Thomas Mann beschreibt Kindheit und Jugend eines Jungen, der als Sohn des Großherzogs aufwächst und von Geburt an als etwas Besonderes behandelt wird, als "Feiner und Reiner".
Als Kind stöbert er im Schloss nach unbekannten Gängen, Räumen und Gegenständen, versucht auch Einblick zu gewinnen in das wahre Leben einfacher Menschen, aber nur ganz zögerlich und sehr sehr selten. Die wenigen Begegnungen mit dem "wahren Leben" beeindrucken und prägen ihn daher ganz besonders. Er hat keine Freunde außer seiner Schwester und einem Lehrer, die ihn daher besonders stark beeinflussen. Er widmet sein ganzes Dasein seinem "hohen Beruf", der darin besteht, zu repräsentieren und sich scheinbar für alles mögliche zu interessieren. Aber nur scheinbar, ohne wirkliche Empathie.
Schließlich, er ist nun schon 26, lernt er die Milliardärstochter Imma kennen. Für die interessiert er sich wirklich, nicht nur scheinbar. Er versucht verzweifelt, ihr Vertrauen zu gewinnen.
In der broschierten Fassung von Fischer Taschenbücher, die ich gelesen habe, verrät der Klappentext (bzw. Rückseite und erste Seite des Buches) schon viel mehr von der Handlung. Vor allem den Schluss. Es ist zwar immer noch "nett" zu lesen, wie es denn zum Finale kommt, aber dieser Klappentext ist doch eigentlich eine Frechheit und stiehlt dem Leser einiges an Spannung. Ich empfehle: Zukleben, rausreißen, oder eine andere Ausgabe kaufen.
Es ist für den Leser wirklich amüsant, die Welt aus den Augen eines so seltsamen Jünglings zu sehen. Und manchmal macht es auch richtig nachdenklich, wenn man sich überlegt, dass "die da oben" wirklich, auch heute noch, ein ganz verzerrtes Bild von der Wirklichkeit haben, zwangsläufig haben müssen, weil die Menschen sich ihnen gegenüber ganz anders verhalten als untereinander.
Thomas Mann bringt viele Parallelen zum wirklichen Leben in dem Roman unter. Z. B. hat der Held der Geschichte eine verkrüppelte linke Hand, genau wie Kaiser Wilhelm II, der zu der Zeit (der Roman entstand zwischen 1905 und 1909) "zufällig" gerade an der Macht war. Die wirtschaftlichen Probleme des Großherzogtums Anfang des 20. Jahrhunderts waren sicher auch nicht ganz an den Haaren herbeigezogen. Besonders die Sache mit der hoffnungslosen Verschuldung des Staates. Die Namen der Handelnden sind z. T. sehr sprechend, z. B. "Dr. Überbein" für den häßlichen Lehrer aus schlechten Verhältnissen. Viele gängige Adelsnamen tauchen auch auf, z. B. Schulenburg. Somit wirkt die Geschichte teilweise realistisch, teilweise auch wie eine Parodie auf tatsächliche Verhältnisse. Es ist bestimmt auch etwas Autobiografisches von Thomas Mann in dem Roman zu finden, denn als er das Buch schrieb, war er frisch verheiratet mit einer jungen Dame aus besten Verhältnissen. Um die hatte er lange werben müssen, und so ein bisschen abgehoben von der Wirklichkeit war er sicher auch, als Künstler, der von den Zinsen des Vermögens seines Vaters lebte.
Ein paar märchenhafte Elemente wurden in dieser Geschichte auch verbacken, wie es sich für eine Lebens- und Liebesgeschichte aus der Sphäre des Hochadels gehört. Die Weissagung einer alten Zigeunerin erfüllt sich, und vor dem alten Schloss wächst ein Rosenstrauch, der nach Moder stinkt und beim Anbruch besserer Zeiten wieder duften soll. Dieser Prophezeiung hilft der junge Prinz nach, indem er den Strauch einfach in eine günstigere Umgebung verpflanzen lässt. Das märchenhafte Element ist somit - schwuppdiwupp - ironisch gebrochen, und der Leser erfährt tatsächlich nie, ob der Strauch wirklich duften wird.
Weiterhin treten auf: ein grieskrämiger Milliardär, ein hypernervöser Collie, rassige Pferde, eine geistesgestörte Gräfin, die sich gerne als Frau Meyer anreden lässt, bestechliche Lakeien, ein guter Arzt, schleimige Untertanen und eine kaltherzige Mutter, die mal eine Schönheit war. Thomas Mann hat mit beiden Händen hineingegriffen ins volle Tier. und Menschenleben.
Wie die Geschichte warum ausgeht, werde ich nicht verraten. Lesen Sie sie, wenn Sie wissen möchten, wie es ausgeht, wenn Sie die schönen langen Sätze von Thomas Mann lieben und sich freuen, einen Roman von ihm in die Hände zu bekommen, der etwas bietet, was bei seinen Werken selten ist: ein beinahe vollkommenes Happy End.
Ups, jetzt habe ich es doch verraten.
PS: Ein Stern Abzug für manche langatmigen Passagen und für die Hopplahopp-Konstruktion des Endes, das man doch noch etwas raffinierter und weniger problemlos hätte gestalten können.