Zugegeben - Kertész Stil ist langatmig und manchmal auch etwas zu weitschweifig. Aber seine Überlegungen zum Bösen und zum Guten sind mir sehr aufschlussreich geworden: Nicht das Böse ist Kertész unerklärlich, sondern das Gute scheint ihm unfassbar. Die kleine Erzählung über einen Mitgefangenen, den alle nur den "Herrn Lehrer" nennen, ist mir ans Herz gewachsen. Kertész ist nämlich bass erstaunt, dass dieser Mitgefangene gar nicht auf die Idee kommt, sich im KZ einer zusätzlichen Essensration - nämlich der von Kertész - zu bemächtigen und ihm diese nachträgt. Als der "Herr Lehrer" Kertész' Erstaunen über sein Handeln bemerkt, fragt er nur: "Was hast du denn gedacht?"
Kertész überlegt im Gespräch mit seiner Frau, "dass der «Herr Lehrer» eine zweifache Chance (in Gestalt der Essensration von Kertész) erhalten hatte, am Leben zu bleiben, und dass er diese verdoppelte Chance ... verwarf, so zeigt das, dass ... die Annahme dieser zweiten Chance gerade seine einzige Chance vernichtet hätte, die es ihm noch ermöglichte, zu leben und zu überleben; ... es existiert ein reiner, von keinem fremden Stoff ... infizierter Begriff, ein Gedanke, der in unser aller Geist gleichermaßen als Vorstellung lebt, ja eine Idee, deren .. Unverletzbarkeit, deren Wahrung ... des «Herrn Lehrers», einzige wirkliche Chance zu überleben bedeutet."
Diese Gestalt des "Herrn Lehrers" macht mir das Büchlein kostbar.