Die Hauptfiguren dieser novellistischen Studie sind die kleinen Leute: Bahnwärter Thiel ist ein gutmütiger, gewissenhafter Mann, der seit 10 Jahren gern und zuverlässig seinen einsamen Dienst im Bahnwärterhäuschen verrichtet. Nachdem seine Frau Minna bei der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Tobias gestorben ist, heiratet er erneut, da er eine "Ersatzmutter" für seinen Sohn und eine tüchtige Wirtschafterin für seinen Haushalt braucht.
Seine zweite Frau Lene ist das krasse Gegenteil seiner ersten, zarten und kränklichen Gattin: groß, gesund, kräftig, äußerst vital und dominant. Der ruhige und bescheidene Thiel steht bald ganz unter dem Pantoffel seiner Frau, der er offenbar sexuell hörig ist und deshalb nicht gegen sie aufbegehren kann. Selbst als er mitbekommt, dass Lene Tobias nicht mag und diesen nach der Geburt ihres eigenen Sohnes vernachlässigt und misshandelt, bringt er nicht die Kraft auf, dagegen einzuschreiten und flüchtet sich nachts im Bahnwärterhäuschen in seine Träumereien über seine schmerzlich vermisste erste Frau, mit der ihn eine "geistige Liebe" verband. Sein schlechtes Gewissen im Hinblick auf seine mangelhafte Unterstützung für Tobias führt allmählich zu seltsamen Traumbildern - in einer Halluzination meint er die Verstorbene zu erblicken...
Der Rest seiner geistigen Gesundheit entgleitet ihm durch einen tragischen Unglücksfall: Tobias, der von Lene nicht angemessen beaufsichtigt wird, läuft auf die Bahnstrecke und
wird von einem Zug überfahren. Der vor Trauer wahnsinnig gewordene Mann erschlägt daraufhin seine Frau und schneidet seinem zweiten Sohn die Kehle durch. Er endet in der Irrenanstalt...
Gerhart Hauptmanns Sprachstil hat mir sehr gut gefallen: obwohl das ganze Buch (Büchlein) nicht mal 50 Seiten umfasst, schildert er sowohl das Innenleben (die zunehmend verwirrte Psyche) seines Protagonisten als auch das äußere Umfeld so eindringlich, dass man einen Film zu sehen glaubt. Die Bedrohung durch den sich zuspitzenden Konflikt mit seiner Frau, die der Bahnwärter herannahen fühlt, spiegelt sich in seinen Eindrücken von den herannahenden Zügen, die er als gefährliche Ungetüme wahrnimmt.
Das Buch wurde 1887 geschrieben, aber die Thematik der Familientragödie ist auch in einer Zeit, in der kaum eine Woche ohne einschlägige Pressemeldung über ein Blutbad nach Ehezwistigkeiten vergeht, aktuell.
Ein sehr trauriges, aber lesenswertes Buch!