Also, ich war und bin BEGEISTERT. Warum bloß hatte Billy Wilder solche Schwierigkeiten, mit Flops umzugehen? Er hat ja nun nicht gerade viel getan, diesen seinen Film zu verteidigen. Und das ist doch so schade, denn der Streifen ist eine blitzgescheite, wohldosiert frivole, genau hinschauende, gut geschriebene, witzige, anspielungsreiche Komödie und irgendwie auch wieder etwas mehr als das. Zunächst mal: Der Film sieht gut aus. Nix dauerweichgezeichnete verwaschene Bilder, sondern kontrastreiches, meist tiefenscharfes, klares Schwarzweiß im Breitwandformat. Der Film, wie schon gesagt, schaut genau hin. Wie Felicia Farr mit nonchalanten Handbewegungen (das ist übrigens das erste, was man von ihr sieht) ihren Gatten umgarnt und von Anbeginn an keinen Zweifel lässt, dass Frauen eben doch bessere Diplomaten sind. Wie Kim Novak sich deutlich länger von Ray Walston verabschiedet, als eigentlich nötig, und wie ihr Blick auf seinem Anwesen und alles, was man damit verbinden kann, verharrt. Wie in einer interessanten Kadrierung im Spiegel Ray Walston und Beethoven ein Bild im Bild formen.
Doch worum geht es? Um Wilders Thema Nr. 1, ein Spiel mit falschen Identitäten, und die teilweise als katastrophal empfundene Besetzung mit Ray Walston als Hauptperson kann ich nur genial nennen, denn dieser krankhaft eifersüchtige Jammerlappen, der dann aber doch recht sympathisch wird, bringt alles erst ins Rollen, und bei einem weniger jammerlappigen Darsteller hätte man wohl nicht für plausibel erachtet, was als (Kom)Plot(t) ins Rollen gebracht wird. Zwei Landeier aus dem Kaff Climax (ah, those names) sind dilettierende Songschreiber, aber der schnöselige Schlagerstar Dino (Dean Martin) muss bei ihnen übernachten. Dino ist nur auf Frauen scharf, und nun möchte Orville, der eine Komponist, zum einen Dino bei Laune halten, damit der einen Song kauft, andererseits nicht seine Gattin dem Stecher zum Fraß vorwerfen. Also soll es eine Nutte richten, die als Orvilles Gattin ausgegeben wird. Aber auch die Gattin wird am Ende für die Nutte gehalten und beide Frauen merken, dass der einmalige Rollentausch so schlecht nicht war. Nur die Männer kapieren gar nix, aber der Schlusssatz, von der Gattin zu Orville gesprochen, ist auch der Filmtitel. Hätten sie Gin Rummy gespielt, so hätte es wohl "Shut up and dial" geheißen, wie in "The Apartment"... Und das ist nicht die einzige Übereinstimmung mit anderen Wilder-Werken, daneben gibt es noch so einige augenzwinkernde Parallelen. Außerdem werden lustvoll Filmtitel zitiert ("Ein Mann muss seiner Frau doch was bieten, z.B. Frühstück bei Tiffany und einen Hauch von Nerz"), gibt es einen ganzen Sack voll kleiner Kabinettstückchen und Aufmerksamkeiten (ein wie ein Akkordeon quietschendes Bett, eine Schneiderpuppe, auf der ein frivoles Négligée entstehen soll, ein immer genau das Falsche und daher Richtige plappernder Papagei), und der Schweinkram des Films, ist - ähnlich wie in einem meiner Lieblinge, "Avanti" - zwar deutlich und manchmal auch im Dialog recht direkt, aber dann doch im Bild immer so würdevoll, dass man an dem Schicksal aller Figuren wirklichen Anteil hat, anstatt über sie hämisch zu lachen. Wie Dino und Felicia Farr im Wohnwagen zusammensinken, das geht in einer langen Einstellung in der Totalen vonstatten, wird zweimal hinausgezögert und hat so harte Kontraste, dass man sehr genau beobachten kann, wie der Raum zwischen den fast schattenhaften Mündern immer kleiner wird, dann doch wieder größer, dann kleiner, noch enger als beim ersten Mal, dann wieder größer, und dann ist er nicht mehr vorhanden. Das ist, obwohl Dino wie gesagt den Weiberhelden gibt, eine ganz anrührende, zärtliche Szene, weil es sehr genau darauf ankommt und auch visualisiert wird, dass und wie die Frau da eigentlich die Dinge lenkt. Es kommt zum Ehebruch, aber dabei liebt Felicia Farr nur ihren Gatten und kommt keinen Moment als Miststück rüber, das es mit Dino macht, um dem Gatten den Plattenvertrag zu verschaffen. Und umgekehrt gilt: Auch wenn Kim Novak keine Hepburn ist, am Ende ist man ganz für sie eingenommen, die Pistolen-Polly hat Würde und Stil, und die Frauen haben eine wertvolle Erfahrung gemacht. Die Frauen helfen den Männern über ihre Schwächen hinweg, und das sieht dank der subtilen Inszenierung nie so aus, als verkauften sie sich dabei des Zwecks Willen.
Daher ist "Kiss me stupid" so gut, und er ist vielleicht, was das Spiel mit falschen Identitäten betrifft, der genaueste und am weitesten gehende Film Wilders, auch wenn er gegenüber einigen anderen im Gewande eines Leichtgewichtes daherkommt. Also: Gucken, gucken, gucken!