Aus der Amazon.de-Redaktion
Angefangen hatte sie als kleine Geldwechslerin in Mexiko. Wie viele andere Mädchen versuchte sie, sich mittels kleiner, halblegaler Geschäfte über Wasser zu halten. Da sie hübsch ist, wird sie alsbald von einem jungen Mann mitgenommen, der ihr ein besseres Leben bietet. Doch das Glück währt nicht lange: Ihr Geliebter treibt beim Handel mit Drogen ein Spiel mit gezinkten Karten und bezahlt mit dem Leben. Auch Teresa steht auf der Abschussliste, und nur knapp gelingt ihr die Flucht nach Spanien.
Dort muss sie noch einmal ganz von vorne anfangen. Erst scheint sich ihre Geschichte wiederholen zu wollen -- die Abhängigkeit von einem Freund, für dessen Fehler sie erneut mit haftbar gemacht wird. Allerdings beschließt Teresa nun, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nach einem Gefängnisaufenthalt, bei dem sie nützliche Verbindungen knüpfen konnte, kommt sie schnell zu Geld. Zielstrebig und ohne Skrupel macht sie Karriere als Geschäftsfrau -- offiziell mit Immobilien und Bars, in Wirklichkeit mit dem Transport von Haschisch und Kokain. Nichts scheint sie aufhalten zu können.
Mit großer Meisterschaft spinnt Arturo Pérez-Reverte ein Netz, in dessen Mitte die Figur der Teresa Mendoza lauert und an den Fäden zieht. Ihre Selbstzweifel und ihre Verbissenheit sind es, die diesen Roman weit über gängiges Unterhaltungsniveau hinausheben. Nach außen hin ist sie von strahlender Selbstsicherheit, doch der Leser erfährt sehr genau, wie es in ihrem Inneren brodelt. Sehr gelungen ist auch der doppelte Blickwinkel, der zwischen geradliniger Handlungsführung und den Recherchen eines Autors, der ein Buch über Teresa Mendoza schreibt, hin und her wechselt -- die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen.
Eine im besten Sinne abenteuerliche Geschichte, die den Erwartungen, die Pérez-Revertes bisherige Bücher -- darunter vor allem Der Club Dumas und Jagd auf Matutin geweckt haben, spielend gerecht wird. --Hannes Riffel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Königin des Südens von Arturo Perez-Reverte, Arturo Perez- Reverte, Angelica Ammar. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Gefahr schwebte. Es war so eindeutig, dass sie
mit der Rasierklinge in der Hand erstarrte; die Haare klebten
ihr am Gesicht, im Dampf des heißen Wassers, das an
den Fliesen heruntertropfte. Biep-biep. Sie blieb ganz ruhig
und hielt den Atem an, als könnten ihre Regungslosigkeit
oder ihr Stillsein den Lauf des bereits Geschehenen noch ändern.
Biep-biep. Bis zur Taille saß sie im schaumigen Wasser
der Badewanne, war gerade dabei, sich den rechten Unterschenkel
zu rasieren; ihre freiliegenden Körperpartien bekamen
eine Gänsehaut, als hätte sie den Kaltwasserhahn aufgedreht.
Biep-biep. Aus der Stereoanlage im Schlafzimmer
erklangen die Tigres del Norte mit ihren Geschichten von
Camelia der Texanerin. Verrat und Schmuggelei, hieß es
dort gerade, vertragen sich nicht. Sie hatte immer befürchtet,
dass diese Lieder schlechte Vorzeichen waren, und plötzlich
verwandelten sie sich in finstere, bedrohliche Wirklichkeit.
Der Güero hatte sich darüber lustig gemacht; aber diese Melodie
gab ihr Recht und bereitete der Überlegenheit vom
Güero einENDe. Seiner Überlegenheit und noch einigem
mehr. Biep-biep. Sie ließ den Rasierer fallen, stieg langsam
aus der Badewanne und ging noch tropfend ins Schlafzimmer.
Das Telefon lag auf dem Bett, klein, schwarz und unheilvoll.
Sie blickte darauf, ohne es anzurühren. Biep-biep.
Voller Entsetzen. Biep-biep. Biep-biep. Sein Klingeln ver-
mischte sich mit dem Liedtext, als gehörte es dazu. Denn
Schmuggler, sangen die Tigres, kennen kein Pardon. Der
Güero hatte dieselben Worte benutzt, lachend, wie es seine
Art war, während er ihr den Nacken kraulte und mit dem Telefon
über ihren Rock strich. Wenn es irgendwann einmal
klingelt, heißt das, ich bin tot. Dann lauf los. So schnell du
kannst, mein Kätzchen. Lauf, und bleib nicht stehen, denn
ich werde nicht mehr da sein, um dir zu helfen. Und wenn du
irgendwo lebendig ankommst, dann trink einen Tequila auf
mich. Auf die guten alten Zeiten, meine Schöne. So verantwortungslos
und so draufgängerisch war der Güero Dávila.
