Aus der Amazon.de-Redaktion
Sie heißen Gloria und Marie, leben in Berlin, sind beste Freundinnen, trendbewußt, so um die dreißig und haben den Blues. Richtig gut geht es ihnen nur, wenn sie einkaufen gehen. Mit der goldenen KaDeWe-Kundenkarte, ohne einen Pfennig auf dem Konto. Dann sind sie die Königinnen.
Meistens geht es aber so aus: "Um meine Laune zuheben, gehe ich Schuhe kaufen. Mit Absätzen. Marie will erst mitkommen, aber dann fällt ihr ein, daß sie kein Geld hat und geht lieber nach Hause. Ich gehe über die Straße zum Bankautomaten. Der gibt mir kein Geld. Ich weine ein bißchen und fahre auch nach Hause."
Das Leben ist traurig. Und ehrlich: Wie das Buch so anhebt, denkt man, dieses Buch ist öde. Eitle Gedanken eitler Mädchen über das Einkaufen und die Fehler, die man dabei machen kann. Zum Glück schneidet der Friseur wenigstens gut: "Ich sehe fast aus wie vorher, nur viel viel besser"
Man weiß nicht, wie einem geschieht, aber all diese kleinen naiven, manchmal unglaublich bescheuerten, zickigen Sätze, die Elke Naters ihren Handtaschen-Heldinnen in den Mund legt: sie fesseln. Von wegen naiv. Gucci-Gürtel und Prada-Taschen ja, aber so nach und nach, kaum merklich, webt die junge Berliner Autorin aus der Shopping-Gedankenwelt eine Geschichte, die viel ehrlicher von der Freundschaft zwischen zwei Menschen, von der Sehnsucht nach Liebe, Lust und Geborgenheit erzählt, als irgendein Buch, das von Liebe, Lust und Geborgenheit handeln will.
Da liest man fort und fort in diesem überaus leichten Roman, der etwas hat von den seltsam entrückten Stimmungen in Judith Hermanns Sommerhaus, später. Was passiert da eigentlich, fragt man, und versteht alles. Und kann irgendwie nicht anders als immer weiter, bis nach 150 Seiten Schluß ist. Leider. Dann fängt man von vorne an, um die Laune zu heben. --Nikolaus Stemmer
Neue Zürcher Zeitung
Das glückliche Leben
Elke Naters' Roman «Königinnen»
Es gibt kein Patentrezept zur Anfertigung eines erfolgreichen Romandébuts. Aber es gibt ein paar brauchbare Kriterien, deren Beachtung zumindest nicht schaden kann: Man nehme einen möglichst allgemeinmenschlichen Stoff und verbinde ihn mit einer möglichst originellen, noch nicht sehr erprobten Formidee. Die 1963 geborene Elke Naters handelt in ihrem ersten Roman von zwischenmenschlichen Beziehungen, was naheliegt; sie inszeniert ihr Beziehungstheater mit einem formalen Trick, der simpel und raffiniert zugleich ist: der Verdoppelung der Perspektive.
Nicht etwa Mann und Frau stellt sie gegeneinander, sondern Gloria und Marie, zwei Freundinnen, beide 30jährig, die eine mit Mann und Kind bestückt, die andere ledig. Gloria beneidet Marie, und Marie beneidet Gloria. Der Neid schärft den Blick auf Defizite, und ob es angenehmer ist, im Nest zu hocken und Mann und Kind zu versorgen, oder nächtelang in Bars zu sitzen, sich die Augen nach passablen Männern auszugucken (allesamt hässlich) und am frühen Morgen betrunken und unbefriedigt ins Bett zu fallen, das bleibt bis zum Ende hin offen. Womöglich ist das glückliche Leben anstrengender zu führen als das unglückliche, besonders dann, wenn man überhaupt kein Talent zum Einkaufen hat und angesichts des Gemüseangebots zur Schwermut neigt («Vielleicht einen Salat. Den muss man waschen, dazu habe ich keine Lust»).
Die hundertprozentige Fixierung auf Lustbudgets das Berufsleben spielt in diesem Roman keine Rolle wirkt ein wenig pubertär, aber sie treibt auch den Witz des Unternehmens beträchtlich in die Höhe, wie eben jede Form der Monomanie ihre bizarren Seiten hat, jede Übertreibung dem Komischen den Boden bereitet. Aus dem engsten Kosmos zwischen Friseur- und Schuhsalon, Bar und Bett, verschlepptem Sex und Wodka bis zum Abwinken schlägt Elke Naters mit kluger erzählerischer Ökonomie den denkbar grössten ästhetischen Gewinn. Es liegt vor allem daran, dass sie exakt den Ton trifft, der ihren alternierend dargebotenen Ich-Inszenierungen jenen Al-dente-Effekt sichert, um den es jeder Literatur gehen muss, die casalinga kocht, nach Hausfrauenart, und ihrem Publikum etwas zum Kauen geben will.
Mit klassischem Feminismus hat das nur sehr entfernt etwas zu tun, wohl aber mit weiblichem Selbstbewusstsein. Der Leser wird Gloria und Marie mögen, weil sie Witz haben und sich zu wehren wissen und weil sie sich und ihresgleichen nicht schonen. Keinen Pardon gibt Gloria den Frauen, die sich ständig «in offensichtliche Deppen» verlieben: «Man geht doch auch nicht in ein Restaurant und bestellt sich eine Pizza mit Kapern, und dann beschwert man sich darüber, weil man Kapern nicht ausstehen kann und sie nur deshalb bestellt hat, weil die so schön aussehen auf der Pizza.» Die verquere Syntax trägt nicht wenig zur gestischen Unmittelbarkeit dieser O-Ton-Prosa bei, zu ihrer um das Zeitgeist-Wort der Stunde zu bemühen «Authentizität».
«Authentisch» ist dieser Roman ganz und gar, vom Ambiente der «angesagten» Lokalitäten bis zu den Anleihen bei einem aktuellen Jargon, ohne die sich das Lebensgefühl der jungen Damen nicht angemessen darstellen lässt. Anders als Matthias Polityckis ambitioniert-positivistisches Mammutwerk vom Vorjahr ist dies nun wirklich ein «Weiberroman», dem es exemplarisch gelingt, Mentalität und Psyche der Protagonistinnen von innen her präzis zu erfassen. Der Unterschied ist der: Elke Naters kommt ohne Romantik aus. Sie verklärt ihre Geschlechtsgenossinnen nicht, sie lässt ihnen ihren Egoismus, ihre Ressentiments, ihren Kleinmut, ihre gelegentliche Verzagtheit und ihre Illusionen. Und sie gibt ihnen den Biss und den Mutterwitz, das Herz und den kühlen Verstand, den die notorisch gefühlsseligen Männer nur selten aufbringen, wenn sie das verminte Terrain ihrer Leidenschaften wagemutig betreten.
Martin Krumbholz