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Im Zwielicht der Zeit
Don DeLillo zeigt grosses Format in kleiner Form
Was stand zu erwarten nach Don DeLillos letztem Roman, «Underworld»: jenem monumentalen Panorama, das Amerikas Kultur und Gesellschaft unter dem langen Schlagschatten des Kalten Krieges ausforschte? Gewiss bei diesem nie auf Öffentlichkeit und schnellen Erfolg bedachten Autor kein Versuch in eine ähnliche Richtung, keine aus Resten der gewaltigen Materialfülle des Vorgängerwerks angerichtete kalte Platte. Aber auch nicht unbedingt die Überraschung des schmalen, kammerspielhaften Romans «Körperzeit», der den Blick auf eine bisher weitgehend bedeckt gehaltene Seite des Schriftstellers öffnet. DeLillos bekannte Stärken eine lichtstarke, in jedem Klang und Takt ausgehorchte Prosa, ein von hintergründiger literarischer Intelligenz gesteuerter Eigensinn werden hier für einmal nicht in eine kritische Durchleuchtung der Zeitgeschichte investiert, sondern in den Dienst eines intimen Seelendramas gestellt: in einem Buch, das Gehalt und Gestalt auf höchster und doch einsehbarer Ebene zur Deckung bringt.
Den ersten, schlichten Satz, der gleich von einer funkelnden Prosapassage in den Schatten gestellt wird, überliest man leicht: Die Zeit scheint zu vergehen. Um nachher die Sprache ist bereits wieder zu dem gespannt-gemässigten Gang zurückgekehrt, der in der Folge das Werk bestimmt behutsam erneut an das Widerspiel zwischen dem (scheinbar?) objektiven Kontinuum der Zeit und der subjektiven Wahrnehmung herangeführt zu werden. Wie im Verlangsamer zeigt die erste Szene ein Paar beim Frühstück: die müssige Choreographie des Suchens nach Löffel, Saftkarton, Teebeutel, des Bückens, Reckens und gegenseitigen Ausweichens; die stillschweigende Übereinkunft, dass der Kaffee «sein» Kaffee, die Zeitung eigentlich «ihre» ist, die im Gleichen Vertrautheit und Nicht-eins-Sein markiert; die Bemerkungen, die fallengelassen und öfters erst verstanden werden, wenn sie schon beantwortet sind. Kleine Verwerfungen und Lücken in der Naht dieser häuslichen Zweisamkeit welche das nächste Kapitel schroff zerreisst: ein offensichtlich von beflissener Journalistenhand zusammengeschusterter Nachruf teilt mit, dass sich der Mann, einst ein erfolgreicher Filmregisseur, das Leben genommen habe.
Un-Zeit der Trauer
Lauren, die wesentlich jüngere Ehepartnerin, stürzt durch diesen Riss in die Un-Zeit der Trauer, muss lernen, «die Zeit zu organisieren, bis sie wieder leben konnte». Bis in Sekundenbruchteile hinein leuchtet DeLillo dieses peinvolle Zeitmass aus; den Moment des Erwachens etwa, den höllischen Funkensprung des Bewusstseins, «sich an etwas zu erinnern und im selben Atemzug zu wissen, was es war». Lauren werkt fahrig mit Putzmitteln und antiseptischen Sprays, verkriecht sich derweil in schmuddlige Pullover; richtet ihr Essen wie eine notwendige Opfergabe an eine ferne und sehr gleichgültige Gottheit oder versenkt sich mit fast mystischem Staunen in den Anblick einer Packung Semmelbrösel zum ersten Mal wirklich gewahr, dass so etwas existiert. Verbringt Stunden vor dem Computerbildschirm, wo eine Videokamera die Betrachterin in Echtzeit über die spärlichen Ereignisse auf der Hauptstrasse der finnischen Kleinstadt Kotka auf dem Laufenden hält.
Ein Geräusch dringt in diese Rituale, ein Störfaktor, der schon in dem letzten Gespräch des Paars Erwähnung fand. Lauren geht ihm nach und findet einen Geistesgestörten? eine Projektion ihres eigenen seelischen Vakuums? Ein Geschöpf jedenfalls, das nicht nur irgendwo in der Entwicklung vom Kind zum Mann hängengeblieben, sondern überhaupt ausserhalb unserer Massgaben von Zeit und Identität zu leben scheint. Vergeblich sucht ihm Lauren Auskünfte über seine Person abzunötigen und verfängt sich dabei schon auf der einfachsten Ebene im Fangnetz der Sprache: Der Versuch, ein Wort wie «Mutter» zu erklären, zerfasert in ungleich komplizierteren Begrifflichkeiten, und nicht einmal die vermeintlichen Universalien der Körpersprache schaffen Gemeinsamkeit. Wie der Blauhäher, der in der ersten Sequenz des Romans Lauren durch die Fensterscheibe betrachtet (oder ist es nur sie, die, das Tier betrachtend, sich von ihm wahrgenommen wähnt?), scheint der Fremde menschliche Lebens- und Umgangsformen lediglich als Aussenstehender wahrzunehmen fähig, sie zu imitieren, nicht aber, sie zu teilen.
