Deutscher Rock und Pop-Rock ist zwar in den letzten drei Jahren radiofähig geworden, was aber noch fehlte, war filigraner Pop mit Rock-, Soul- und Funk-Elementen, mit gespielten statt geschrammelten Gitarren, tiefgründigen Texten und einer variablen Lead-Stimme, die mehr als eine Stimmlage schafft und noch mit Reserven ausgestattet ist. Was fehlte, war auch mehrstimmiger Gesang, etwa durch einen starken Background-Chor.
Genau diese Lücke im Bereich des deutschen Pop-Rock schließt Königwerq, die Anfang Juli 2005 ihr Debutalbum mit demselben Namen auf den Markt gebracht haben. Es ist ein großer Wurf geworden. Alle Songs haben eine sehr hohe Qualität. Wer mich nach Anspieltipps fragt, bekommt gleich eine unverschämt hohe Anzahl von Titeln genannt („die glorreichen Sieben"): Komm her, Halt mich auf, König des Leids, Vergib mir, Leben, Zukunftsmusik und König ohne Land muss man gehört haben. Dazu gibt es dann noch drei Gute-Laune-Songs als Starter (Mann im Mond, Unschlagbar, Sommersong), und auch der nicht explizit genannte Rest des Albums ist hörenswert, es gibt keinen kein Skip-Song.
Die musikalische Qualität, die Virtuosität der einzelnen Musiker, ist sowieso unbestritten. Alle stammen aus Musikhochschulen oder der Mannheimer Pop-Akademie und beherrschen ihre Instrumente, die Stimme der Lead-Sängerin Dania König setzt noch ein extremes Highlight darauf. Die Variabilität und Sicherheit findet sich nicht in anderen, derzeit radiokompatiblen deutschen Pop-Rock-Bands zusammen. Wo andere am Ende sind, scheint Dania König erst anzufangen. Und wie selbstverständlich stammen natürlich alle Texte und Kompositionen (bis auf ein Sting-Cover) meist von Dania König, auf jeden Fall aber immer von Königwerq.
Haare in der Suppe? Nur wenige: Leider, leider, ist der lange Instrumentalteil von Komm her als „hidden track" ans Ende des Albums verbannt worden. Warum nur? Der oft flimmernde Synthesizer-Sound ist manchmal gewöhnungsbedürftig, gerade für Hammond- und Fender-Rhodes-Fans. Manche Songs sind etwas glatt produziert und live knackiger. Das Album ist etwas kurz, die 70-Minuten-Spielzeit durch eine integrierte 10-Minuten-Pause vor dem „Hidden Track" etwas geschönt.
Das Hauptproblem des Albums ist aber dieser Titel 8, Vergib mir. Beim ersten Anhören klemmte dort plötzlich der CD-Spieler. Die Fernbedienung zog meinen Zeigefinger am Ende des Songs immer magisch auf die Skip-Back-Taste. Man kam an diesem Titel nicht vorbei. Tagelang nicht. Vergib mir ist das deutsche „Stairway to Heaven". Analoger Aufbau in der Dramaturgie, ein langes Intro mit Akustikgitarre, zur ersten Strophe dann die Akustikgitarre mit drohender Basstrommel, zum Refrain ein Cello und ein tiefer Bass, dann zur zweiten Strophe die Akustikgitarre mit Orgelunterstützung, zum zweiten Refrain setzt neben dem Cello eine Flöte ein. Nach 3:30 könnte eine tolle Ballade zu Ende gehen. Dann schleicht sich plötzlich eine E-Gitarre langsam in den Vordergrund, bis sie das Kommando übernimmt. Einige harte Schlagzeug-Schläge, dann ein episches Ende als zweiminütige Rockhymne mit voller Band und Streichern, mit tollem Background-Gesang, extrem druckvoll. Zum Ausspannen dann ein ruhiges Ende nur mit Klavier-Untermalung. Nach dem Ende braucht man eigentlich erst einmal eine längere Denkpause
Mein Fazit: Ein tolles Debutalbum. Filigraner deutscher Pop mit viel Groove. Ein durchgängig gutes Album mit sieben Anspieltipps - und in „Vergib mir" mit einer ganz selten gewordenen Perle. Ein Album, das in jedes CD-Regal gehört, das von sich behauptet, gute Musik zu beinhalten. Die Musik aus den 70ern von Toto, Steely Dan und Styx, früher von der deutschen Band Lake erreicht, gibt es jetzt auch mit deutschen Texten.