"... man nehme einen Kapaun, 1 Seitel starkes gutes Bier, Zimmet und Kalbsfett." - Rezepte in alten Kochbüchern erscheinen uns heute oft sonderbar. Man kann sich nur wundern, wie viel Butter und Sahne früher in der großbürgerlichen Küche verbraucht wurde, während die "Arme-Leute-Küche" vor allem aus langweiligem Getreidebrei zu bestehen scheint. Die Essgewohnheiten der Menschen sind zu allen Zeiten ein Spiegel ihrer Kultur, ihrer ökonomischen Verhältnisse und der geographischen Gegebenheiten (schwedische Rezepte, in denen Unmengen von Pfirsichen verarbeitet werden, sind schon immer die Ausnahme gewesen!). Das Wissen über die Zubreitung von Lebensmitteln wurde schon früh in zunächst handschriftlichen Kochbüchern weitergegeben. Die Österreichische Nationalbibliothek in Wien hat eine große Sammlung von kostbaren und seltenen Kochbüchern, die in einer aufwändigen Ausstellung gezeigt wurden. Anlässlich dieser großartigen Ausstellung hat Kunst- und Kulturhistoriker Hannes Etzlstorfer den umfangreichen Band "Küchenkunst & Tafelkultur" herausgegeben.
Bei dem reich illustrierten Buch handelt es sich jedoch nicht um einen kommentierten Ausstellungskatalog, sondern um eine umfassende Darstellung der Entwicklung der Esskultur und Essgewohnheiten anhand von Büchern. Das beeindruckende Buch wurde insgesamt von sieben Autoren geschrieben, wodurch die Texte recht unterschiedlich sind. Herausgeber Hannes Etzlstorfer zeigt in seiner Einleitung "Horsd' aeuvre" wie sich die kulinarische Kreativität in den Kochbüchern widerspiegelt. Sein Text ist recht fremdwortlastig und voller Zitate.
In seinen Kapiteln über das Essen als Heilmittel zeigt der Kunsthistoriker Werner Telesko anhand von einigen ausgewählten Büchern wie die Menschen versucht haben, mit Hilfe des Essens gesund zu werden oder möglichst gesund zu leben. Werner Telesko stellt einzelne exemplarische Gesundheitsbücher vor, dabei gelingt es ihm auch für Laien verständlich zu erläutern, was die Besonderheit des vorgestellten Buches ausmacht. Leider werden jedoch die verwendeten antiquarischen Fachbegriffe (Inkunabeln, Codex...) nicht erläutert.
Der Kunsthistoriker und Judaist Michael Scheriau dagegen schreibt in seinen sehr lebendigen Kapiteln unter anderem über das Fasten, die Fleisch-, Fisch- und Gemüseküche sowie exotische Zutaten. In seinem Text nutzt er die Bücher, um seine Thesen zu illustrieren und zu belegen.
Autor Werner Sommer schreibt über das Werkzeug in der Küche und die Entwicklung der Küche vom Herdraum bis zur modernen offenen Küche mit Mikrowelle. Seine sehr informativen Kapitel enthalten viele dekorative Küchenansichten, Tafeln mit Küchenutensilien und Werbeplakate aus dem 20. Jahrhundert. Sehr nützlich ist auch sein kleines Wörterbuch der alten Kochbegriffe (Bardieren, Chiffonade, Salpikon...).
Wie vielfältig das Thema in dem Buch behandelt wird, zeigt sich an dem Kapitel "Tatort Küche - Über Gift, Erotik und Politik". Alle Kapitel des umfangreichen Buches "Küchenkunst & Tafelkultur" aufzuführen, sprengt den Rahmen. Es bleibt nur der Hinweis, das wirklich jeder Aspekt rund um das Essen, sei es als Spiegel der Antike, die Bedeutung von Tischsitten oder die Armenküche, berücksichtigt wurde. Es ist ein Genuss für die Augen, das schön gestaltete Buch zu lesen, das darüber hinaus außergewöhnlich informativ ist.
Das gewichtige Sachbuch "Küchenkunst & Tafelkultur" ist sehr reich mit farbigen Bildern illustriert. Der Leser kann so einen Blick auf antiquarische Kostbarkeiten werfen, die er sonst, wenn überhaupt, nur hinter dickem Glas zu sehen bekommt. Die Abbildungen zeigen unter anderem kolorierte Handschriften und Details aus alten Kupferstichen, aber auch Fotografien von Küchen und Köchen.
Damit der Leser noch einen besseren Eindruck von den vergangenen Eßgewohnheiten bekommt, sind über das Buch viele Originalrezepte aus den verschiedenen Epochen verteilt. Diese Rezepte nachzukochen ist sicher ein echtes kulinarisches Abenteuer. Damit man die Rezepte im Text leicht wieder finden kann, sind sie in Rot gedruckt. Im Anhang des Buches befindet sich eine umfangreiche Literaturliste sowie ein Register der Kochbücher, Gerichte und Rezepte.
"Küchenkunst & Tafelkultur" ist eine Fundgrube für alle Bücherliebhaber, Freunde des guten Essens und allen, die neugierig sind, zu erfahren, wie sich die Esskultur verändert hat!
(c) Maren Gierth von Literaturtipp.com