Debütromane werden stets mit besonderem Interesse betrachtet. Sei es, weil man hofft, dass sich unter den üblichen Verdächtigen mal wieder ein neues Gesicht etablieren könnte, sei es, weil der erste Roman eines Autors oder einer Autorin häufig mit Überraschungen und besonderen Qualitäten aufzuwarten vermag. Das erste bei uns erschienene Buch des Australiers Shane Maloney, der in seiner Heimat bereits zum Bestsellerautor avancieren konnte, erweist sich als eine sehr angenehme Überraschung unter den Krimi-Neuerscheinungen dieses Herbstes.
Maloneys Held Murray Whelan schlägt sich als persönlicher Berater des Ministers für ethnische Angelegenheiten mit den berechtigten oder überzogenen Forderungen der unzähligen australischen Volksgruppen herum. Nach einer Regierungskrise mit nachfolgender Kabinettsumbildung, sieht er sich zusammen mit seinem Chef ins Ministerium für "Wasserversorgung und Kultur" verfrachtet. Whelan ist kein Banause, stürzt sich jedoch selbstkritisch in die Kulturszene, um möglichst schnell fit für seinen neuen Job zu werden. Sein Start in die Kunst verläuft nicht wie erwartet. Nach einer Ausstellungseröffnung im Centre for Modern Art wird er mit dem Tod des jungen Künstlers Marcus Taylor konfrontiert, der während der Vernissage noch die anwesenden Gäste brüskiert und mit Enthüllungen krimineller Machenschaften im Kunsthandel gedroht hatte. Selbstmord oder Tod im Vollrausch vermutet die Polizei. Vermutet auch Whelan zunächst, doch bereits während der ersten Tage seiner Arbeit stößt er auf Filz und Betrügereien in großem Stil, die den "Unfall" Taylors in neuem Licht erscheinen lassen. Und Whelan entdeckt fast zufällig den Handel mit gefälschten Kunstwerken, in den der Kulturfunktionär und Banker Lloyd Eastlake sowie der Unternehmer Karlin verwickelt scheinen. Giles Aubrey, ehemaliger Galerist und Informant Whelans, kommt unter merkwürdigen Umständen zu Tode und Whelan selbst gerät in tödliche Gefahr. Bedauerlich, dass der Amateurdetektiv die Bedrohung aus der falschen Richtung vermutet.
Shane Maloney ist ein unangestrengt humorvoller und sehr unterhaltsamer Krimi im Künstlermilieu gelungen. Dem Autor gelingt eine beständige Spannungssteigerung bis hin zu einem überraschenden Finale. Seine Hauptfigur Murray Whelan ist ein erfrischend selbstironischer Charakter, der mit sicherem Instinkt jedes verfügbare Fettnäpfchen sucht und findet. --Ulrich Deurer
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Sozis und Schlawiner
Shane Maloneys Krimi «Künstlerpech»
Murray Whelan hat es vom Sohn eines Kneipenwirts zum persönlichen Berater des Ministers für ethnische Angelegenheiten im australischen Bundesstaat Victoria gebracht. Trotz dem Aufstieg schlägt das Gefühl, ein Underdog zu sein, noch gelegentlich bei ihm durch etwa wenn er mit seiner Ex-Frau telefoniert, die in Canberra und Sydney gross Karriere macht und, wie er es sieht, jede Gelegenheit nutzt, ihm seine Unzulänglichkeiten als Vater und Verdiener unter die Nase zu reiben. Hinzu kommt, dass er tatsächlich um seinen Job fürchten muss. Weil die Laborregierung versucht, dem Schwund der Wählergunst durch Drehen am Posten-Karussell entgegenzuwirken, erhält Whelans Boss ein neues Ministerium: Wasserversorgung und Kultur. «Von Wasserversorgung wusste ich nur, dass sie stattfand, wenn man den Hahn aufdrehte.» Und von Kultur versteht Whelan auch nicht viel mehr. Aber Mangel an Fachkompetenz ist in der Politik zum Glück kein Hinderungsgrund. Whelan behält seine Stellung, und mit «ein bisschen Instant-Sachverstand» und dem richtigen Gespür für das wahlweise hochgestochene oder ironische Gerede fühlt er sich bald wieder obenauf: «Dieses Kunstgehampel war das reinste Kinderspiel.»
