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Körperzeit [Gebundene Ausgabe]

Don DeLillo , Don de Lillo
3.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 134 Seiten
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch (März 2001)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3462029738
  • ISBN-13: 978-3462029734
  • Größe und/oder Gewicht: 20,1 x 12,1 x 1,7 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 495.984 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Don DeLillo
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Im Zwielicht der Zeit

Don DeLillo zeigt grosses Format in kleiner Form

Was stand zu erwarten nach Don DeLillos letztem Roman, «Underworld»: jenem monumentalen Panorama, das Amerikas Kultur und Gesellschaft unter dem langen Schlagschatten des Kalten Krieges ausforschte? Gewiss – bei diesem nie auf Öffentlichkeit und schnellen Erfolg bedachten Autor – kein Versuch in eine ähnliche Richtung, keine aus Resten der gewaltigen Materialfülle des Vorgängerwerks angerichtete kalte Platte. Aber auch nicht unbedingt die Überraschung des schmalen, kammerspielhaften Romans «Körperzeit», der den Blick auf eine bisher weitgehend bedeckt gehaltene Seite des Schriftstellers öffnet. DeLillos bekannte Stärken – eine lichtstarke, in jedem Klang und Takt ausgehorchte Prosa, ein von hintergründiger literarischer Intelligenz gesteuerter Eigensinn – werden hier für einmal nicht in eine kritische Durchleuchtung der Zeitgeschichte investiert, sondern in den Dienst eines intimen Seelendramas gestellt: in einem Buch, das Gehalt und Gestalt auf höchster und doch einsehbarer Ebene zur Deckung bringt.

Den ersten, schlichten Satz, der gleich von einer funkelnden Prosapassage in den Schatten gestellt wird, überliest man leicht: Die Zeit scheint zu vergehen. Um nachher – die Sprache ist bereits wieder zu dem gespannt-gemässigten Gang zurückgekehrt, der in der Folge das Werk bestimmt – behutsam erneut an das Widerspiel zwischen dem (scheinbar?) objektiven Kontinuum der Zeit und der subjektiven Wahrnehmung herangeführt zu werden. Wie im Verlangsamer zeigt die erste Szene ein Paar beim Frühstück: die müssige Choreographie des Suchens nach Löffel, Saftkarton, Teebeutel, des Bückens, Reckens und gegenseitigen Ausweichens; die stillschweigende Übereinkunft, dass der Kaffee «sein» Kaffee, die Zeitung eigentlich «ihre» ist, die im Gleichen Vertrautheit und Nicht-eins-Sein markiert; die Bemerkungen, die fallengelassen und öfters erst verstanden werden, wenn sie schon beantwortet sind. Kleine Verwerfungen und Lücken in der Naht dieser häuslichen Zweisamkeit – welche das nächste Kapitel schroff zerreisst: ein offensichtlich von beflissener Journalistenhand zusammengeschusterter Nachruf teilt mit, dass sich der Mann, einst ein erfolgreicher Filmregisseur, das Leben genommen habe.

Un-Zeit der Trauer

Lauren, die wesentlich jüngere Ehepartnerin, stürzt durch diesen Riss in die Un-Zeit der Trauer, muss lernen, «die Zeit zu organisieren, bis sie wieder leben konnte». Bis in Sekundenbruchteile hinein leuchtet DeLillo dieses peinvolle Zeitmass aus; den Moment des Erwachens etwa, den höllischen Funkensprung des Bewusstseins, «sich an etwas zu erinnern und im selben Atemzug zu wissen, was es war». Lauren werkt fahrig mit Putzmitteln und antiseptischen Sprays, verkriecht sich derweil in schmuddlige Pullover; richtet ihr Essen wie eine notwendige Opfergabe an eine ferne und sehr gleichgültige Gottheit oder versenkt sich mit fast mystischem Staunen in den Anblick einer Packung Semmelbrösel – zum ersten Mal wirklich gewahr, dass so etwas existiert. Verbringt Stunden vor dem Computerbildschirm, wo eine Videokamera die Betrachterin in Echtzeit über die spärlichen Ereignisse auf der Hauptstrasse der finnischen Kleinstadt Kotka auf dem Laufenden hält.

Ein Geräusch dringt in diese Rituale, ein Störfaktor, der schon in dem letzten Gespräch des Paars Erwähnung fand. Lauren geht ihm nach und findet – einen Geistesgestörten? eine Projektion ihres eigenen seelischen Vakuums? Ein Geschöpf jedenfalls, das nicht nur irgendwo in der Entwicklung vom Kind zum Mann hängengeblieben, sondern überhaupt ausserhalb unserer Massgaben von Zeit und Identität zu leben scheint. Vergeblich sucht ihm Lauren Auskünfte über seine Person abzunötigen – und verfängt sich dabei schon auf der einfachsten Ebene im Fangnetz der Sprache: Der Versuch, ein Wort wie «Mutter» zu erklären, zerfasert in ungleich komplizierteren Begrifflichkeiten, und nicht einmal die vermeintlichen Universalien der Körpersprache schaffen Gemeinsamkeit. Wie der Blauhäher, der in der ersten Sequenz des Romans Lauren durch die Fensterscheibe betrachtet (oder ist es nur sie, die, das Tier betrachtend, sich von ihm wahrgenommen wähnt?), scheint der Fremde menschliche Lebens- und Umgangsformen lediglich als Aussenstehender wahrzunehmen – fähig, sie zu imitieren, nicht aber, sie zu teilen.

