Wer hat sich nicht schon mal die Frage gestellt, wie Menschen, die täglich oder häufig mit Verstorbenen - mit Leichen - zu tun haben, dies verkraften? Wie gehen sie damit um? Wie ist man im Laufe der Jahrhunderte damit umgegangen, wenn der Tote im eigenen Haus aufgebahrt wurde?
Der Mythos, dass Menschen, die mit Toten beruflich konfrontiert werden, unbelastet damit umgehen, weil sie sich daran gewöhnen, wird durch dieses Buch zerstört. Es zeigt, wie belastend der Umgang mit Toten, mit dem Leichnam für den Menschen ist und immer schon war. Dass wir das Sterben heute ausgrenzen aus unserer Wohnung, heißt auch nicht unbedingt, dass man früher keine Ängste und Ekelgefühle vor dem Toten kannte. Auch PathologInnen, AnatomInnen, GerichtsmedizinerInnen und PflegerInnen haben zwar beruflich mit toten Körpern zu tun, sie nehmen diese Arbeit allerdings sehr wohl als Belastung wahr. Jeder von ihnen hat sich aber Strategien zurechtgelegt, um die dauernde Konfrontation mit Sterben und Tod, mit Leichen und Verfall auszuhalten. Norbert Stefenellis "Körper ohne Leben" ist eine 933 Seiten starke Aufsatzsammlung in der MedizinerInnen, HistorikerInnen, KunsthistorikerInnen, PflegerInnern, Philosophen, TheologInnen, Bestatter ... zu Wort kommen, wie sie dem toten Körper begegnen bzw. wie dem toten Körper in den vergangenen Jahrhunderten begegnet wurde. Sicherlich eines der spannendsten wissenschaftlichen Bücher, das ich je gelesen habe. Tipp: Unter Tags lesen - nicht am Abend!