"Unvermutet und flüchtig ist die Welt, aber gerade ihre Zufälligkeit ist Reichtum, da wir nicht einmal bestimmen können, wie arm wir sind, da ja alles Geschenk ist."
Walt Whitman
Jorge Luis Borges, genialer Erzähler (
Fiktionen), noch besserer Dichter (
Schatten und Tiger) und grandioser Essayist, gehört für mich zu den interessantesten, geistreichsten und vorzüglichsten Schriftstellern unserer Epoche. Ich gebe zu, dass ich das nicht mehr wirklich unparteiisch formulieren kann, da er mittlerweile, nach ausgiebiger Lektüre, zu meinen ganz persönlichen Lieblingen gehört. Für mich ist Borges das, was Schopenhauer für jenen war: Ein Quell der Inspiration und Freude, ein nie endender Ansatz zum Denken und Philosophieren.
"Leben und Tod haben meinem Leben gefehlt. Dieser Armut ist meine beflissene Liebe zu diesen Spitzfindigkeiten entsprungen."
Bei Borges fließt alles zusammen: Prosa und Essay vermischen sich in seinen Erzählungen, Poesie, Alltag und Mythologie in seiner Dichtung, Kunstgeschichte, Metaphysik, Belesenheit und eigene Gedanken in seinen Essays.
Dieser Band, der zweierlei Sammlungen von essayistischen Texten fasst, enthält die frühsten nicht verworfenen Texte, die Borges publiziert hat. Sie sind das Bindeglied zwischen seinen ersten Arbeiten über die Gaucho-Dichtung und seine südamerikanische Kindheit und den folgenden Essays, in denen es meisten um einzelne Phänomene und Auslegungen der Metaphysik, Schriftsteller oder philosophische Probleme und gedankliche Ansätze geht - das alles immer aufgebaut auf Zitierfreude und Faszination. (Man lese auf jeden Fall die
Inquisitionen. Die Faszination und Virtuosität dieser Betrachtungen sucht ihresgleichen).
Der erste Teil ist ein Portrait - samt Gedichtbeispielen und -auszügen + Interpretation - von Borges Dichterfreund Evaristo Carriego; außerdem einigen zusätzlichen Texten über Gaucho-Dichtung, so auch über Borges ewiges Steckenpferd, den südamerikanischen Vers-Epos "Martin Fierro" (welches leider nicht auf Deutsch zu bekommen ist; aber Auszüge sind hier enthalten) und einigen klassischen Anekdoten. Alles sehr interessant und als Einstieg in die südamerikanische Literaturbildung durchaus nicht das schlechteste Werk.
Der zweite Teil, die "Diskussionen", ist ein klassischer Borges-Essayband: Er beschäftigt sich hier u.a. mit dem Paradoxon von Achilles und der Schildkröte (Zenon von Elea), Flaubert, Whitman, verschiedenen Auslegungen der Hölle und den Homerübersetzungen. Seine Herangehensweise ist dabei immer gleich und doch immer verschieden. Denn jedes Thema ist für Borges nur Zentrum und Ausgangspunkt, um Ansichten, Erwiderungen und Gedanken anzubringen, die er sich in seinem Leben zusammengesucht und -gelesen hat und diese zu verbinden. Ein einziger Borgestext kann schon Stoff für eine ganze Diskussion sein oder Ideen für tausend phantastische Geschichten oder zehn philosophische Ansätze enthalten; man lernt Zitate, Anekdoten und paradoxe Sätze, Gedanken und Ideen aus der gesamten Literatur kennen.
"Ich habe bisweilen vermutet, dass jedes Menschenleben, wie verwickelt und bevölkert es auch sei, in Wirklichkeit aus einem einzigen Moment besteht: der Moment, in dem der Mensch für immer weiß, was er ist."
Borges lesen bedeutet, sich dem ganzen Reiz von Philosophie, Literatur (ja, des Universums selbst) auszusetzen. Ich denke jeder, der gerne philosophiert, der bei einem grandiosen Gedanken sofort gedankliche Luftsprünge vollführt oder der die klare, präzise Darstellung eines interessanten Themas liebt, schätzt oder sich daran erfreuen kann, ist nirgendwo besser aufgehoben als bei Borges.