Der Meister der Cessna. König der kurzen Pisten nannten
ihn seine Freunde und auch Don Epifanio Vargas. Er konnte
Kleinflugzeuge in dreihundert Metern in die Luft kriegen,
mit Paketen voller Koks und Gras hinten drin, und in stockdunklen
Nächten knapp über dem Wasser fliegen, hin und
her über die Grenze, unbemerkt von den Radaren der Militärpolizei
und den Geiern der amerikanischen Drogenbehörde.
Und er konnte auf Messers Schneide leben, hinter
dem Rücken der Bosse seine eigenen Trümpfe ausspielen.
Aber er konnte auch verlieren.
Das Wasser rann an ihr herunter und bildete eine Pfütze
zu ihren Füßen. Das Telefon klingelte immer noch. Sie
wusste, es war nicht nötig, abzuheben und sich bestätigen zu
lassen, dass den Güero sein Glück verlassen hatte. Das Klingeln
allein musste genügen, um seine Anweisungen zu befolgen
und wegzulaufen; aber man akzeptiert nicht so leicht,
dass ein einfaches Klingeln das Leben so vollständig verändern
können soll. Also griff sie schließlich nach dem Telefon,
drückte auf die Taste und horchte.
"Den Güero hat es erwischt, Teresa."
Sie erkannte die Stimme nicht. Der Güero hatte Freunde,
einige davon auch treu, dem Ehrenkodex jener Zeit verpflichtet,
in der sie Marihuana und Päckchen mit Schnee in
Reifenfelgen über El Paso in die Vereinigten Staaten trans-
portiert hatten. Es konnte jeder von ihnen sein, vielleicht
Neto Rosas oder Ramiro Vázquez. Sie erkannte den Anrufer
nicht, aber das war völlig egal, denn die Botschaft war eindeutig.
Den Güero hat es erwischt, wiederholte die Stimme.
Sie haben ihn erledigt, zusammen mit seinem Vetter. Jetzt ist
die Familie von seinem Vetter dran und dann du. Also lauf,
so schnell du kannst. Lauf und bleib nicht stehen. Dann
wurde das Gespräch unterbrochen, sie starrte auf ihre nassen
Füße und merkte, dass sie vor Angst und Kälte zitterte;
sie dachte, dass, wer auch immer der Übermittler gewesen
sein mochte, er die Worte vom Güero wiederholt hatte. Sie
sah den Typen vor sich, wie er in einer verqualmten Cantina
über die Gläser hinweg aufmerksam nickte, ihm gegenüber
der Güero, einen Joint rauchend, die Beine unterm Tisch über
Kreuz, wie er immer dasaß, mit seinen spitzen Cowboystiefeln
aus Schlangenleder, dem Tuch um den Hemdkragen, der
Fliegerjacke über der Stuhllehne, den raspelkurzen blonden
Haaren und dem schmalen, selbstsicheren Lächeln. Wenn sie
mir das Genick brechen, wirst du das für mich tun, Kumpel.
Du musst ihr sagen, sie soll laufen und bloß nicht stehen bleiben,
weil sie ihr sonst auch den Hals umdrehen werden.
Plötzlich überkam sie eine Panik, die nichts mehr mit dem
kalten Entsetzen zu tun hatte, das sie zunächst empfunden
hatte. Jetzt brachen Ungewissheit und Wahnsinn über sie herein,
entrissen ihr einen kurzen trockenen Schrei, während
sie die Hände vors Gesicht schlug. Die Beine gaben unter ihr
nach; sie setzte sich aufs Bett und sah sich um. Die weißgoldenen
Streben des Kopfendes, an den Wänden die Bilder mit
den romantischen Landschaften und Pärchen, die durch
Sonnenuntergänge schlenderten, die kleinen Porzellanfiguren,
die sie für die Konsole gesammelt hatte, um ihnen ein
hübsches, behagliches Heim zu schaffen. Sie wusste, dass es
schon jetzt kein Heim mehr war, dass es sich in wenigen Minuten
in eine Falle verwandeln würde. Sie betrachtete sich
im großen Spiegel des Wandschranks. Nackt, noch feucht,
zwischen den dunklen Haarsträhnen, die ihr am Gesicht
klebten, ihre schwarzen Augen, weit aufgerissen, blank vor
Entsetzen. Lauf und bleib nicht stehen, hatten sie gesagt, der
Güero und die Stimme, die seine Worte wiederholt hatte.
Dann lief sie los.