Fähig, sie zu imitieren: Immer deutlicher teilt sich seine Stimme in drei, trägt Echos von Laurens Gesprächen mit dem verstorbenen Ehemann in die Gegenwart. Und eines Tages wird Lauren realisieren, dass der Gast, der in seinen erratischen Äusserungen Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsform unbefangen mischt und gelegentlich in fast beckettsche Meditationen über die Grammatik der Vergänglichkeit abdriftet, im wahrsten Sinne auch die Zukunft voraus-gesagt hat. Es kann ein Zufall gewesen sein: Aber das Zusammenstürzen der Zeitebenen lässt für einen Moment das Unmögliche – die Rückkehr des geliebten Toten – möglich scheinen.

Gelöschte Identität

Wie spiegelbildlich zu dem Fremden legt auch Lauren ihre Identität ab: «The Body Artist» heisst DeLillos Roman im Original, und die entsprechende Kunstform – Performance – ist die Disziplin der Protagonistin. Wo sich die Konturen des namenlosen Gastes in verletzlicher Durchlässigkeit aufzulösen scheinen, da durchbricht Lauren ihre Grenzen, indem sie ihrem Körper das Letzte und dann noch etwas darüber hinaus abnötigt; wo fremde Stimmen und Gesten widerstandslos in seinen Körper einzudringen und ihn zu lenken vermögen, da probt Lauren zu Hunderten von Malen denselben trivialen Bewegungsablauf: auf die Uhr sehen; einem Taxi winken. Und wo sein weicher, farbloser, von zufälligen Kleidungsstücken geschützter Körper «kaum etwas ausdrückt», da attackiert Lauren den ihrigen mit Bimsstein und Feilen, Peeling und Bleichmitteln, um ihr Selbst zu neutralisieren: Ich bin Lauren. Aber immer weniger, heisst es gegen Ende des Buches.

DeLillos Roman ist nicht so trostlos, wie es diese Skizze anzudeuten scheint. Die Spannungsbögen, welche das souveräne Spiel mit retardierenden Momenten und motivischen Wiederholungen über den ohnehin schon kompakten Text legen, treiben einen atemlos und doch immer wieder innehaltend durch die erste Lektüre – zurückblätternd, kleine Wunder der Beobachtung nach- und wiederlesend, etwa Laurens an ihr rätselhaftes Gegenüber gerichtete Frage: Warum denke ich eigentlich, dass ich näher bei dir stehe als du bei mir? Ein so trügerisches wie wahres Paradox, das auch weniger fremdartige Paare plagen dürfte, ohne dass sie es so präzis zu Wort und Bewusstsein zu bringen vermöchten.

Die Art, wie DeLillo seine eindringliche Meditation über Verlust und Zeit nicht nur ausspricht, sondern als Textgestalt erschafft, die schlanke Perfektion der Prosa – die freilich im Deutschen selbst für den versierten und disziplinierten Übersetzer Frank Heibert nur schwer einzuholen ist – machen allein schon das Buch zu einem raren Leseglück; die eigenartige Mischung aus Diskretion und Dringlichkeit, mit der hier der Blick auf Schnittpunkte philosophischer Reflexion und existenzieller Erfahrung gelenkt wird, wirkt weit über die – fast zwangsläufig: mehrmalige – Lektüre des Buches hinaus.

Angela Schader

Pressestimmen

'Ein Autor, dessen Blick die Oberfläche durchdringt.' (Sigrid Löffler)
'Don DeLillo schreibt die vielleicht aufregendste Prosa unserer Zeit... Man ist ständig versucht, die großartigen Sätze laut vorzulesen.' (Die Welt)
'DeLillo hat eine eigene Stimme, harsch, zerklüftet, beunruhigend eloquent.' (Anthony Burgess, The Saturday Review)
'DeLillo schafft es, unserem Jahrhundert seine eigene Melodie vorzuspielen und es zum Tanzen zu bringen... Man möchte heulen, so schön ist das.' (Michael Althen über 'Unterwelt', Süddeutsche Zeitung)
'Sätze wie Musik komponiert, hier ein symphonischer Klang, dort ein hartes Riff, hier eine Canzone und dort ein paar Blue Notes. UnterweltÜ ist ein überwältigender Chorus.' (Peter Körte, Frankfurter Rundschau)

