Gleich vorab: Das, was das Buch im Titel behauptet, erfüllt es nicht. Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass es im Ernst das Ziel der Herausgeber war, einen vollständigen Überblick über wichtige (abendländische) Künstler seit der Renaissance zu bieten. Sondern sie wollten eigentlich ein Buch machen, das dem Leser die Kunst der Moderne nahebringen sollte. Aus irgendwelchen Gründen - vielleicht wegen der Vermarktung - haben sie das aber nicht getan.
Denn in den rund 800 Jahren Kunstgeschichte, welche das Buch zu behandeln behauptet, liegt die Wende zum 20sten Jahrhundert ziemlich genau in der Mitte des Buches. Und da den Autoren in der Moderne offensichtlich Photographie und Architektur sehr wichtig sind, Skulptur dagegen völlig nebensächlich ist, nehmen schon vor 1900 Architekten (die man allerdings tatsächlich überwiegend kennen sollte) und Photographen (na ja) einen ungewöhnlich großen Raum ein. Es scheint, dass die Autoren die Kunstgeschichte als Vorbereitung auf eine bestimmte Sicht der Moderne präsentieren wollen.
Das wäre an sich nicht verwerflich, aber es wäre doch ehrlich gewesen, wenn die Autoren das gesagt hätten. Ein Vorwort oder eine Einführung fehlen aber. Es geht einfach gleich mit Giotto los. Kein Wort zur Auswahl, kein Überblick über die Kunstgeschichte, kein Abriss der Strömungen.
Und dabei, wie gerade schon angedeutet, haben die Autoren eine sehr eigene Sicht der Moderne, die sie hätten rechtfertigen sollen. Es fehlen nämlich eine auffallende Reihe von Künstlern, die man wahrlich und wahrhaftig kennen sollte: Franz Marc und der gesamte Blaue Reiter (außer Kandinsky), Macke und die gesamte Brücke, mithin der gesamte Worpsweder Kreis, auch Delaunay und also der gesamte Expressionismus. Es fehlt auch Magritte, und überhaupt einiges an Surrealismus, auch wenn, soweit ich mich erinnere, Dalí und Ernst vorhanden sind. Da Skulptur keine Rolle spielt, fehlt Rodin. Und trotz der Betonung auf Architektur fehlt Hundertwasser - da wird der Verdacht, dass die Autoren einen Mainstream präsentieren wollen, am stärksten. Und angesichts der großen Zahl mir eher unbekannter lebender Autoren, die präsentiert werden, fällt außerdem auf, dass Baselitz und Hirst fehlen.
Alle diese Lücken sind, finde ich, keine Künstler aus der zweiten Reihe. Darum darf ein Buch mit diesen Lücken nicht von sich behaupten, es präsentiere "Künstler, die man kennen sollte."
In der Aufmachung kommt als Ärgernis hinzu, dass jeder Künstler nur sehr wenig Raum bekommt. Auf meist nur einer einzigen Seite findet sich jeweils nur ein maßgebliches Werk. Mehr ließ das recht kleine Format nicht zu, nun gut, aber dann hätte man halt ein größeres Format wählen und/oder sich von vorneherein auf die Moderne beschränken sollen. Dass in den Begleittexten gelegentlich ausführlich Werke besprochen werden, die man nicht gezeigt bekommt, verschlimmert die Beschränkung noch.
Fazit: Ein halbwegs brauchbares Buch für Leute, die sich für moderne Kunst interessieren. Für Interessenten der Kunstgeschichte unbrauchbar; da habe ich einst im Regal meiner Eltern bessere Bildbände gefunden.