Leider trübt eine Leiche das wiedergewonnene Hochgefühl. Passend zum Thema liegt an Whelans erstem Arbeitstag ein erfolgloser junger Künstler ertrunken im Wassergraben der National Gallery. Ob es sich um Unfall, Mord oder Selbstmord handelt, ist nicht ganz klar. Die Presse tippt auf Letzteres, weil der Künstler einen Brief hinterlassen hat. Hochstilisiert zum «Manifest», dient er den Zeitungen als Beleg dafür, dass der Selbstmord als Fanal «gegen die mangelnde Unterstützung der Regierung für die Künste» zu interpretieren sei. Whelan muss sich der Angelegenheit annehmen, damit das Ansehen des neuen Kulturministers nicht gleich zu Beginn seiner Amtszeit Schaden leidet. Inmitten der politischen Verfilzungen gerät er an einen Fall von Kunstfälschung und Finanzbetrügerei. Das Problem dabei ist: Auch von der Detektivarbeit versteht Whelan nicht viel. Er findet zwar eine Menge heraus, zieht aber die falschen Schlussfolgerungen.
Shane Maloneys «Künstlerpech» ist, obwohl kein aussergewöhnlicher Krimi, doch eine gelungene Mischung aus Detektivroman und Gesellschaftskomödie. Im Rahmen eines solide konstruierten Plots nimmt der Autor das sozialdemokratische Milieu und die Kunstszene aufs Korn, wo Versorgungsmentalität mit Savoir-vivre und ästhetische Reflexion mit Selbstbeweihräucherung Hand in Hand gehen. Als bösartiger Beobachter ist sein Ich-Erzähler Murray Whelan nie um ein Bonmot verlegen, und als dilettierender Detektiv gerät er in Bedrängnisse, die selten der Komik entbehren. Er beschreibt, wie eine Mickymaus-Krawatte ausser als extravagantes Accessoire auch als lebensrettender Halt dienen kann, auf welchen Wegen die emanzipierte Frau ab fünfunddreissig, um auf der «Powerfrau-Skala» keine Punkte zu verlieren, sich den «Mutterstatus, am besten den von der ledigen Sorte», sichert, und dass, wenn die Gewerkschaft der Strassenbauarbeiter ein Dichterstipendium vergibt, das Wort «Asphaltliterat» einen grundlegend neuen Sinn erhält.
Obwohl Maloney den Wortwitz liebt, verfällt er nicht in die verbreitete Unsitte, den Krimi als reine Gag-Maschine zu behandeln. «Künstlerpech» umkreist ein Thema, das dem Roman ein einheitliches Gepräge gibt: Er handelt von sozialdemokratischen Aufsteigern und im weiteren Sinn von einem soziopolitischen Phänomen, das sich später unter den Schlagworten «New Labor» beziehungsweise «Neue Mitte» selbst vermarktet hat. Der Roman spielt im Jahr 1989, doch der Trend zur Neuen Mitte zeichnet sich schon ab. Hierhin drängeln all diejenigen, die ihren Teil vom kapitalistischen Kuchen abhaben wollen, und die Repräsentanten der Arbeiterbewegung gehen mit gutem Beispiel voran. Zwar kann vom Neuen Markt bei Maloney noch nicht die Rede sein, wohl aber von Börsenspekulationen und der Faszination des Reichtums. Wer es nicht schafft, ganz oben mitzuspielen, versucht über Posten und Beziehungen sein Glück. Da entsteht so manche Seifenblase, deren Platzen im Roman kriminelle wie komödiantische Energie freisetzt.
Mit der Abkehr von der Arbeiterklasse geht die Erosion des traditionellen Arbeitsbegriffs einher. Murray Whelan verkörpert einen Heldentypus der Neuen Mitte, der über viel kommunikative Kompetenz, aber wenig besondere Kenntnisse verfügt. Um seine Stellung bangend, versucht Whelan sich einzureden, sein Boss brauche einen «Mann mit meinen Fähigkeiten». «Einen, der ihm seine Reden schrieb. Lobbyisten abwimmelte. Über den Bürokraten die Peitsche knallen liess. Die Nase in den Wind hielt. Den Finger ins Wasser steckte. Ihm half, mit dem Strom zu schwimmen.» Die Erfahrung, alles und nichts zu können, verunsichert ihn, wenn seine Position bedroht scheint, und euphorisiert ihn, sobald der Kelch an ihm vorübergegangen ist. In Shane Maloneys Krimikomödie steckt so nicht nur eine kleine Sozialpsychologie des Aufsteigers, sondern auch eine des Übergangs von der soliden Arbeits- zur luftigen Erfolgsgesellschaft. Die Verbindung zwischen beidem besteht in dem Gefühl des «Ich», den Boden unter den Füssen zu verlieren.
Lutz Krützfeldt
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.