Gesellschaftlich brisante Themen ihren tabuisierenden Fesseln zu entreißen, ist eine nicht selten anzutreffende Intention von Mangaka - und in der westlichen Welt zugleich ein verstärktes Emanzipationsbestreben: Während hervorragende japanische Zeichentrickproduktionen wie "Gunslinger Girl" oder "Now and Then, Here and There" Tabugegenstände von höchster Aktualität thematisieren, werden der Manga wie auch der Anime hierzulande noch immer mehrheitlich als Kinderkram belächelt. Mit Mangas wie "GOTH" oder auch dem vorliegenden "KIZU" (dt.: Wunde) reiht sich Otsuichi in jene Riege japanischer Autoren ein, welche mit ihren Werken diesen bornierten Scheuklappenträgern die Eselsmütze aufsetzen und sie in die Ecke des Klassenzimmers verbannen.
Auf rund 200 Seiten entfaltet Otsuichi eine bewegende Geschichte um zwei ungewollte Kinder, die vom Leben immer nur enttäuscht worden sind und die Welt in ihrer kindlichen Naivität verbessern wollen. Schonungslos, aber subtil wird die Leidensgeschichte von Keigo und Asato erzählt, die viel ertragen müssen und immer wieder ein Licht am Horizont erblicken, in dessen Glanz sie aufatmen, nur um erneut größte Enttäuschung zu erfahren. Die Charaktere und ihre Hintergründe sind hervorragend ausgearbeitet, ebenso ihre Beziehungen zu ihrer Umwelt. Dem in nichts nach steht die Darstellung des Teufelskreises, den Misshandlung innerhalb der Familie hervorbringen kann: Keigo muss die Schläge seines Vaters erdulden und wird seinerseits einem Schulkameraden gegenüber gewalttätig, nachdem dieser Keigos Vater verbal angegriffen hat. Die realitätsnahe Zeichnung dieser immer wieder aktuellen Thematik wird durch das fantastische Element der wunderbaren Fähigkeit, über die Asato verfügt, hierbei in keiner Weise entschärft oder gar ihrer Brisanz beraubt, vielmehr potenziert es die Tragik.
Zu der subtilen Erzählweise des Mangas tragen maßgeblich die Zeichnungen von Hiro Kiyohara bei, in denen das tragische Wechselspiel zwischen aufkeimender Hoffnung und jäher Enttäuschung besonders zur Geltung kommt. In puncto Brutalität halten sich die Schwarz-Weiß-Bilder über weite Strecken zurück, stattdessen lassen Otsuichi und Kiyohara durch geschickt formulierte Texte und Dialoge die Fantasie des Lesers zum Zuge kommen; nur vereinzelt durchbricht die ungeschminkte Gewaltdarstellung dieses Konzept, etwa wenn Keigo einen Mitschüler aufs Heftigste verprügelt oder Asato in wiederkehrenden Albträumen seine Mutter mit dem blutigen Küchenmesser vor sich sieht. Solche Bilder sind jedoch mehr die Ausnahme denn die Regel, vielmehr schockiert, was der Leser nicht zu sehen bekommt, durch entsprechende Andeutungen aber unausweichlich assoziiert wird.
Ein wunderschöner wie auch trauriger Manga, der zum Nachdenken anregt und der - sieht man von dem fantastischen Einschlag in Form von Asatos Gabe einmal ab - der Realität wohl näher steht als einem lieb ist. Zweifelsohne einer der packendsten japanischen Comics, die es in letzter Zeit auf den deutschsprachigen Markt geschafft haben.