Chirurgen gelten im Allgemeinen nicht als die großen Dichter, Denker und Schriftsteller in der ärztlichen Zunft. Eher schätzt man ihre zupackenden oder sezierenden Qualitäten. Paaren sich letztere freilich mit literarischem Talent und Wortgewandtheit, darf man ebenso spannende wie eingängige und scharfsinnige Texte erwarten. Bernd Hontschik ist ein erfolgreicher Chirurg und ein vortrefflicher Autor, und in seinem Buch Körper, Seele, Mensch" seziert er und er packt zu, mit Worten und Gedanken statt mit Skalpell und Zange. Er prangert die zunehmende Bürokratisierung in der ärztlichen Versorgung an, geißelt die kalte Ökonomisierung der Medizin und das Auseinanderdriften von zwei Medizinen": eine, die sich - wie kompetent auch immer - um kranke Körper kümmert, ohne sich für die Seelen zu interessieren (die so genannte somatische" Medizin), und eine zweite, die sich auf leidende Seelen konzentriert, ohne den dazu gehörenden Körper zu beachten (die so genannte psychotherapeutische Medizin). Der vor zwei Jahren verstorbene Thure von Uexküll, Nestor der deutschen Psychosomatik, hat die Überwindung dieses Dualismus wie kein zweiter zu seinem Lebenswerk gemacht, und so ist Bernd Hontschiks Buch gleichzeitig eine Hommage an diesen großen Arzt und Naturphilosophen (mit dem gemeinsam er bereits vor Jahren das großartige Buch Psychosomatik in der Chirurgie" herausgegeben hatte). Kritische Bestandsaufnahmen unseres Gesundheitswesens und der Bedingungen, unter denen Ärzte arbeiten und Patienten gesund werden sollen, sind zu Zeiten des politischen Herumdokterns an einer Gesundheitsreform" nicht gerade selten, und mancher potentielle Leser mag bei den von Hontschik fokussierten Themen denken nicht noch so ein Buch...". Es wäre schade, wenn er es beiseite legen würde, denn von der ersten Seite an fesselt Hontschik mit seiner klaren, kräftigen Sprache, seinen plastischen Fallbeispielen, und selbst da, wo es um die (unerlässlichen) theoretischen Grundlagen einer humanen Medizin wie Semiotik und Konstruktivismus geht, bleibt er verständlich, konkret und erfrischend unakademisch. Bereits vor vielen Jahren verblüffte Hontschik mit einer (vom Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin preisgekrönten) Arbeit, in der er nachwies, dass viele Blinddarmoperationen bei jungen Mädchen nicht etwa in Folge echter krankhafter Veränderungen am Wurmfortsatz durchgeführt wurden, sondern als Ergebnis einer bizarren Interaktion zwischen den Patientinnen, ihren fordernden Müttern und nachgiebigen meist jungen Ärzten (in dem neuen Buch schildert er diese Dynamik in einem Kapitel mit dem aparten Titel Mein Blinddarm, mein Motorrad und ich"). Spätestens seit dieser Erfahrung ist für Hontschik die Einheit von Körper, Seele und sozialem Ökosystem zum beherrschenden Thema geworden. Sowohl in seinen Publikationen, als auch in seiner Arbeit im Vorstand der von Thure von Uexküll gegründeten Akademie für Integrierte Medizin", als auch in seiner (chirurgischen!) Arbeit bei seinen Patienten - wie einige von ihnen berichten. Ich selbst gehörte bisher nicht dazu zu, und wenn man das Buch liest, ist man fast versucht zu sagen: leider...!).
"Körper, Seele, Mensch" ist das erste Buch der neuen Suhrkamp-Reihe medizinHuman", die von Bernd Hontschik konzipiert wurde und die er kuratiert und deren bisherige Bände sämtlich aufhorchen lassen, weil sie dem Anspruch, den das Logo der Kollektion erhebt, gerecht werden: zu zeigen, dass auch in diesen Zeiten kalter Kalkulationen mit Humankapital" und Leistungserbringern" eine Medizin mit menschlichem Gesicht möglich ist.
Wulf Bertram