Das Buch, das ich hier besprechen möchte, ist "Königreich der Angst", die Autobiografie von Dr. Hunter S. Thompson, erschienen in der ersten deutschen Übersetzung - 'zu meiner positiven Überraschung als schön gestaltetes Paperback, so wie es sich gehört. Das amerikanische Original Kingdom Of Fear erschien 2003, also zwei Jahre vor HST's erschütterndem Selbstmord, ist aber nicht sein letztes Buch, so wie es auch den Begriff "Autobiografie" nicht so recht verdienen will. Nennen wir es hier also präzisierenderweise besser seine "Memoiren".
Gleich zu Anfang muss gesagt sein, dass ich mit der üblichen Huldigung auf der Rückseite (sie lautet: "Das Vermächtnis des grössten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts") ganz und gar nicht einverstanden bin, zumal HST für mich das schlicht und einfach nicht ist, und zudem empfinde ich die Bezeichnung "Schriftsteller" in Anbetracht der üblichen, posthumen Arschkriecherei à la "wir haben ihn schon immer für den Grössten gehalten" als Hohn. Allerdings kommt dieser vom Rolling Stone, für das HST doch zeitlebends gearbeitet hat.
Eine Autobiografie ist es deswegen nicht, da er Stationen aus seinem Leben nur streckenweise und wenn nötig streift oder bewusst erklärungshalber nennenswerte Dinge aus seiner Biografie erwähnt, wie sein erstes Strafdelikt als Neunjähriger und seine damit verbundene und lehrreiche erste Bekanntschaft mit dem FBI, die Zeit als Jugendlicher bei der Air Force, sein erster Job als Journalist, die Sheriffkandidatur in Aspen, sein Job als Nachtmanager eines Bordells, von Vietnam und Schlägereien in Brasilien oder kleine Anekdoten wie sein interessantes Geburtstagsgeschenk an Freund Jack Nicholson oder die nächtliche Odyssee mit einem durchgeknallten, kriminellen Richter (diese bildet offensichtlich die Basis für die Erzählung "Tod eines Dichters" von 1991, die nun im Nachhinein gesehen tatsächlich auf wahren Gegebenheiten zu beruhen scheint - 'eine alles andere als beruhigende Tatsache).
Erhellende Details wie jene aus der Zeit von "Fear and Loathing in las Vegas" oder auch aus Puerto Rico, 'die zu "Rum Diary" führten,' finden sich leider nicht. Die Berichte als Auslandkorrespondent auf Kuba und Granada so wie die detaillierten Schilderungen seiner stets gewonnenen Prozesse, würden eigentlich auch als Journalismus durchgehen und in andere Bücher von ihm passen. Das Problem mit der Genrebezeichnung läuft hier also gewohnt wieder in das eigentliche, ureigene "Gonzo", welches autobiografische, fiktive und journalistische Schreibweisen vermischt. So gesehen sind die politischen Berichte genau so autobiografisch wie seine Autobiografie politische und journalistische Berichte sind. Allerdings bekommen wir in Königreich der Angst einige ungewohnt feinfühlige, sentimentale und verletzliche Informationen über sein Leben, wenn diese auch wiederum gespickt sind mit grotesken Übertreibungen. Die rührende Erzählung, in der er seine zukünftige Frau Anita kennen und lieben lernt, nachdem er sie aus den Klauen zweier bestialischen Köter rettet, erwähnt Aussagen wie "Ich stiess der grösseren Dogge die Gabel zwischen die Rippen, bis sie tief ins Fleisch drang", genau so wie auch jenen Satz, den sie des Nachts auf einem Baumstamm sitzend zu ihm sagt: "Es liegt daran, dass Du die Seele eines weiblichen Teenagers hast, die im Körper eines Drogis wohnt. Deswegen hast Du Probleme". Im Original: "the Soul of a teenage girl in the body of an elderly dope fiend," she whispered. "That is why you have problems."
Lebe in Freiheit oder stirb!
Insgesamt sind die Anekdoten, biografischen Elemente oder ausführlichen Beschreibungen über das gegenwärtige Rechtssystem der USA Ansätze von Erklärungen, wie es zu dieser seiner extremen Art von Existenz gekommen ist. "It never got weird enough for me", schreibt er und betont an mehreren Stellen, dass er, wenn er die Möglichkeit dazu hätte, alles noch einmal genau gleich machen würde. Tatsächlich ist es die Frage "warum SO?", die sich als roter Faden durch das Buch zieht, und Thompson versucht sie ehrlich und selbstkritisch zu beantworten, aber nicht ohne diesen sehr guten Schuss Humor, den die Welt womöglich als "Wahnsinn" missversteht. An geeigneter Stelle beantwortet er jene andere drängende Frage nach dem Wahrheitsgehalt seiner Geschichten so: "Die cleveren Medienleute wussten, dass es sich um wirre Übertreibung handelte. Die Dämlichen nahmen es für bare Münze und ermahnten ihre Kinder, sich unter allen Umständen von mir fern zu halten. Aber den wirklich Smarten war klar, dass es sich nur um eine zensierte und abgeschwächte Kinderbuchversion der Wahrheit handelte." Und nebenbei: "Allein schon die brutale politische Realität wäre ohne Drogen unerträglich." 'Dies eine Antwort auf die dritte Frage.