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Zu Besuch 23. Januar 2008
Von Polar
Format:Taschenbuch
Geschichten, die Menschen bei ihrer Trauerarbeit zeigen, rutschen leicht ins Melodramatische ab. Eine Gefahr, die bei einem ausgezeichneten Autor wie Don DeLillo nicht gegeben ist. Körperzeit kommt eher wie eine Gedankenspielerei daher, als das Gedächtnis eines Verstorbenen bei seiner Ehefrau auftaucht. Trotzdem verfängt die Handlung nicht richtig. Das intellektuelle Spiel wirkt an vielen Stellen zu konstruiert. Man ist facettenreichere Geschichten, bizarre Schärfe von DeLillo gewohnt. Zu gefangen in einem Konzept erscheint einem Körperzeit, so dass das Unwahrschenliche unwahrscheinlich bleibt. Nur etwas für eingefleischte DeLillio-Fans.
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Unter die Haut 21. Februar 2001
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Ein neuer Roman von Don Delillo. Aber wo bleibt die Politik, wo die Verschwörung? Irgendwie anders dieser Roman. Vielleicht. Irgendwie. Nach der nomadischen Wanderung durch die nordamerikanische Kultur des Kalten Krieges - „Unterwelt" - nun der Roman um ein Ehepaar. Irgendwie. Rey Robles, 64jähriger Filmregisseur mit Kultstatus, und Lauren, seine 36jährige dritte Frau, Konzeptkünstlerin. Ihr Vater Archäologe, ihre Mutter starb als sie neun war. Sein Vater starb im Spanischen Bürgerkrieg, er wurde geboren in Barcelona, wuchs auf in der Sowjetunion, dann Paris, dann Los Angeles. Er fährt nach New York und bringt sich im Appartment seiner ersten Frau um. Und was hätte Delillo daraus machen können... Zufall, Vandalismus und Verschwörung, Popkultur, Paranoia und Konsumentengewalt, Serienkiller und Minigolf, Schmerz, Ekstase und Hundefutter, Kettenreaktion, Anrufbeantworter und Spieltheorie, automatische Türen, vermisste Kinder auf Milchkartons und Linguistik. Irgendwie hat sich Delillo sehr zurückgenommen in diesem Roman, der auch nur knapp über einhundert Seiten lang ist. Aber er ist natürlich auch ein Heiliger auf der Suche nach Gott. In seinem gesamten bisherigen Werk gibt es Einflüsse religiöser Natur, Spuren von Buddha, Zen oder Tao. Man denke nur an die Sekte der Serienkiller Ta Onomata in „Die Namen". Rekursive Unentscheidbarkeit. Und Descartes wurde ohne seine rechte Hand beerdigt. Es geht in diesem Roman um die Sprache, um unser Angebot an Gott. Heilige sprechen mit den Vögeln, aber nur Verrückte bekommen eine Antwort. Lauren ist trotz disziplinierter Einsamkeit nicht allein in ihrem Haus. Sie schaltet ihren Computer an und schaut sich ein Live-Stream-Video an, eine Strasse in der Stadt Kotka in Finnland. Leerer Asphalt. Und wenn sie nicht gerade die Vögel füttert oder das Telefon klingeln lässt, dann bringt sie ihren Körper auf Vordermann, irgendwie. Und da ist ein Mann in ihrem Haus, sie nennt ihn Mr. Tuttle, dem sie aus einem Anatomiebuch vorliest, ihm Fragen stellt, und seine Antworten mit jenem Kassettenrecorder aufzeichnet, auf dem ihr Mann seine Filmideen festhielt. Nach „Unterwelt" sind in Deutschland zwei weitere Bücher von Delillo erschienen, „Bluthunde" und „Valparaiso", und dieser neue Roman von ihm ist gerade erst im Original erschienen, da liegt er erfreulicherweise auch in der Übersetzung von Frank Heibert auf deutsch vor. Und Mr. Tuttle spricht. Und da dies auf den ersten Blick irgendwie an den Monolog von Lucky aus „Warten auf Godot" erinnert, und erst auf den zweiten uns daran gemahnt, das zum einen unser Körper ein Gefängnis ist und zum anderen es keine Zeit gibt, eine kleine exquisite Passage aus dem Original, Mr. Tuttle sprechend: „Coming and going I am leaving. I will go and come. Leaving has come to me. We all, shall all, will all be left. Because I am here and where. And I will go or not or never. And I have seen what I will see. If I am where I will be. Because nothing comes between me." Wenn nichts dazwischen kommt wird dieser Roman von Don Delillo seine Leserschaft finden. Ganz zweifellos.
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Nicht nur ist dieser Trauer-, Verlustbewältigungs- und Künstlerkitschroman ein prätentiöser Vollschmarren, leider reiht sich in Frank Heiberts nur scheinbar deutscher, sich hilflos von Wort zu Wort und von Satz zu Satz hangelnder "Übersetzung" obendrein eine Stilblüte an die andere, so daß sich im ganzen Buch kaum ein vernünftiger Satz findet, dafür aber jede Menge Unfug à la: "Hier sein ist zu mir gekommen", "... am Tag nach dem Sturm, wenn jedes fallende Blatt von Selbstgewißheit durchbohrt ist" oder: "Die Zeitungen teilten sie sich, den Computer benutzten sie beide, aber geistig war es ihrer." In jeder Hinsicht eine Zumutung.
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