Scham und Ekel werden in der Philosophie zumeist in einer abstrakten oder metaphorischen Form diskutiert, die die körperliche Seite dieser beiden starken Affekte außer Acht läßt. Die Autorin schließt an Hans Peter Duerrs Universalitätsthese von Scham und Ekel an und zeigt, daß diese beiden Affekte für vernünftiges Handeln notwendig sind, wobei Vernünftigkeit hier vor allem pragmatisch als Zweckrationalität verstanden wird, als Anpassungsfähigkeit an die soziale Umwelt. Bemerkenswert ist der von der Autorin gewählte Ansatzpunkt. Sie interpretiert ihre Erfahrungen aus ihrer Arbeit mit Krankenpflegepersonal und dessen Probleme bei der Bewältigung von (eigenem) Ekel und (fremder) Scham. Auch die zugrunde gelegte Literatur stammt - mangels philosophischer Untersuchungen zu Körperscham und Ekel - zu einem großen Teil aus der Geschichte, Ethnologie, Psychologie und der historischen Anthropologie. Beide Ausgangspunkte sorgen dafür, daß von der Antike übers Mittelalter bis in die Neuzeit sämtliche nur denkbaren scham- und ekelerregenden Stoffe, Sekrete und sonstige Körperinhalte, Gerüche, Situationen, Vor- und Einrichtungen, Körperöffnungen etc. diskutiert werden, was eine sehr interessante Lektüre ergibt.
Das erste Kapitel untersucht zunächst die Scham von einer phänomenologischen Perspektive aus, um sich ihr dann entwicklungspsychologisch besonders unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung des Ich-Bewußtseins und der Selbstreflexion zu nähern, die das Schamgefühl zur Vorausetzung haben. Der dritte Abschnitt behandelt die Duerr-Elias-Debatte über die Universalität von Scham und Ekel, und zwar anhand der Frage nach der Möglichkeit von Schamlosigkeit, die es geben müßte, wenn Scham für vernünftiges Handeln nicht notwendig wäre. Die These von Elias, daß vor dem 16. Jahrhundert Scham, aber auch Ekel und sonstige Affektkontrollen fehlten, widerspricht nicht nur den mittlerweile besser bekannten Fakten, sondern hat, wie die Autorin betont, eine problematische Auffassung der Geschichte als eine durch soziale Gesetze bestimmte Weiterentwicklung von der Schamlosigkeit zur Scham und von der Ekellosigkeit zum Ekel zur nicht weiter reflektierten Voraussetzung. Die Autorin macht schließlich deutlich, daß es nicht um die Frage geht, ob Scham und Ekel angeboren oder erlernt sind, sondern darum, ob sie universell und notwendig für soziales und vernünftiges Handeln sind.
Das zweite Kapitel „Ekel und Scham" arbeitet die Universalität und Notwendigkeit des Ekelgefühls phänomenologisch und empirisch an den Beispielen Ekel gegenüber Leichen und Verwesung, Abfällen, Ausscheidungen und in Zusammenhang mit Sex, Zeugung, Geburt und Umgang mit Säuglingen heraus. Ein Abschnitt über Ekel und Medizin behandelt den Umgang mit Ekel von PflegerInnen und ÄrztInnen und der Scham von PatientInnen in Untersuchungs-und Pflegesituationen: Wofür Patienten sich schämen, davor ekeln sich die PflegerInnen und ÄrtztInnen.
Im letzten Teil des Buches wird der Einsatz stoischer und buddhistischer Distanzierungstechniken und -übungen in der Pflegepraxis diskutiert, nicht zuletzt um die Relevanz der Philosophie für Pflege und Medizin zu illustrieren. Die Autorin weist auf die Gemeinsamkeit zwischen den stoischen Distanzierungstechniken und dem Umgang mit Ekel, der sich aus dessen Notwendigkeit ergibt, hin: Aus der Notwendigkeit des Ekels ergibt sich die Unsinnigkeit der verbreiteten Auffassung, man könne sich z. B. als PflegerIn Ekel durch lange Gewohnheit abtrainieren. Ähnlich forderten auch die Stoiker und Buddhisten nicht, daß man das Ekelhafte und Negative ausblendet, sondern daß man sich mit Hilfe bestimmter Übungen auf seine Unvermeidlichkeit vorbereitet, um nicht von ekelhaften Situationen überrascht zu werden.
Das Buch kombiniert auf originelle Weise philosophische Überlegungen mit empirischen Ergebnissen und persönlichen Erfahrungen der Autorin und leistet einen wertvollen Beitrag zu der von allen Seiten geforderten aber selten realisierten Interdisziplinarität. Zugleich demonstriert es die Relevanz philosophischer Argumente für die Praxis.