Charlotte ist eigentlich ein ganz normales Mädchen. Sie hat ein liebevolles Elternhaus, geht regelmäßig zur Schule, hat gute soziale Kontakte - und ab und zu kifft sie. Am liebsten im Gartenhaus von Jan, der das von seinen Eltern überlassen bekommen hat. Während Charlotte den alltäglichen Pflichten nachkommt, fällt Jan immer weiter ab, bekommt Probleme mit der Polizei, der Schule, dem Dealer und anderen Jugendlichen. Und Charlotte kommt dahinter, dass eigentlich niemand Jans Problem als seines ansieht. Als Charlotte schon aufgeben will, kommt plötzlich dennoch Hilfe in Form eines Sozialsarbeiters, der Aufklärungsarbeit leistet. Ob Jan allerdings bereit ist, die Probleme anzugehen, diese Antwort bleibt der Autor dem Leser schuldig.
Eine Identifizierung mit den Jugendlichen gelingt der Zielgruppe sehr gut, wobei sich die meisten meiner Jugendlichen (ich arbeite in einer Wohngemeinschaft) leider mehr in Jan als in Charlotte hineinfühlen können. Da viele sehr auf sich selbst bedacht sind, fällt es ihnen schwer, Empathie für andere aufzubringen. Grundsätzlich danke ich aber, dass die meisten Jugendlichen doch eher Charlotte als Identifikationsbild sehen werden, vor allem dann, wenn sie noch nicht so intensiv mit dem Thema in Berührung gekommen sind, vielleicht sogar erst am Überlegen sind, ob sie es einmal ausprobieren wollen oder nicht.
Das Ende des Buches finde ich sehr gelungen, denn einerseits ist es ein offenes Ende, weil wir ja nicht wissen, ob Jan das Hilfeangebot annehmen wird, andererseits aber hinterlässt er doch das Gefühl der Hoffnung. Es gibt einen ganz konkreten Lösungsvorschlag, nämlich das Aufsuchen einer Beratungsstelle gegebenenfalls das Sprechen mit einem Psychologen. Außerdem hat Jan den großen Vorteil, dass er nicht alleine ist. Er hat jemanden, dem seine Probleme nicht egal sind. Leider sind es nicht seine Eltern, was aber gerade in diesem Alter nicht selten vorkommt, aber es sind verantwortungsvolle Freunde, die noch zwischen richtig und falsch unterscheiden können, die Jan nicht aufgeben wollen, obwohl er sich selbst schon aufgegeben hat.
Das Buch ist einfach zu lesen und vor allem ist man schnell durch. Das Konzept der K.L.A.R. Bücher greift hier sehr gut. Ich selbst habe es in einem Dienst in einer Stunde ausgelesen. Es ist groß geschrieben, die Sprache ist einfach, verständlich und lässt dennoch ein gutes Mitdenken zu. Außerdem regt es zum Nachdenken an. Gefühle allerdings werden nur selten benannt und so bleibt es leider dem Leser überlassen, zu erahnen, wie sich der/die Jugendlichen nun fühlen. Bei Jan wird es fast schon Hoffnungslosigkeit sein, ein Abspulen jedes einzelnen Tages, ein Überleben. Ziele hat er nicht, abgesehen davon, sich täglich zuzukiffen. Wenn man allerdings weiß, dass Marihuana Emotionen verstärkt, d.h. wenn es einem schlecht geht, dann geht es einem nach dem Konsum noch schlechter, dann ist das wohl genau das Falsche für den jungen Mann. Charlotte hingegen entwickelt ein großes Verantwortungsgefühl, möglicherweise schon ein zu großes. Sie fragt sich die ganze Zeit, ob sie überhaupt zuständig sei, ob es sie eigentlich irgendetwas angehe und ist ziemlich verzweifelt, als ihr keiner von Jans anderen Freunden wirklich helfen will, das Problem beim Schopf zu packen. Gut finde ich, dass der Autor dann sagt, wenn Jan keine Hilfe will, dann darf es auch nicht weiterhin Charlottes Problem sein, gleichzeitig den Einsatz aber lobt und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.
Bei Jan hingegen sieht der Leser ganz klar, welche Probleme mit dem Marihuana Konsum einhergehen können, nämlich, dass man sich für viele andere Dinge nicht mehr interessiert. Termine bei Richter, Zahlung von Rechnungen, überhaupt Zahlung von irgendetwas, Ehrlichkeit, Sauberkeit und Ordnung, Einfühlen in andere Menschen, Einfühlen in das eigene Leben, das alles wird zweitrangig und gestaltet sich immer schwieriger. Irgendwann sehen die Jugendlichen keine Perspektive mehr und allerspätestens dann ist es Zeit, dass sich die Helfersysteme einschalten. Aber wie der Autor richtig vermittelt, nur wenn man selbst das Problem beim Schopfe packt - und dazu muss man mal einsehen, dass es ein Problem ist - dann gibt es die Möglichkeit, aus diesem Dilemma auch unbeschadet, aber um viele Erfahrungen reicher, wieder auszusteigen.