ist es bei Kafka gerade die Unerreichbarkeit, die Sinnlosigkeit des Unterfangens, sich aufzulehnen, wird hier, mit den Zutaten eines Horrorfilms, daraus eine reale Gefahr und - schlimmer noch - der "Held Kafka" weiß ihr zu begegnen.
Dank der Leistung von Jeremy Irons fühlt sich der Zuschauer wie in diesen Alptraum versetzt und alle Zutaten sind geeignet, einem den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben. Wenn nicht Kafka und sein Werk Ziel dieses Films gewesen wären, es hätte ein großartiger Film sein können. So aber führt zumindest der Schluss zu dem Urteil: als Hommage an Kafka misslungen!
Fazit: Ein toller, spannender Horrorstreifen Soderberghs, der jedem Fan dieser Art von Filmen wärmstens ans Herz gelegt werden kann. Einzig das Etikett "Kafka" verführt zu der Hoffnung, dem Werk dieses einmaligen Autors würde Ehre erwiesen. Dies ist aber leider nicht der Fall. Das Urteil ist also zwiespältig. Als Horrortrip genial, als Kafka-Hommage unteres Mittelmaß.
Stefan Erlemann
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"Ich habe versucht, Alpträume nachzuzeichnen, Sie haben einen erschaffen.", 11. September 2008
Rezension bezieht sich auf: Kafka (DVD)
Nach seinem sensationellen Erfolg von "Sex, Lügen und Video" drehte Steven Soderbergh als zweiten abendfüllenden Film ein Werk, das sich gängigen Genreeinteilungen entzieht. Basierend auf Motiven von Kafkas Romanen ("Das Schloss", "Der Prozess") und Stationen seines Lebens folgend entspinnt der Film eine verstörende Geschichte: Nach der Ermordung eines Versicherungsangestellen wird sein Arbeitskollege Kafka (Jeremy Irons) in dessen Verschwörerkreis eingeweiht. Die Geliebte des Ermordeten (Theresa Russell in einer gewohnt undurchsichtigen Rolle) verschwindet und der ermittelnde Polizist (Armin Mueller-Stahl) gibt deutlich zu erkennen, dass er keine Sympathien für Kafka hegt. Zwei neue Mitarbeiter erweisen sich als nur scheinbar tölpelhafte Zeitgenossen. Wie gut, wenn man einen literarisch interessierten Steinmetz kennt, der einem in Gefahr beisteht: Immer, so der Steinmetz, habe er Arbeit bekommen, wenn jemand von diesen beiden Männern mitgenommen worden sei. Auf eigene Faust recherchiert Kafka im Schloss und kommt zu einer entsetzlichen Erkenntnis. Als Kafkas Vorgesetzte sehen wir in weiteren Rollen Joel Grey (genau, der oscargekrönte Conférencier aus "Cabaret") und Sir Alec Guinness (in einer seiner letzten Rollen).
Die Bildästhetik orientiert sich deutlich am deutschen Expressionismus eines Robert Wiene oder F.W. Murnau. Die Figur des willenlosen Mörders erinnert an Cesare im "Cabinett des Dr. Caligari". Eine der Figuren im Film heißt sogar Dr. Murnau. Das mittelalterliche Prag erweist sich dafür natürlich als idealer Drehort. Immer wieder deuten die schrägen Kameraperspektiven auf den surrealen Charakter des Films.
Die Sequenz im Schloss ist in Farbe gedreht und beschwört Assoziationen an furchtbare Anti-Utopien wie "1984" oder Terry Gilliams "Brazil". Wie in vielen Ideologien wird das Bild eines "neuen Menschen" beschworen. Das Leben des Einzelnen ist nichts wert in einer totalitären Welt. "Big Brother is watching you" wird auf erschreckende Weise visualisiert. Ein Attentat misslingt, Kafka entkommt. Um sein eigenes Lebens zu schützen, leugnet Kafka zum Schluss die schreckliche Wahrheit. Aber da merkt er, dass er selbst sterbenskrank ist.
Soderbergh ruinierte mit dem bescheidenen finanziellen Erfolg des Films für Jahre seinen Ruf als Regie-Wunderkind. Erst mit "Out of Sight" gelang ihm ein Comeback. Nach einigen Mainstreamfilmen versuchte er mit "The Good German" einen weiteren Kunstfilm, der aber nicht im Geringsten so fesselnd und mehrdeutig wie dieses Frühwerk ist. Wirklich ein Film, der das mehrfache Ansehen lohnt. Wer allerdings ein Kafka-"Biopic" erwartet, ist einfach im falschen Film.
Es ist sehr bezeichnend für Hollywood, dass der Film bei den Oscars vollkommen übersehen wurde. Kamera, Ausstattung und Filmmusik (eine suggestive Zithermusik, die manchmal an den "dritten Mann" erinnert) hätten eine Nominierung verdient.
Bild und Ton sind gut, die Ausstattung der DVD ist allerdings bescheiden. Außer Untertiteln in Deutsch und Englisch, sowie ein paar Trailern (allerdings nicht zum Hauptfilm) gibt es keine Extras. Der Film ist allerdings eine Klasse für sich. Eine Kommentierung würde wahrscheinlich sogar stören.
Ansehen, darüber nachdenken und dann noch mal ansehen!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein