Ich muss gestehen: Bevor ich dieses Buch in die Hände bekommen habe, wusste ich so gut wie nichts über Eleonore von Aquitanien, und eigentlich wusste ich auch nicht allzuviel über diese Epoche, in der die Weichen für die weitere Entwicklung Europas hin zu Aufklärung und Renaissance gestellt wurden.
Die Eckpunkte gerade noch: Wilhelm den Eroberer, den Urgroßvater ihres zweiten Ehemannes, kennt man vom Englischunterricht, und ihren Sohn Richard Löwenherz kennt man im Zusammenhang mit Robin Hood, auch noch die Räuberpistole über Richards Geiselhaft hat man vage in Erinnerung...
Régine Pernouds Eleonore-Biographie "Königin der Troubadoure" schließt also (zumindest bei mir) eine hochnotpeinliche Bildungslücke: Sie setzt den verschiedenen Kolportage-Romanen über Eleonore eine fundierte Biographie entgegen, die vor allem auf zeitgenössischen Quellen beruht. Keine mit heißer Nadel gestrickte Romanbiographie also, keine unfreiwillig komischen Dialoge, deren Spagat zwischen heutigem Deutsch und authentisch wirken sollender Redeweise grandios ausrutscht, sondern Fakten, Fakten, Fakten... Allerdings sehr gut aufbereitete Fakten; auch ohne allzu viel Hintergrundwissen kommt man hier auf seine Kosten. Pernoud zeichnet ein farbiges Bild einer außergewöhnlichen Frau, deren Sinn für Literatur mindestens so ausgeprägt war wie ihre politischen Fähigkeiten. Eingebettet ist die als Erzählung gestaltete Biographie in ausführliche Erklärungen des zeitgenössischen Hintergrundes: Man erfährt ganz nebenbei viel über die Ideale und Vorstellungen der Zeit, die das Verhalten ihrer Menschen erst nachvollziehbar machen, lernt nebenbei die völlig verschieden gearteten Höfe und Residenzen Europas kennen -- von Westminster bis Konstantinopel und Antiochia.
Man merkt beim Lesen, dass Pernoud Historikerin ist. Sie verschont einen mit romantischem Schwulst, phantasiert keine wildromantischen Affären in ihr Thema hinein. Schnell wird klar, dass das auch nicht nötig ist: Die blanken Tatsachen über Eleonores Leben sind spannend genug, mehr als das: Sie dulden keine wildwuchernde Spekulation, die im Vergleich ohnehin mager daherkäme. Eine der einflussreichsten Frauen des ausgehenden Mittelalters lernt man hier kennen, die zahlreiche Minnesänger anregte, an deren Hof wohl auch Grundlagen gelegt wurden für die ersten höfischen Romane. Ihren ersten Mann, Ludwig VII., begleitet sie auf dessen Kreuzzug nach Palästina, heiratet Heinrich II. von England, durchlebt mit bzw. wegen ihm Höhen und Tiefen ungeahnter Dimension, beweist mehr als einmal außergewöhnliches politisches Geschick, übernimmt schließlich die Regentschaft für ihren meist abwesenden Sohn Richard. Noch am Ende ihres Lebens, als 80jährige, wird sie Zeugin des erstarkenden Bürgertums und erkennt in ihm sofort den neu entstehenden Machtfaktor; vor allem in ihrem angestammten Herrschaftsgebiet Aquitanien fördert sie die neugegründeten Städte. Und sie stellt ein weiteres Mal die Weichen für die weitere Entwicklung Frankreichs, indem sie ihre Enkelin Blanca mit dem französischen Thronfolger verheiratet.
Auch die historischen Hintergründe sind spannend zu lesen -- das Europa des 12. Jahrhunderts war nicht nur soziologisch und intellektuell auf ganz anderen Prämissen aufgebaut, nein, sogar die Geographie war eine andere (strenggenommen war z.B. der englische König ein Vasall des französischen, wegen seiner umfangreichen Besitzungen auf dem Festland).
Beispiele für gelungene "so ganz nebenbei"-Erklärungen gibt es zuhauf; z.B. bettet Pernoud in die Schilderung der Krönungszeremonie Richards Löwenherz geschickt ein, welche Bedeutungen all die Insignien, heraldischen Details usw. hatten; schließlich hatte im Mittelalter jede Geste eine weit über sich selbst hinaus weisende höhere Bedeutung.
Nur manchmal liest sich "Königin der Troubadoure" etwas zäh, nämlich dann, wenn Pernoud zu viele Fakten aufhäuft. Manchmal erliegt die Autorin auch dem Charme des Klischees, besonders, wenn sie die äußere Erscheinung der Protagonisten beschreibt. Hier stützt sie sich zudem oft auf zeitgenössische Porträts, weist aber nicht darauf hin, dass man es hier noch nicht mit der atemberaubenden Porträtkunst der Renaissance zu tun hat: Wer damals als schön galt, wurde mit den zeitgenössischen Insignien der Schönheit ausgestattet und dem Schönheitsideal der Zeit angeglichen... "Realismus" in der heutigen Bedeuung war noch unbekannt.
Ein weiteres Manko, das allerdings nicht die Autorin zu verantworten hat, ist das fehlende Register. Gerade weil einem viele Namen wichtiger Protagonisten kaum oder gar nicht bekannt sind, verliert man manchmal unter dem Lesen den Faden, muss umständlich zurückblättern... Ein Register wäre zwingend erforderlich.
Eine ohne Abstriche empfehlenswerte Biographie einer beeindruckenden, großartigen Frau, in die das umfangreiche Wissen über die historischen Hintergründe zwanglos integriert ist; ein gelungener Balanceakt zwischen Faktentreue einerseits und Lesbarkeit für interessierte Laien (mit und ohne Vorkenntnisse) andererseits -- keine leichte Arbeit, die Régine Pernoud geschultert hat.
Das Ergebnis ist beeindruckend; "Königin der Troubadoure" empfiehlt sich auch für Leser ohne ausgeprägtes historisches Interesse.