Ich verstehe, dass viele Leser diesen Roman langatmig und langweilig finden. Es hängt wohl davon ab, ob die Liebe zum Roman trotz der raumgreifenden und zeittrotzenden Schilderungen erhalten bleibt: bei mir blieb sie erhalten. Ich stelle mir aber den Zeitgeist der heutigen Schulklassen vor und kann gut nachfühlen, dass die Geschichte dort bei vielen nicht gut wegkommt. Bei mir sieht die Paperback-Ausgabe nach dem Lesen nicht mehr gut aus: Ergebnis von 6-wöchigem vielfachem Herumtragen, Einpacken, Herausnehmen, auch Nassregnen.
Ein Thema dieser Geschichte ist die Malerei: spontan hat mich auch die Art des Erzählens und Beschreibens ans Malen erinnert: Lenz lässt sich viel Zeit: mit ein paar Pinselstrichen skizziert er die Stimmung, durch zaghaft und langsam aufgetragene Farben füllt er die Handlung mit Leben, es kann schon ein paar Seiten dauern, bis das Bild fertig ist.
In Rückblenden reflektiert ein Jugendlicher seine Kindheit und das Verhältnis zu seiner Familie mit einer Ausdauer, Detailtreue und Einfühlsamkeit, dass ich den Roman spontan ins Herz geschlossen habe. Sehr betroffen hat mich der im Elternhause Jepsen herrschende Ton gemacht: hier fehlen Liebe und Verständnis völlig. Darüber hinaus kommt es einer gemeinen Vergewaltigung des Kindes Siggi gleich, dass er von der Eltern als Horchposten und Helfershelfer missbraucht wird. Für den Vater soll Siggi den Maler ausspionieren, mit dem er befreundet ist. Seine Mutter benutzt ihn, um die Sachen des von den Eltern gehaßten (aber von Siggi geliebten) Schwiegersohnes zu packen, als dieser aus dem Haus gewiesen wird. Zwischen den Eltern und der Zuneigung zum Maler zerrieben und verwirrt entwickelt er Ängste und kleptomanische Neigungen, die ihn schließlich in die Besserungsanstalt bringen.
Dass die Eltern in ihrer Sturheit derart aufgehen (hier mit dem Wort Pflicht verwechselt) zeugt von übergroßem Haß gegen alles und jeden. Aber so geht es allen drei Kindern: Klaas muß fürchten, von seinen Eltern an die Kriegsgerichtsbarkeit ausgeliefert zu werden, Siggi wird zwischen den Familienfronten zerrieben, Hilkes Freund wird aus dem Hause verwiesen, da der den Vorstellungen von einem Schwiegersohn nicht entspricht. Die Eltern haben alle ihre Kinder verraten. Somit ist die Freude an der Pflicht nur ein Synonym für die kalte, gefühlsstarre Welt des Hauses Jepsen. Und so gleitet Siggis Stimmung von Melancholie beim Betrachten des Eises auf dem Fluß bis zu tiefer Traurigkeit bei den Rückblenden zur Kindheit in Rugbüll.
Während ich die Kapitel des Romans las, hatte ich schon die Stimmen meiner ehemaligen Deutschlehrer und -lehrerinnen im Ohr: Widerstandskampf, NS-Zeit, Wertung des Romans im Kontext der damaligen Zeit. So ein Quatsch. Ist dieser Roman nicht gänzlich unpolitisch? Da ist ein Mensch, der malt und ein anderer, der sich hinter dümmlich starrer Pflichterfüllung versteckt und hier seine Bestimmung zu finden glaubt. Am Anfang sind es immer Menschen, die den Ton vorgeben, bevor dann andere hinterhertrotten. Denn es lohnt sich für sie: trotz seiner relativ unbedeutenden Landpolizisten-Autorität kann er sich auf, ja über das Niveau des Malers erheben.
Fazit: ein toller Roman voller Gefühl, trauriger Erinnerungen und vielfältiger Nordseestimmungen.