Thompson, so sickert durch, war ein extremer Charakter mit extremer Energie, hyperaktiv und nervös, "süchtig nach Nachrichten", entschieden und ausgesprochen konsequent. Seine Lehrerin bezeichnete ihn als "kleinen Hitler", wohl im Sinne der unerbittlichen Sogwirkung auf seine Gleichaltrigen. "Buy the ticket, take the ride" ist wortwörtlich zu verstehen. Wenn Du das Ticket gekauft hast, musst Du auch auf die Reise gehen. "Thunder Road (...) war einer jener Filme, die mich packten, als ich noch zu jung war, um mich wehren zu können. Er überzeugte mich, dass es nur eine Fahrweise gab: mit Höchstgeschwindigkeit und dem Auto voller Whisky. Und so bin ich seither gefahren, egal wo und wann." Dies mag der Punkt gewesen sein, an dem er jene berühmte, "seine Entscheidung getroffen hat", nie nein zu sagen. Auf die Frage wie er das überleben konnte, antwortete er: "Ich hätte nie gedacht, dass ich älter als siebenundzwanzig würde. Jeden Tag aufs Neue bin ich ebenso verblüfft wie alle anderen, wenn ich feststelle dass ich noch lebe."
Penguin-Books preist Thompson als "High Priest of Hedonism". Ich würde ihn eher als "Hohepriester der Konsequenz" bezeichnen. Dies zumindest angesichts der Ironie, dass der ständig totgesagte, totgewünschte, totgeglaubte Hedonist seinen Tod letztlich willentlich selbst herbeigeführt hat. Es mag seltsam klingen, jedoch macht es nach der Lektüre von Königreich der Angst fast ein Jahr nach seinem unverständlichen Selbstmord auf einmal Sinn, diesen als letzte Konsequenz seines Konzepts des "Thunder Road" als meisterhaft zu loben. Thompson, die "Eidechse ohne Puls", hätte noch viele Jahre weitergelebt, womöglich mit allmählichen physischen Gebrechen und Alterserscheinungen. Schlimmer als dies aber: Er wäre gemächlicher und schwächer geworden, passiv, hätte sich wie Tom Wolfe allmählich selbst kopiert und sich langsam fassbar gemacht. Er wäre schlichtweg langweilig geworden. Und dies alles in jenen Jahren, die für ihn ohne Frage das Ende bedeuteten, das Ende des Amerikanischen Jahrhunderts, welches mit dem "katastrophalsten Tag der amerikanischen Geschichte" eingeläutet wurde, dem 7. November 2000, dem Zeitpunkt der Usurpation, an dem die widerwärtige, faschistische Bush-Familie, die Neuen Blöden, die Kontrolle über das Weisse Haus übernahm, die Zeit, in der der Spass wirklich aufhörte: "Es ist der Anfang des Endes unserer Welt wie wir sie kannten" und Titelgebend für das Buch, wesentlich eine präzise Bestandesaufnahme der gegenwärtigen politischen Situation in den USA.
"Wie lange noch, oh Herr, wie lange? ...
...Wo kommen sie bloss immer wieder her, diese ekelhaften Schweine? Sie sind wie eine zähe Flut, und sie werden von Mal zu Mal mieser und dümmer."
Das Kingdom Of Fear ist das 4. Reich, wovor sogar Thompson resignieren musste, er, dessen Werk nur so funkt vor wüsten Beschimpfungen der mächtigen Bösen, angefangen bei Johnson und Agnew, über Nixon, McCarthy und J. Edgar Hoover bis hin zu Reagan, Ed Meese und George Bush Senior. Mit all dem schien HST es aufnehmen zu können und auch zu wollen. Aber alles dies schien die neokonservative Bush-Administration an Widerwärtigkeit zu überbieten. Hier versagt Thompsons Patriotismus. Oder er beginnt erst richtig aufzublühen, je nach dem wie man es sieht. Die Botschaft an den debilen Kindpräsidenten ist jedenfalls unmissverständlich: "f*** dich selbst. Ich steige aus. Mahalo!"
When the going gets weird, the weird turns pro
Auch wenn die Message den Präsidenten nie erreichen wird, so erreicht sie zumindest uns. Es sind die letzten Worte eines grossen Beobachters seiner Zeit, die uns warnen und uns rekrutieren können, wenn wir geneigt sind, sie aufzunehmen. Es ist das Anliegen des redlichen Journalisten, die Wahrheit aufzudecken und in die Welt zu tragen. Das Buch ist aber mehr als das. Es strotzt vor Lebensweisheit und Ratschlägen, etwa wie ein böses System mit den eigenen Waffen geschlagen werden kann. Dies kommt von einem Mann, der zeitlebens einen verqueren Fuss im Knast hatte, es aber immer irgendwie geschafft hat. Seine Delikte geschahen stets aus einer leidenschaftlichen Unfähigkeit, Unmenschlichkeit zu akzeptieren und zu tolerieren. William S. Burroughs hätte ihn wohl als "Johnson" bezeichnet '- gemeint ist nicht Präsident Johnson sondern die "Johnson-Familie": Ein Ausdruck für redliche Gauner und Vagabunden mit einem Verhaltenskodex. Ein Johnson nimmt seine Verpflichtungen ernst und man kann sich auf sein Wort verlassen.
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