Fähig, sie zu imitieren: Immer deutlicher teilt sich seine Stimme in drei, trägt Echos von Laurens Gesprächen mit dem verstorbenen Ehemann in die Gegenwart. Und eines Tages wird Lauren realisieren, dass der Gast, der in seinen erratischen Äusserungen Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsform unbefangen mischt und gelegentlich in fast beckettsche Meditationen über die Grammatik der Vergänglichkeit abdriftet, im wahrsten Sinne auch die Zukunft voraus-gesagt hat. Es kann ein Zufall gewesen sein: Aber das Zusammenstürzen der Zeitebenen lässt für einen Moment das Unmögliche die Rückkehr des geliebten Toten möglich scheinen.
Gelöschte Identität
Wie spiegelbildlich zu dem Fremden legt auch Lauren ihre Identität ab: «The Body Artist» heisst DeLillos Roman im Original, und die entsprechende Kunstform Performance ist die Disziplin der Protagonistin. Wo sich die Konturen des namenlosen Gastes in verletzlicher Durchlässigkeit aufzulösen scheinen, da durchbricht Lauren ihre Grenzen, indem sie ihrem Körper das Letzte und dann noch etwas darüber hinaus abnötigt; wo fremde Stimmen und Gesten widerstandslos in seinen Körper einzudringen und ihn zu lenken vermögen, da probt Lauren zu Hunderten von Malen denselben trivialen Bewegungsablauf: auf die Uhr sehen; einem Taxi winken. Und wo sein weicher, farbloser, von zufälligen Kleidungsstücken geschützter Körper «kaum etwas ausdrückt», da attackiert Lauren den ihrigen mit Bimsstein und Feilen, Peeling und Bleichmitteln, um ihr Selbst zu neutralisieren: Ich bin Lauren. Aber immer weniger, heisst es gegen Ende des Buches.
DeLillos Roman ist nicht so trostlos, wie es diese Skizze anzudeuten scheint. Die Spannungsbögen, welche das souveräne Spiel mit retardierenden Momenten und motivischen Wiederholungen über den ohnehin schon kompakten Text legen, treiben einen atemlos und doch immer wieder innehaltend durch die erste Lektüre zurückblätternd, kleine Wunder der Beobachtung nach- und wiederlesend, etwa Laurens an ihr rätselhaftes Gegenüber gerichtete Frage: Warum denke ich eigentlich, dass ich näher bei dir stehe als du bei mir? Ein so trügerisches wie wahres Paradox, das auch weniger fremdartige Paare plagen dürfte, ohne dass sie es so präzis zu Wort und Bewusstsein zu bringen vermöchten.
Die Art, wie DeLillo seine eindringliche Meditation über Verlust und Zeit nicht nur ausspricht, sondern als Textgestalt erschafft, die schlanke Perfektion der Prosa die freilich im Deutschen selbst für den versierten und disziplinierten Übersetzer Frank Heibert nur schwer einzuholen ist machen allein schon das Buch zu einem raren Leseglück; die eigenartige Mischung aus Diskretion und Dringlichkeit, mit der hier der Blick auf Schnittpunkte philosophischer Reflexion und existenzieller Erfahrung gelenkt wird, wirkt weit über die fast zwangsläufig: mehrmalige Lektüre des Buches hinaus.
Angela Schader
'Ein Autor, dessen Blick die Oberfläche durchdringt.' (Sigrid Löffler)
'Don DeLillo schreibt die vielleicht aufregendste Prosa unserer Zeit... Man ist ständig versucht, die großartigen Sätze laut vorzulesen.' (Die Welt)
'DeLillo hat eine eigene Stimme, harsch, zerklüftet, beunruhigend eloquent.' (Anthony Burgess, The Saturday Review)
'DeLillo schafft es, unserem Jahrhundert seine eigene Melodie vorzuspielen und es zum Tanzen zu bringen... Man möchte heulen, so schön ist das.' (Michael Althen über 'Unterwelt', Süddeutsche Zeitung)
'Sätze wie Musik komponiert, hier ein symphonischer Klang, dort ein hartes Riff, hier eine Canzone und dort ein paar Blue Notes. UnterweltÜ ist ein überwältigender Chorus.' (Peter Körte, Frankfurter Rundschau)