Die Schwierigkeit beim Klavierstimmen liegt in der großen Spannbreite des Frequenzbandes. Zudem sind die Töne im Diskant sehr kurzlebig, und im Bass werden umsponnene Kupfersaiten benutzt, die mit ihrem Brummelm schon für einen erfahrenen Klavierstimmer eine Herausforderung darstellen.
Trotzdem habe ich versucht, meinen Flügel selber mit dem OT-120 zu stimmen, und es funktioniert auch. In der Mittellage ist es recht einfach, die Töne tragen lange und das OT-120 zeigt den Ton dann auch entsprechend lange im Display an. Dabei wird mit einem Zeigerinstrument die genaue Abweichung von der richtigen Frequenz angezeigt, sodass man den Ton dann sauber in die Nulllage bekommt. Zudem hat Gerät ein digitales Display, auf dem es den von ihm erkannten Ton einblendet. So kann es also sein, dass man das A2 stimmen möchte, die Nadel des Instrumentes im Minus liegt, aber das Digitaldisplay G#2 anzeigt. So sieht man dann schnell, dass man deutlich näher am Gis als am A liegt, diese Kombination aus analog und digital finde sehr nützlich.
Schwierig wird es allerdings im hohen Diskant und im tiefen Bass (bei mir ab <G1 und >D7). Hier war es eine größere Herausforderung, dem Gerät eine brauchbare Anzeige zu entlocken. Mit kleinen Tricks und Ausprobieren kommt aber auch hier zum Erfolg. So habe ich die Saiten von Hand zum Schwingen gebracht (im Bass anzupfen und im Diskant mit dem Fingernagel anschnipsen), dann zeigt das OT-120 auch diese Töne an. Wenn möglich aber einen Einweghandschuh dabei anziehen, an die Saiten sollte kein Schweiß geraten.
Das Gerät stellt auch eine Funktion zur Wiedergabe eines Referenztones für die jeweilige Saite dar, aber davon bin ich schnell abgekommen, es ist einfach ein zu künstlicher, nach Plastik klingender Ton, mit dem ich nur wenig anfangen kann.
Über die CALIB-Funktion kann zudem festgelegt werden, ob man auf 440, 441, etc. stimmen möchte. Das ist eine wunderbare Funktion, so habe ich mir das A mal verschieden gestimmt um den Unterschied auch mal hören zu können.
Dann gibt es auch noch eine manuelle Funktion, hier stellt man den Ton ein (z.B. A), dem man stimmen möchte und das Gerät versucht dann selber die Lage festzustellen (also ob es z.B. das A0, A1 oder A7 sein soll). Teilweise auch recht zweckmäßig, gerade dort, wo die Saite schneller abklingt und recht viele Obertöne entstehen, springt die Anzeige sehr häufig um und zeigt sämtliche erkannten Obertöne, das kann schon mal nerven. Hier kann die manuelle Fkt. behilflich sein.
Dies kann man aber auch umgehen, indem man die Geschwindigkeit der Analayse am Gerät umstellt. Dafür gibt es die drei Einstellungen slow-medium-fast. Hier muss man einfach ausprobieren.
Insgesamt für mich ein recht gutes Gerät, um einen beim Stimmen zu unterstützen.
Ich bin aber der Meinung, dass man schon über Grundlagen des Klavierstimmens verfügen sollte. So habe ich bei den mehrchörigen Saiten jeweils nur die erste Saite mit dem OT-120 gestimmt, die restlichen Saiten des Chors nach Gehör (Schwebungen). Auch die Prüfungen der Schwebungen in der Quinte, Quarte und der Oktave habe ich nach Gehör gemacht. Aber da ich Laie bin, war ich für die Arbeit des OT-120 im Bass und im hohen Diskant sehr dankbar, denn dort wird es auch mit dem Gehör recht schwierig.
Zu berücksichtigen sind beim Klavierstimmen auch die Stimmnägel, hier gibt es nicht nur den Unterschied in den Stärken (Durchmesser), sondern auch deren Sitz. So gibt es sehr leichtgängige Wirbel, die das Stimmen erst einmal erleichtern, aber auch schnell wieder verstimmen können, aber auch enorm festsitzende Wirbel, die dann beim Drehen knacken und sich so nur in Sprüngen weiterdrehen. Das erfordert dann viel Fingerspitzengefühl und Ausdauer. Und da es Stimmschlüssel für die verschiedenen Wirbelstärken gibt, kann man hier mit dem falschen Werkzeug auch schnell verzweifeln.
Zum Schluß noch die Details, die mir nicht gefallen haben. Das Gerät hat einen dreistufigen Ein-Ausschalter, die erste Stufe ist EIN ohne Beleuchtung, die zweite mit Beleuchtung. Ich habe im Flügel immer mit Beleuchtung gearbeitet, wenn ich dann aber das Gerät ausgestellt habe, ist es mit öfters passiert, dass es in der zweiten Stellung blieb. Es fällt dann erst irgendwann durch Zufall auf, dass das Gerät noch eingeschaltet ist. Umgekehrt wäre es geschickter gewesen, Beleuchtung schon in der ersten Schalterstellung.
Völlig nervig finde ich den Standfuß (Bügel) des Gerätes. Da man ihn eigentlich immer braucht, wenn man das Display auch vernünftig ablesen will, klappt man den Bügel natürlich aus. Allerdings gibt es nur eine Stellung und damit liegt das Gerät in einem Winkel von ca. 40-45° vor einem. Hier fehlt eindeutig die zweite Stellung im Bereich von 60-70°. Hier hat der Gehäusedesigner leider völlig gepennt.
Als letztes finde ich die 6,5mmm Klinkenstecker unpassend, hier wären mir 3,5mm lieber gewesen. Aber im Musikerumfeld sind die 6,5mm wohl noch der Standard und es gibt ja auch passende Adapter.
Daraus mein Fazit:
Ein durchaus brauchbares und nützliches Gerät, ein absoluter Laie sollte sich aber evtl. mit den Grundlagen des Klavierstimmens vorher beschäftigen und denken Sie daran, Sie brauchen zudem auch noch einen passenden (und guten!) Stimmhammer und Stimmkeile. Mein Rat: Messen Sie vor dem Kauf eines Stimmhammers die Wirbelstärke und kaufen Sie nur einen dafür passenden Stimmhammer mit Sternloch!